Interview: "Psychopathen kann man nicht therapieren" - DER SPIEGEL
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Interview "Psychopathen kann man nicht therapieren"

Der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz lehrt seit 1991 als Professor an der Polizeifachhochschule Villingen-Schwenningen und gilt als anerkannter Forscher im Bereich Sexual- und Tötungsdelikte. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über potenzielle Mörder, mangelnde Zivilcourage und die radikalen Maßnahmen texanischer Bewährungshelfer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Der Medien-Wirbel um vermisste Kinder war in den letzten Monaten groß. Wie nützlich oder wie schädlich kann eine große Öffentlichkeit bei Vermisstenfällen, Kindesentzug oder Sexualstraftaten sein?

Adolf Gallwitz: Die Wirklichkeit sieht doch so aus: Die meisten Sexualstraftaten werden im sozialen Nahfeld begangen und nicht von fremden Überfalltätern, die am Spielplatz lauern. Das bedeutet, dass wir es in der Mehrzahl mit Delikten zu tun haben, bei denen sich Opfer und Täter kennen. Hier kann man sehr viel leisten, indem man die Anzeigebereitschaft ebenso erhöht wie das Entdeckungsrisiko. Dabei können die Medien keinen Schaden anrichten. Es gilt, in der Öffentlichkeit ein Klima zu erzeugen, in dem sich das Opfer nicht schmutzig und mitschuldig fühlt, sondern wirklich als Opfer empfindet.

SPIEGEL ONLINE: Das würde bedeuten, dass man Zivilcourage über die Medien vermitteln kann.

Gallwitz: Ja, durchaus. Man kann Zivilcourage ebenso trainieren, wie man Selbstwertgefühl entwickeln kann. Viele Delikte werden gerade von Frauen und Mädchen nicht angezeigt, weil sie das Gefühl haben, damit sehr viel kaputt zu machen. Sie glauben, mehr oder minder selbst an dem Missbrauch Schuld zu sein. Zudem verstehen es viele Täter ganz ausgezeichnet, die Opfer abhängig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen sich weibliche Opfer eher schuldig als männliche?

Gallwitz: Frauen sind geradezu prädestiniert für die Opferrolle und das in nahezu allen Lebenswirklichkeiten. Unsere Schulen sind hier überfordert, deshalb sollte man auch im Medienbereich Prävention und Fortbildung betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Charakteristikum, das alle Sexualstraftäter verbindet?

Gallwitz: Nein. Es gibt nur quantitative Unterschiede. Jeder Missbraucher und Kindesentführer ist auch ein potenzieller Mörder. Es kommt nur darauf an, wie groß das Risiko und die Angst sind, entdeckt zu werden. Es gibt kaum Täter, die ausschließlich morden - das ist ein Irrglaube, der wie viele andere Mythen über Gewaltverbrecher schon sehr lange in der Gesellschaft kursiert.

SPIEGEL ONLINE: Und doch gibt es Täter, die gerade den Akt des Tötens als Luststeigerung empfinden.

Gallwitz: Richtig, aber das ist eine winzige Ausnahme. Der sexuelle Sadist kommt in der Praxis so selten vor, dass man sich auf ihn ohnehin nicht vorbereiten kann. Gerade dieser Tätertyp besticht übrigens durch überdurchschnittlich große soziale Fähigkeiten. So lange er das Opfer noch nicht da hat, wo er es sehen will, ist der Sadist charmant und umgänglich. Er wickelt das Opfer so lange ein, bis es alle Vorsicht außer acht lässt.

SPIEGEL ONLINE: Werden heute mehr Straftaten an Kindern und Jugendlichen begangen als früher oder kommt uns das nur so vor?

Gallwitz: Das kommt uns nur so vor. Der Trend geht eher dahin, dass es weniger werden, obwohl die Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung zugenommen hat. Mit dem Interesse der Medien ist auch die gesellschaftliche Sensibilität für das Thema gestiegen. Einen großen Einfluss hat auch die bundesweite Berichterstattung. Früher war man vorwiegend regional orientiert - jetzt erfährt sofort die ganze Republik, wenn in irgendeinem Dorf ein Kind vermisst wird.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man zum Schutz von Eltern und Kindern Namenslisten von Pädophilen veröffentlichen, wie es im US-Bundesstaat Texas bereits geschieht?

Gallwitz: Ich habe meinen zweiten Wohnsitz in Texas und verfolge das sehr genau. Man kann inzwischen im Internet einfach eine US-Postleitzahl eingeben und bekommt sofort sämtliche Informationen über Sexualstraftäter, die sich in dem betreffenden Distrikt aufhalten. Da kann man lesen, welche Straftaten er begangen oder welche Bewährungsauflagen er bekommen hat, unter welchen Bedingungen er festgenommen wurde oder auch, wann er aus der Haft entlassen wird. Mit unserem Rechtsverständnis sind solche Dinge derart unvereinbar, dass wir gar nicht daran denken können - obwohl besorgte Eltern dies sicher gut fänden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ansätze verfolgen die Amerikaner außerdem?

Gallwitz: Unabhängig von den genannten Prangermethoden gibt es in einigen Bundesstaaten recht interessante Projekte im Bereich Therapie und Prävention. Da wird dem Täter nicht einfach geglaubt, wenn er sich selbst als geheilt bezeichnet, sondern es werden zusätzlich Öffentlichkeits- und Realitätstests durch die Bewährungsaufsicht unternommen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das?

Gallwitz: Einige Täter werden unangekündigt zu Hause besucht und gegebenenfalls auch in der Öffentlichkeit heimlich beobachtet. Dinge, die bei uns undenkbar sind. Die amerikanischen Bewährungshelfer versuchen, ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Aussagen verurteilter Täter in die polizeilichen Ermittlungsmethoden einzubeziehen. Sie räumen dem Delikt und dem Opfer einen höheren Stellenwert ein als wir - und das ist unabhängig von Todesstrafe und Veröffentlichungen im Internet gar kein so schlechter Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Wären denn solche Methoden auch in Deutschland denkbar?

Gallwitz: Das ist ein großes Problem. Wir in Europa mit unserer vollkommen anderen rechtsstaatlichen Erfahrung haben keine Chance, uns darüber Gedanken zu machen, weil solche Verfahren natürlich gegen alle möglichen Persönlichkeits- und Menschenrechte verstoßen. In einigen Staaten der USA wissen die Täter schon gar nicht mehr, wo sie überhaupt wohnen sollen, weil die Vermieter sich über das Internet und andere Quellen bereits über deren Vergangenheit informiert haben. Auf der anderen Seite haben wir auf Grund der Persönlichkeitsrechte eine Menge Bestimmungen, die in der Praxis nahezu anachronistisch wirken. So kann sich in Deutschland ein Straftäter weigern, Blut für einen HIV-Test abzugeben. Stattdessen wird dann dem Opfer dreimal Blut abgezapft, bevor man einen Befund hat.


"Sexualstraftäter schauen nicht ins Gesetzbuch"


Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Therapierbarkeit von Wiederholungstätern, eine schwer zu realisierende Verschärfung des Sexualstrafrechts und das erschreckende Ausmaß von Gewalt in deutschen Familien. mehr...

Die Sendung zum Thema: SPIEGEL TV Special, 8. September, 22.00 - 0.05 Uhr, VOX