Interview mit Geburtshelfer Thomas Gent "Für den Vater ein absolut einmaliger Augenblick"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Gent, wie viele ohnmächtige Väter mussten Sie schon aus dem Kreißsaal tragen lassen?
Thomas Gent: In meiner Berufspraxis gab es definitiv nur drei Väter, die von der Ankunft ihres Nachkömmlings so übermannt wurden, dass es sie einfach nicht mehr auf den Beinen hielt.
SPIEGEL ONLINE: Sind Männer bei der Entbindung ihrer Kinder also tapferer als viele denken?
Gent: Hebamme und Arzt merken in der Regel frühzeitig, wenn die Herren unruhig werden: Nestelnde Bewegungen, angsterfüllte Blicke oder die nervöse Kontaktaufnahme mit dem Personal sind klare Anzeichen dafür, dass ein Mann sich im Kreißsaal nicht wohl fühlt. Wenn wir ihn daraufhin fragen, ob er auf dem Flur ein Glas Wasser trinken oder eine Zigarette rauchen möchte, nehmen die meisten das Angebot dankend an.
SPIEGEL ONLINE: Als behandelnder Arzt und Geburtshelfer können Sie laut Musterberufsordnung nach eigenem Ermessen entscheiden, wer bei einer Entbindung dabei sein darf. Welche Gründe könnte es geben, den werdenden Vater von der Teilnahme an der Geburt auszuschließen?
Gent: Vor allem einen: Wenn sich Komplikationen ankündigen, die großes technisches Equipment und viel Personal erfordern. Wenn wir einen zweiten Geburtshelfer, eine zusätzliche Hebamme, einen Kinderarzt, eine Kinderkrankenschwester oder einen Anästhesisten hinzurufen müssen, ist der Kreißsaal einfach zu voll. Der Vater kann in dieser Situation nicht helfen, und es ist besser, ihn vor der Tür warten zu lassen.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie, wenn sich ein Vater bei der Geburt aus den verschiedensten Gründen kontraproduktiv verhält?
Gent: Negative Grundeinstellungen wie "Stell dich nicht so an, andere Frauen haben das auch geschafft" sind für eine Geburt nicht besonders hilfreich. Wenn ein Mann so denkt, muss ich als Arzt das Gespür, aber auch das Rückgrat haben, zu sagen: "Es ist besser, Sie warten draußen.
SPIEGEL ONLINE: Was sollten Väter in der Entbindungsklinik vermeiden?
Gent: Alkoholgenuss! Väter, die sich mit Bier auf die Geburt vorbereiten, sind im Kreißsaal untragbar.
SPIEGEL ONLINE: Geht das manchmal über den berühmten Schnaps gegen die Aufregung hinaus?
Gent: Wir hatten tatsächlich eine Geburt, wo im Flur eine Zechrunde saß und darauf wartete, dass das Kind endlich zur Welt kommt. Als es dann so weit war, waren die Herren gar nicht mehr in der Lage, das Ereignis überhaupt wahrzunehmen. Es war wie beim Fußball: Man trinkt auf den Sieg der Mannschaft und kriegt das Ergebnis gar nicht mehr mit.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Mütter verzichten darauf, ihren Mann bei der Geburt bei sich zu haben?
Gent: Das ist eine verschwindend kleine Zahl, nach meiner Erfahrung vielleicht zwei bis drei Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Warum so wenige?
Gent: Das liegt daran, dass die Väter von Anfang an in die Schwangerschaft mit einbezogen werden. Sie kommen mit zu den Vorsorgeuntersuchungen, begleiten die Geburtsvorbereitung und wollen dann auch bei der Entbindung dabei sein. Die Einstellung des Mannes zur Schwangerschaft hat sich verändert er will nicht nur Produzent sein, sondern aktiv daran teilnehmen.
SPIEGEL ONLINE: Nimmt eine Frau bei all den Schmerzen die Anwesenheit ihres Partners überhaupt wahr?
Im zweiten Teil des Interviews geht es um Frauen, die nicht loslassen und Männer, die kein Blut sehen können
Gent: Es ist vorstellbar, dass sie das zeitweise vergisst. Die Geburt ist eine Ausnahmesituation, bei der die persönlichen Verhaltensweisen nicht vorhersehbar sind. Das beste Beispiel ist eine Kollegin von mir, eine hervorragende und erfahrene Frauenärztin, die, als sie selbst ein Kind bekam, mitten in der Austreibungsphase schrie: "Ich will nach Hause!" Als wir ihr sagten, dass das nicht ginge, weil sie jetzt ihr Kind bekäme, sagte sie: "Papperlapapp, ich kriege doch kein Kind!"
SPIEGEL ONLINE: Welche Vorteile hat die Anwesenheit des Erzeugers bei der Geburt?
Gent: Wenn der Mann einen guten Zugang zu seiner Frau hat, kann er sehr hilfreich sein. Wenn der Arzt allerdings unterschwellige Spannungen in der Partnerschaft spürt, dann sollte er sich überlegen, ob es gut ist, den Vater dabei zu behalten. Es gibt Frauen, die können nicht loslassen und sich gehen lassen. Manche wollen ihrem Partner gegenüber keine Schwäche zeigen. So etwas muss der Arzt erkennen, denn es ist ganz wesentlich für den Geburtsvorgang, dass die Frau loslässt.
SPIEGEL ONLINE: Was bringt das Kreißsaal-Erlebnis den Vätern?
Gent: Für den Vater ist es ein einmaliger Augenblick zu sehen, wie aus einer Vision Wirklichkeit wird. Trotz aller Technik, die es uns erlaubt, in der siebten Woche den Herzschlag des Kindes zu hören oder in der elften Woche das Geschlecht zu erkennen, hat man doch trotzdem kein Bild von dem Kind. Wenn es dann um die Ecke biegt und plötzlich ein Gesicht bekommt, das sich für immer einprägt, dann ist das ein nicht reproduzierbarer, ein absolut einmaliger Moment.
SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um mögliche Geburts-Traumata auf Seiten der Väter?
Gent: Was Väter besonders belastet, ist, wenn sie kein Blut sehen können. Weil Blut ein sehr intensiver Farbstoff ist, sieht alles meist schlimmer aus, als es ist: Schon 10 Milliliter Blut auf einen Liter Fruchtwasser reichen, um im Kreißaal Schlachthofatmosphäre zu verbreiten. Das überfordert manchen Vater. Außerdem sagt ihm der Instinkt, dass er seine Frau beschützen soll. Weil er das in dieser Situation nicht kann, fühlt er sich hilflos.
SPIEGEL ONLINE: Kann das Erlebnis der Geburt dem Mann die Lust am Sex nehmen?
Gent: Das ist natürlich denkbar, aber ehrlich glauben kann ich das nicht. Wenn Männer ihre Frauen nicht mehr begehrenswert finden, hat das meiner Meinung nach meist andere Ursachen. Natürlich ist das Feedback, das ich in dieser Hinsicht von Männern bekomme, eher gering. In der Regel sind es die Frauen, die mir erzählen, dass sie nach der Geburt weniger Lust auf Sex haben. Einige gehen so in ihrer neuen Rolle auf, dass sie sich nicht mehr als Geliebte ihres Mannes, sondern nur noch als Mutter empfinden.
SPIEGEL ONLINE: Es gehört inzwischen bereits zum guten Ton, gemeinsam mit dem Partner zu entbinden. Glauben Sie, dass dieser Trend sich in Zukunft umkehren könnte?
Gent: Das kann ich mir für den Moment vorstellen, in dem die Frauen eine andere Form des Selbstbewusstseins entwickeln und sich ganz klar dafür entscheiden, eine so urweibliche Sache wie die Geburt allein zu bewältigen.
Das Interview führte Annette Langer