Vermisste Kinder in Belgien: "Child Focus" vermittelt zwischen Eltern und Staat - DER SPIEGEL
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Vermisste Kinder in Belgien "Child Focus" vermittelt zwischen Eltern und Staat

Jean-Denis Lejeunes Tochter Julie war acht Jahre alt, als sie im Juni 1995 zusammen mit ihrer Freundin Melissa Russo entführt wurde. Zehn Monate lang hielt der inzwischen zu grauenvoller Berühmtheit gelangte belgische Kinderschänder Marc Dutroux die Mädchen im Keller seines Hauses in Sars-la-Buissiere gefangen. Er vergewaltigte und misshandelte seine Opfer so lange, bis sie im Frühjahr 1996 starben.
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Im Herbst desselben Jahres gingen 300.000 Belgier auf die Straßen, um gegen die eklatanten Ermittlungsfehler der Polizei und das skandalöse Versagen der Behörden im Fall Dutroux zu demonstrieren. Der "Weiße Marsch" sollte den Eltern der Opfer und der ganzen Welt zeigen, dass die belgische Öffentlichkeit nicht mehr bereit war, die erschreckende Nachlässigkeit von Justiz und staatlichen Organen hinzunehmen. Das Parlament setzte einen Untersuchungsausschuss ein, Dutroux kam in Untersuchungshaft. Doch die Angehörigen der bestialisch ermordeten Kinder warten bis heute vergeblich darauf, dass dem mutmaßlichen Mörder der Prozess gemacht wird.

"Es wäre eine große Erleichterung für alle Beteiligten, wenn der Fall endlich zu einem Ende käme, damit unser Leben weitergehen kann", sagt Isabelle Marneffe, Pressesprecherin und Kollegin von Jean-Denis Lejeune, der nach dem schrecklichen Mord an seiner Tochter die Hilfsorganisation "Child Focus"  gegründet hat. "Die Verzögerung des Prozessbeginns ist für die Betroffenen vollkommen unverständlich. Man hat mehr als genug Material, um mit den Verhandlungen zu beginnen, aber jetzt soll erst geklärt werden, wer Julie und Melissa gekidnappt hat - eine Frage, die vermutlich niemand je wird klären können." Zudem würden die Eltern immer wieder vertröstet, berichtet Marneffe. Wurde der Prozessbeginn noch vor kurzem auf das Jahr 2002 datiert, spricht man jetzt inoffiziell bereits von 2003 oder 2004.

Intensive Betreuung durch "Case Manager"


Da ist es zumindest ein Trost, dass die 30 fest angestellten und über 1000 ehrenamtlichen Helfer von Child Focus Eltern und Angehörigen vermisster oder misshandelter Kinder seit drei Jahren mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die im März 1998 gegründete Organisation arbeitet in Zusammenarbeit mit dem belgischen Justiz- und dem Außenministerium auf heimischem und internationalem Terrain. Die eine Hälfte des Budgets stammt aus öffentlichen Kassen, die andere kommt von Firmen oder privaten Spendern.

Unter der Notrufnummer 110 ist Child Focus rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche zu erreichen. Kriminologen und Psychologen nehmen die Anrufe entgegen und entscheiden zunächst, ob sie für den Fall zuständig sind oder an andere Institutionen verweisen müssen. Unmittelbar aktiv werden die Spezialisten bei ungeklärtem Verschwinden eines Kindes, bei Kidnapping, sexueller Ausbeutung und Prostitution von Minderjährigen sowie bei Kinderhandel, Pornografie im Internet und Pädophilie.

So genannte Case Manager betreuen den aufgenommenen Fall von Anfang bis Ende: Sie kontaktieren die Eltern, sprechen mit Richtern, Polizei und Vertretern anderer Hilfsorganisationen. Diese Betreuer stehen den Eltern ständig zur Verfügung und geben Ratschläge in allen praktischen Belangen.

Schmaler Grad zwischen Nichteinmischung, Protest und produktiver Zusammenarbeit


"Wir können in vielen Bereichen helfen, ohne in die laufenden Ermittlungen einzugreifen", erklärt Isabelle Marneffe den nicht immer einfachen Status ihrer Helfer als Vermittler zwischen staatlichen und privaten Institutionen. "Die Opfer und Betroffenen ziehen es häufig vor, mit uns zu sprechen, weshalb wir bisweilen schneller an Zeugenaussagen kommen als die offiziellen Stellen." Kontakte zu den Medien und Hilfsorganisationen in anderen Ländern würden ein schnelles und unbürokratisches Eingreifen ebenso erleichtern wie das Interventionsfahrzeug von Child Focus, ein mit Scanner, Drucker und Kopierer ausgestatteter Kleinbus, von dem aus innerhalb kürzester Zeit Poster und Flugblätter produziert und Suchanzeigen gestartet werden können. Auch gibt es eine eigene Homepage, über die man Kontakt mit den Spezialisten aufnehmen kann.

In manchen Fällen jedoch ist Diskretion gefragt: Besonders bei Kindesentzug sei es durchaus nicht immer im Sinne des Kindes, sein Foto überall zu verbreiten. Rund 2000 Fälle behandelt Child Focus pro Jahr – 87 Prozent von ihnen werden nach zwölf Monaten geschlossen. Besonders am Herzen liegen Marneffe jene Minderjährigen, die illegal aus Albanien oder Afrika ins Land kommen und von gewissenlosen Menschenhändlern ausgebeutet werden: "Wir wissen nicht, wo sie herkommen oder wo sie hingehen, sie haben weder Eltern noch Freunde, und niemand interessiert sich für sie." Rund 200 solcher vergessener Kinder lebten zurzeit unter furchtbaren Umständen in Belgien.

Auf dem Weg zu einem internationalen Netzwerk der Hilfsorganisationen


Die nach dem "Weißen Marsch" enorm aufgeheizte Stimmung mit einem in den Grundfesten erschütterten Vertrauen der Belgier in die staatlichen Organe hat sich ein wenig gelegt - eine bessere Zusammenarbeit mit der Polizei scheint möglich. "Es war unsere Aufgabe zu zeigen", so Marneffe, "dass wir uns nicht in die Arbeit der Polizei einmischen wollten und sich jeder nur um die eigenen Kompetenzen kümmern würde." Im rechten Moment würde Child Focus zwar immer noch Druck ausüben, aber die Aufgaben seien klar verteilt und einige Beamte sogar von der Effizienz des privaten Hilfsangebots überzeugt. Trotz aller Anfangsschwierigkeiten halten die Profis von Child Focus die Zusammenarbeit von privaten und staatlichen Institutionen für ein langfristig ideales Modell bei Suche nach vermissten Kindern.

Auf Grund des "Weißen Marsches" und der unermüdlichen Aktivität der Eltern hat es Veränderungen gegeben, die aus der belgischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken sind: So sind in den letzten drei Jahren Richter eingesetzt worden, die auf Fälle von vermissten und misshandelten Kindern spezialisiert sind, die Polizei gründete eine Abteilung, die sich ausschließlich um vermisste Kinder kümmert.

Child Focus hat sich derweil ein klares Ziel gesetzt: "Wir arbeiten an einem internationalen Netzwerk und möchten, dass es eines Tages in jedem Land der Welt eine Organisation wie die unsere gibt." Den ersten Schritt dazu sind die Helfer im Mai dieses Jahres gegangen: Zusammen mit Kollegen aus 19 Ländern gründete Child Focus eine europäische Föderation, die in Zukunft als Lobby für alle Organisationen dienen soll, die ihre Arbeit der Suche nach vermissten Kindern widmet.

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