"Elterninitiative vermisste Kinder" Rührig, aber ohne Geld
Der Start der "Elterninitiative vermisste Kinder" verlief nicht eben reibungslos: Angeregt durch eine TV-Dokumentation über vermisste Kinder in den USA, beschlossen Mitglieder des Kinderschutzbundes Kisdorf 1997, die in Amerika praktizierten Hilfsmaßnahmen für Eltern und Angehörige auch in Deutschland anzubieten.
Weil gerade in Fällen von Kindesentzug die Suche häufig weltweit angelegt sei, habe man sich sofort auf den Entwurf einer Website gestürzt, erzählt Monika Bruhns, Sprecherin und Gründungsmitglied der Initiative. Die Suchaktion mit Fotos und Personenbeschreibung der vermissten Kinder im World Wide Web fand jedoch nicht nur Zustimmung: Der Kinderschutzbund forderte die unverzügliche Einstellung der Seite, da das Projekt nicht mit dem Bundesverband abgeklärt war. Die Folge: Die ehrenamtlichen Helfer änderten den Namen ihres Projektes und operierten fortan als eingetretener Verein und Arbeitskreis innerhalb des Kinderschutzbundes.
Erfolgreich durch Kooperationen
Die Initiative versteht sich damals wie heute als direkter Ansprechpartner für Familien, deren Kinder als vermisst gelten. Dabei ist es unerheblich, ob die Minderjährigen aus unerklärlichen Gründen verschwanden, aus eigenem Antrieb das Zuhause verließen oder von einem Elternteil entführt und in Länder verschleppt wurden, auf die betroffene Sorgeberechtigte weder praktisch noch juristisch Zugriff haben.
Rund 20 ehrenamtliche Mitarbeiter helfen den mitunter schwer traumatisierten Angehörigen, einen Weg durch die Institutionen zu finden und einen bestmöglichen Plan für die weitere Vorgehensweise zu entwickeln. Hierzu gehört unter anderem die Weitervermittlung der Eltern an zuständige Behörden, Sozialarbeiter, Psychologen oder an Hilfsorganisationen wie den Weißen Ring.
Die Fotos auf der vor kurzem überarbeiteten und übersichtlicher gestalteten Website stammen von den Familien selbst, vom Weißen Ring oder aus Polizeiunterlagen.
Werden Kinder ins Ausland entführt oder verschleppt, arbeitet die Initiative seit einiger Zeit mit dem Auswärtigen Amt und den Botschaften vor Ort zusammen. Das Ergebnis: Dank des Engagements konnten in den letzten vier Jahren 21 Kinder in ihre Familien zurückgeführt werden.
Weltweit auf der Suche
Dabei spielt auch die Zusammenarbeit der verschiedenen internationalen Hilfsgruppen eine große Rolle: Vor dem Europäischen Parlament konnten Vertreter der Initiative ihr Projekt vorstellen und in der Folge wertvolle Kontakte zu den Parlamentariern herstellen. Durch die Kooperation mit der amerikanische Organisation "Missing Children" wurden zwei in Berlin vermisste Kinder im US-Staat Arizona ausfindig gemacht. Auch ein in die Türkei verschlepptes Mädchen konnte von Istanbul zurück zu seiner Familie nach Bayern gebracht werden. Über ein Jahr nach seinem Verschwinden fand man ein vermisstes Mädchen in Südfrankreich wieder - sie lebt inzwischen bei ihrer Familie in Sachsen-Anhalt.
So wie die deutsche Polizei bisweilen auf die Vertreter der Elterninitiative zukommt, scheinen auch die Kollegen im Ausland das Internetangebot zu nutzen: "In einem Fall konnte die spanische Polizei nach Zugriff auf unsere Seiten ein deutsches Mädchen identifizieren, das sich damals in Alicante aufgehalten hat", erzählt Monika Bruhns von der Elterninitiative. Sie war es auch, die in einem besonders spektakulären Fall von Kindesentzug selbst auf Reisen ging, um zwei Kinder aus Bayern direkt aus dem Kosovo nach Hause zu holen.
"Wir wissen, wo die Kinder sind"
Der Vater der beiden, ein per Haftbefehl gesuchter Kosovo-Albaner, war mit seinen 15 Monate und vier Jahre alten Kindern in seine alte Heimat geflüchtet. Die sofort alarmierte Polizei verwies die Angehörigen auf die Elterninitiative, die nun ihrerseits um die Mithilfe der Medien bat. Pro Sieben verbreitete die Suchmeldung in der Sendung "S.A.M", die Fotos wurden in die Kartei aufgenommen.
"Irgendwann", so Bruhns, "kam dann ein Anruf aus Pristina: Wir wissen, wo die Kinder sind." Die umtriebige Helferin besorgte unverzüglich Kinderausweise, Sorgerechtsbescheinigung und Tickets und machte sich mit einem Kollegen auf nach Pristina, wo sie nach bangem Warten in Zusammenarbeit mit den Behörden die Kinder fand und sie aus dem Kriegsgebiet direkt nach Deutschland zurückbringen konnte. Ein gegen die Helfer eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen Kindesentführung nahm sie in Kauf.
Immer wieder erinnern
"Die intensive Zusammenarbeit mit den Medien", betont Bruhns, "ist sehr wichtig, auch um den Eltern zu zeigen, dass ihre Kinder nicht vergessen werden." Der "harte Kern" der Elterninitiative besteht aus den sieben Vorstandsmitgliedern, die "viel von Zuhause aus" arbeiten. Internetbegeisterte Kinder der Helfer haben die Website entworfen. Da sämtliche Leistungen für betroffene Eltern kostenlos sind und die Arbeit im Verein ausschließlich ehrenamtlich erfolgt, sind die auch die Helfer vom Kinderschutzbund auf Unterstützung angewiesen: "Wir sind rührig, aber Geld haben wir nicht", kommentiert Monika Bruhns lakonisch die finanzielle Lage des Vereins.
Doch die Helfer sind auch hier nicht tatenlos: So wurde die Produktion der Druckunterlagen von der Hamburger Werbeagentur Springer und Jacoby gesponsert, die für "Vermisste Kinder" in Zusammenarbeit mit Brandt Zwieback und Rabenhorst eine gleichermaßen anrührende wie aufrüttelnde Werbekampagne entwickelt hat.
Wenn Sie helfen möchten, wenden Sie sich direkt an die Elterninitiative Vermisste Kinder