Frauen im Strafvollzug "Keine Veranstaltung von Klosterschülerinnen"
SPIEGEL ONLINE:
Nur knapp über drei Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sind Frauen. Worin unterscheiden sich die Geschlechter, wenn es um Gesetzesverstöße und schwere Verbrechen geht?
Höynck: Zunächst ist die Deliktstruktur eine völlig andere. Frauen verüben deutlich weniger Gewaltdelikte - und wenn sie es tun, dann handelt es sich in der Regel um leichtere Straftaten als bei den Männern. Die Mehrzahl der weiblichen Gefängnisinsassen wurde wegen Diebstahls oder Betrugs verurteilt. Viele der Frauen haben gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen, die meisten davon jedoch nicht innerhalb mafiöser Strukturen, sondern im Rahmen von Beschaffungskriminalität, um den eigenen Konsum zu sichern.
SPIEGEL ONLINE: Sind körperliche Auseinandersetzungen im Frauenstrafvollzug seltener?
Höynck: Ja, das sind sie. Innere und äußere Sicherheit lässt sich in Frauengefängnissen viel leichter gewährleisten als in Haftanstalten mit überwiegend männlichen Insassen. Natürlich gibt es auch unter Frauen physische Gewalt sowie massive Unterdrückungs- und Abhängigkeitsstrukturen - der Gefängnisaufenthalt ist schließlich keine Veranstaltung von Klosterschülerinnen. Solche Auseinandersetzungen liegen aber deutlich unter dem Niveau dessen, was im Männervollzug stattfindet.
SPIEGEL ONLINE: Demnach müsste die Zahl der Freigängerinnen im Frauenvollzug höher sein als bei den Männern.
Höynck: Das ist sie bedauerlicherweise nicht. Auch hier sind nur 20 Prozent der Inhaftierten im offenen Vollzug. Meiner Meinung nach sind die Frauengefängnisse nach außen vollkommen übersichert. Man versucht, diese rigiden Rahmen mit Lockerungen und Freiräumen nach innen zu kompensieren, aber das ändert wenig.
SPIEGEL ONLINE: Zudem nützt alle Freiheit hinter Gefängnismauern nichts, wenn räumliche Enge an den Nerven zerrt. Wie steht es um die Überbelegung der Zellen in niedersächsischen Gefängnissen?
Höynck: Die Situation ist grausig, viele Anstalten sind voll bis unters Dach. Die Doppelbelegung von Einzelhafträumen ist ja schon lange ein Thema. Auch das Frauengefängnis Vechta muss bei einer Kapazität von 180 Plätzen mit 200 Insassen leben. So eine Raumnot birgt immer Konfliktpotenzial, weil es kaum Rückzugsmöglichkeiten gibt und einige Inhaftierte darauf sehr empfindlich reagieren. Andere gehen freiwillig in eine Doppelzelle. Weil das Personal kaum aufgestockt wurde, sind auch die Vollzugsbeamten stärker belastet.
SPIEGEL ONLINE: Womit haben die Gefängnisse außerdem zu kämpfen?
Höynck: Drogen sind das dominante Problem. Wir können davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte aller weiblichen Gefangenen stark drogenabhängig ist. In allen Gefängnissen gibt es Rauschmittel - und das kann wirklich niemand ernsthaft bestreiten. In einigen Haftanstalten wie dem Frauengefängnis in Vechta ist es gelungen, durch die Einführung von Spritzentauschprogrammen zumindest die Folgeprobleme der Sucht - die Ansteckung mit HIV oder Hepatitis - zu verringern.
SPIEGEL ONLINE: Weil die Drogen aber irgendwie in die Gefängnisse gelangen und es bisher innerhalb der Anstalten noch keine kontrollierte Abgabe von Originalstoffen wie Heroin gibt, haben die Verantwortlichen ein Problem: Auf dem eigenen Terrain wird täglich gegen Gesetze verstoßen.
Höynck: Das ist ein heikles Thema. Der Besitz von Drogen wird ja auch innerhalb der Gefängnismauern nach wie vor sanktioniert, indem Vergünstigungen gesperrt oder bei strafrechtlicher Relevanz Anzeige erstattet wird.
SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen halten Sie in dieser Situation für sinnvoll?
Höynck: Ich glaube, dass eine völlige Abstinenzfixierung nicht realistisch ist. Man muss damit rechnen, dass es bei jeder Therapie Rückschläge gibt. Trotzdem müssen eine intensive Beratung und Begleitung gewährleistet sein, die immer wieder Ausstiegsmöglichkeiten aufzeigen. Ein großer Teil der Frauen geht aus dem Vollzug in eine Drogentherapie. Ist diese erfolgreich, kann über einen Erlass der Reststrafe nachgedacht werden.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden Resozialisierungsprojekte und Weiterbildungsprogramme von den Frauen angenommen?
Höynck: Wo es viel zu wenig Angebote gibt, kann man schwer etwas über die Nachfrage sagen! Die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sind im Frauenvollzug notorisch schlechter als bei den Männern. Auf Grund der geringen Zahl weiblicher Strafgefangener ist eine notwendige Differenzierung bestimmter Personengruppen nicht möglich. Etwa haben 3000 Frauen sind zurzeit im Bundesgebiet inhaftiert, davon 500 in Untersuchungs- und Abschiebehaft. Rund 2500 befinden sich in Strafhaft. Ungefähr je 200 Frauen sitzen in einer der sieben großen Anstalten ein, der Rest ist verteilt auf gesonderte Abteilungen im Männervollzug. In den großen Anstalten treffen alle möglichen Gefangenen aufeinander. Ausbildungsmaßnahmen sind aber in der Regel nur dann erfolgreich, wenn man homogene Zielgruppen hat.
SPIEGEL ONLINE: Gerade bei jungen Gefangenen sollte doch das Erreichen eines Schulabschlusses Kardinalziel sein.
Höynck: Die Situation der Mädchen ist eine völlige Katastrophe. In Vechta leben etwa 20 von ihnen, die über so extrem unterschiedliche Vorkenntnisse verfügen, dass es nahezu unmöglich ist, sie angemessen zu unterrichten. Weil es keine externen Lehrer gibt, haben die Verantwortlichen ein eigenes Unterrichtsprogramm entwickelt, das von internen Pädagogen vermittelt wird. Offiziell sind die Mädchen von der Schulpflicht befreit.
SPIEGEL ONLINE: In fünf Vollzugsanstalten der Bundesrepublik haben Frauen die Gelegenheit, in speziell eingerichteten Mutter-Kind-Heimen mit ihren Sprösslingen zu leben. Die Kosten von über 70 Euro pro Tag und Kind werden zurzeit vom Jugendamt übernommen. Dort ist man der Ansicht, die Kosten sollten von der Justiz übernommen werden. Demnächst soll sich das Bundesverfassungsgericht dem Problem widmen.
Höynck: Das ist vollkommen lächerlich. Wir reden doch hier nicht von einem Massenphänomen, sondern von insgesamt etwa 80 Plätzen in ganz Deutschland! Ich habe keine Ahnung, woher diese Aufregung rührt, denn wenn die Kinder ins Heim kämen, wäre das Jugendamt auch zuständig. Es ist eindeutig Aufgabe der Jugendhilfe, die besten Voraussetzungen für das Kind zu schaffen.
SPIEGEL ONLINE: Sind Mutter-Kind-Abteilungen denn eine gute Lösung für die Kinder?
Höynck: Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Diese Form der Mutter-Kind-Zusammenführung gibt es heute fast ausschließlich im Rahmen des offenen Vollzugs. Am Anfang gab es solche Heime auch in geschlossenen Abteilungen, was bei Kindern ab einem gewissen Alter sicherlich zu Problemen geführt hat. Es gibt keine Patentlösungen, aber für die Mütter bedeutet die Nähe zum Kind das Ende von Trennung und Sorgen um sein Wohlbefinden. Sie können Verantwortung behalten oder neu übernehmen.
Das Interview führte Annette Langer