Interview: "Tödliche Falle Routine" - DER SPIEGEL
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Interview "Tödliche Falle Routine"

Udo Scheu ist Landespolizeipräsident in Hessen und Leiter der bundesweiten Arbeitsgruppe "Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte". Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über tödliche Angriffe auf Polizisten, die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen und "Eigensicherungsmaßnahmen" der Beamten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Wie hat sich in den letzten Jahren die Zahl von Gewalttaten gegenüber Polizisten, auch mit Todesfolge, entwickelt?

Udo Scheu: Polizeibeamte werden immer wieder im dienstlichen Alltag mit Gewaltsituationen konfrontiert. Sie sind dabei auch Opfer von Gewalttaten, werden in der Ausübung ihres Dienstes angegriffen und verletzt, ja sogar getötet.

Seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland wurden 1931 Beamtinnen und Beamte im Dienst getötet. Im Bundesland Hessen, dessen Landespolizeipräsident ich bin, sind es 121 Kolleginnen und Kollegen. Diese Zahlen machen mich sehr betroffen. Glücklicherweise haben wir in Hessen im ablaufenden Jahr keinen Todesfall zu beklagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Beamte auf die Gefahren des Dienstalltags vorbereitet?

Scheu: Wir bilden die Polizeibeamten zielgerichtet aus und fort. Im Mittelpunkt unserer Ausbildung steht ein Training, das aus Elementen besteht, die sehr realistische Situationen anbieten. Hier müssen die Polizeikommissar-Anwärterinnen und -Anwärter sich schon mit einem erhöhten Stresspotential auseinander setzen. Diese Szenen werden auf Video aufgezeichnet und in der Ausbildungsgruppe besprochen.

Aber auch für die "alten Hasen" ist diese Schulung als "Dezentrale Integrierte Fortbildung" in einem der Trainingszentren der Hessischen Polizei vorgesehen. Wir wollen auch damit ausschließen, dass Routine zur tödlichen Falle wird.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat ein traumatisches Erlebnis für den betroffenen Beamten beziehungsweise die Dienststelle?

Scheu: Die psychischen Belastungen, die sich für die Beteiligten bei Naturkatastrophen, Unfällen oder Verbrechen ergeben, sind nicht schon immer Gegenstand des öffentlichen Interesses gewesen. In Deutschland haben große Katastrophen wie die von Ramstein und Eschede einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass solche Ereignisse auch einen psychischen Betreuungsbedarf für Opfer und Helfer mit sich bringen.

Die Polizei ist aber nicht nur von diesen - glücklicherweise nicht allzu häufig auftretenden - großen Katastrophen mitbetroffen, sondern sie hat - bei zumeist geringer Zahl von Betroffenen - in dieser Hinsicht geradezu ein Dauerproblem zu bewältigen. Fast täglich sind Beamtinnen und Beamte Situationen ausgesetzt, die psychisch nicht einfach weggesteckt werden können und deren bloße Verdrängung für sie keine Lösung darstellt, sondern eher weitere und längerfristige negative Folgen für sie selbst, ihr privates und ihr dienstliches Umfeld hat. Ferner besteht die Gefahr von sogenannten "flash-backs", die den weiteren Einsatz dieser Kräfte, ohne dass eine fachkundige Betreuung erfolgt ist, nahezu unmöglich macht.

Hier müssen wir in jedem Einzelfall schnell handeln und wir tun das auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird traumatisierten Beamten geholfen?

Scheu: Die hessische Polizei hat schon seit Längerem ein in sich vernetztes, dreistufiges Angebot psycho-sozialer Betreuung. Es besteht zum ersten aus den landesweit etwa 30 "Sozialen Ansprechpartnern"; überwiegend Polizeibeamte, also Kolleginnen und Kollegen der Betroffenen.

Zum zweiten gibt es bei den Behörden landesweit acht Personalberaterinnen und -berater, die weitergehende Beratungsfunktionen haben als die Sozialen Ansprechpartner.

Zum dritten gibt es an der Hessischen Polizeischule den Psychologischen Dienst, der bei allen im engeren Sinne fachlichen Fragen der Beratung, Betreuung und Therapie zu Rate gezogen werden sollte. Der Psychologische Dienst verfügt über drei erfahrene Psychologen, die in Verhaltenstherapie und Psychotraumatologie ausgebildet sind. Sie selbst führen bei Bedarf therapeutische Maßnahmen wie Debriefing und Defusing, aber keine Langzeittherapien durch, da dies das polizeiliche Alltagsgeschäft nicht zulassen würde. Bereits Traumatisierte werden an fachlich kompetente Therapeuten vermittelt, die auch kurzfristig eine Behandlung gewährleisten können. Das ist sehr wichtig, weil die Wartezeiten für ambulante psychotherapeutische Hilfen oft weit länger als ein Jahr betragen können.

Sobald der Psychologische Dienst Kenntnis von besonders belastenden Einsätzen hat, versucht er mit den Betroffenen Kontakt aufzunehmen. Er informiert darüber, was sich an körperlichen und psychischen Symptomen einstellen kann, welche Reaktionen in welchen Zeitspannen wieder verschwinden können oder sollten und diagnostiziert, welchen Schweregrad die Traumatisierung hat. Auf dieser Grundlage wird dann geklärt, ob auch längerfristig ein Behandlungsbedarf besteht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Versorgung von Angehörigen aus, wenn es tatsächlich einmal zu einem tödlichen Angriff auf einen Polizisten gekommen ist?

Scheu: Die Polizei - und natürlich wir Vorgesetzte zu allererst - haben auch für die Hinterbliebenen eine Art übergreifende Fürsorgepflicht. Wir werden uns um die Angehörigen kümmern und ihnen alle Hilfen gewähren, die uns möglich sind. Wie dies dann aussieht, muss der Einzelfall entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste getan werden, um die Sicherheit von Polizisten zu erhöhen?

Scheu: Ich bin sicher, wir haben im Laufe des vergangenen Jahres viel unternommen, um die Sicherheit der Polizeibeamten zu erhöhen.

Wir haben Mitte 2000 eine bundesweite Arbeitsgruppe gegründet, die genau diesen Auftrag hatte. Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe sind, dass die Aus- und Fortbildung wesentlich realitätsnäher gestaltet und die Bevölkerung über die Notwendigkeit von "Eigensicherungsmaßnahmen" kontrollierender Polizeibeamten aufgeklärt wird.

Es findet auch ein bundesweiter Austausch über Ereignisse statt, die uns Fehler in eben dieser Eigensicherung offenbaren. Dadurch sollen diese Fehler in Zukunft vermieden werden. Die interne Führungsarbeit bei der Polizei muss sich ebenso flexibel neuen Erkenntnissen anpassen wie die technische Ausstattung der Beamtinnen und Beamten.

Wenn auch die gute Aus- und Fortbildung Herzstück einer sicheren Dienstausübung ist, so haben wir auch dafür gesorgt, dass alle Einsatzkräfte in Hessen, neben weiteren technischen Verbesserungen, Schutzwesten erhalten, die der Dienstherr ihnen zur Verfügung stellt.