Sparzwang in Deutschlands Krankenhäusern: "Arbeiten und nicht verzweifeln" - DER SPIEGEL
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Sparzwang in Deutschlands Krankenhäusern "Arbeiten und nicht verzweifeln"

Professor Johannes M. Rüger, 50, leitet seit fünf Jahren die Unfallchirurgie am Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg. In dieser Funktion ist er nicht nur Lehrstuhlinhaber und Arzt, sondern längst auch Gesundheitsmanager, Controller und Verwaltungsexperte. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über 70-Stunden- Wochen, "Nüllchenrunden" und den täglichen Kampf um jede Stelle.
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SPIEGEL ONLINE:

Die Budgets für Krankenhäuser sollen auf dem Stand von 2002 eingefroren und damit etwa 400 Millionen Euro eingespart werden. In Hamburg rechnen die Kliniken damit, im nächsten Jahr mindestens 600 Schwestern und Pfleger entlassen zu müssen. Verdi-Chef Bsirske sieht bundesweit 36.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Was wird die Gesundheitsreform von Ministerin Schmidt für die tägliche Arbeit auf der Station bedeuten?

Rüger: Sie müssen sich bewusst machen, dass schon jetzt keiner unserer Ärzte nach Vorschrift arbeitet, sondern regelmäßig Überstunden leistet, die weder abgebummelt noch vergütet werden. Vor allem bei jungen Ärzten werden mindestens 30 Prozent der Überstunden erst gar nicht aufgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen werden die Sparmaßnahmen für die Patienten haben?

Rüger: Das ist schwer zu beantworten. Sie werden vor allem bei so genannten elektiven Eingriffen wie zum Beispiel Knochenbrüchen sehr viel längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Kriegen wir langfristig Zustände wie in den USA, wo Patienten stundenlang unbehandelt in der Notaufnahme eines übervölkerten Krankenhauses vor sich hindämmern?

Rüger: Bei uns wird ein Patient in einer solchen Situation vermutlich in eine andere Klinik gehen – eben dieser Krankenhaus- Tourismus wird eine Folge der Sparmaßnahmen sein. Außerdem werden sich die Liegezeiten verkürzen und die Patienten sehr viel schneller entlassen werden. Die Zuwendung durch Schwestern und Ärzte wird aus Zeitmangel leiden, auf Grund ständig wechselnder Ansprechpartner wird der Arzt als kontinuierliche Bezugsperson für den Patienten wegfallen.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie in Eppendorf ab 2003 mit dem neuen DRG-Abrechnungssystem arbeiten, das eine Pauschalzahlung für jede Erkrankung vorsieht?

Rüger: Unser Verwaltungsdirektor hat das angekündigt, und es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Bleiben Sie dann von der angekündigten Nullrunde verschont?

Rüger: Sicher, aber dafür werden wir eine Nüllchenrunde bekommen – mit 0,8 Prozent mehr Geld können wir die tariflich vorgegebenen Personalkostenerhöhungen niemals decken.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, sie müssen Mitarbeiter entlassen.

Rüger: Ja. Schwestern, Ärzte und Pfleger sollen zwar nicht aktiv entlassen werden. Im Falle auslaufender Verträge werden allerdings keine Verlängerungen ausgesprochen. Was den Umfang der Personalkürzungen betrifft, gibt es allerdings noch keine konkreten Zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Wo können Sie denn noch sparen?

Rüger: In meiner Abteilung überhaupt nicht. Nach einer Benchmarking- Studie liegen wir schon jetzt im unteren Drittel aller deutschen Universitätskliniken, was die Kosten für Sachmittel wie Verbandsmaterial, Implantate, OP-Kapazitäten oder Narkose betrifft. Es ist schon längst so, dass wir nicht mehr das teuerste, sondern das nach unserer Auffassung beste Material für unsere Patienten kaufen. Und von dem besten erwerben wir das preisgünstigste. So lange das so läuft, kann man noch von Rationalisierung sprechen. Wenn ich irgendwann nur noch das Billigste kaufe, beginnt die Rationierung und das wäre nicht zu verantworten.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur die Zahl der Patienten steigt kontinuierlich - auch die Verwaltungsaufgaben, die moderne Mediziner zu bewältigen haben, werden immer zahlreicher. Wie lange sitzen Sie täglich hinter dem Computer?

Rüger: Von 100 Stunden verbringe ich etwa 35 am OP-Tisch und bei meinen Patienten auf Station. In die Vorbereitung von Vorlesungen und Kongressen investiere ich 20 bis 25 Stunden, die restlichen 40 sind Verwaltungsarbeit, bei der es vor allem um Gremienarbeit und Budgetverhandlungen geht. Bisweilen muss ich Tage oder Monate um den Erhalt einer Stelle kämpfen, wenn ein Mitarbeiter ausscheidet oder kündigt. Ich schreibe Briefe, bitte um Gespräche und versuche, den Arbeitsplatz zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Gefühlen gehen Sie in das Jahr 2003?

Rüger: Ich versuche, meine Mitarbeiter so gut wie möglich zu motivieren, auch wenn sie 50 bis 70 Stunden in der Woche arbeiten, wenig Geld verdienen und als Ärzte im Praktikum noch nicht einmal Nachtdienste bezahlt bekommen. Bei einigen liegt das Bruttoeinkommen unter 3825 Euro im Monat – sie können sich noch nicht einmal privat versichern lassen. Viele sehr begabte Kollegen wandern aus diesen Gründen in die freie Wirtschaft ab - wir werden langfristig ein Problem mit qualifiziertem Nachwuchs bekommen. Ansonsten halte ich es mit dem belgischen Dramatiker und Poeten Maurice Maeterlinck, der sagte: "Arbeiten und nicht verzweifeln".