Der Nord-Ostsee-Kanal Nadelöhr zwischen den Meeren
Rund 100 Kilometer Landlinie liegen zwischen den beiden deutschen Küsten an Nord- und Ostsee. Schon im 16. Jahrhundert gab es Überlegungen, die beiden Meere durch einen Kanal zu verbinden, um Schiffen den 250 Seemeilen längeren Weg um Skagen zu ersparen. Als "Culturwerk aller ersten Ranges" wurde der Nord-Ostsee-Kanal 1887 schließlich - vorrangig für militärische Zwecke - realisiert.
Über 37.000 Handelsschiffe passieren den Kanal jedes Jahr. Mit einem ausgeklügelten Verkehrslenkungssystem regeln die Schifffahrtsämter in Brunsbüttel und Kiel den Betrieb auf der weltweit verkehrsreichsten künstlichen Wasserstraße. Zahlreiche Brücken und Fähren kreuzen den Kanal, der nicht nur Arbeitsplatz für 2500 Menschen sondern auch ein beliebtes Erholungsgebiet ist. Die monumentalen Schleusen an beiden Enden locken jedes Jahr Tausende Besucher an.
SPIEGEL TV über Schleusenwärter und Kreuzfahrer, Lotsen und Rudermannschaften, Brückenbauer und Camper an den Ufern und auf dem Wasser der Hauptverkehrsader Nordeuropas.
GESCHICHTE
"Zum Wohle der Völker"
"Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen, verordnen, dass ein für die deutsche Kriegsflotte geeigneter Schifffahrtskanal von der Elbmündung über Rendsburg nach der Kieler Bucht hergestellt werde." Was Kaiser Wilhelm I. 1886 huldvoll bekanntgab, war das Ergebnis eines langen Streits. Der Bau des heutigen Nord-Ostsee-Kanals war ein Projekt des Reichskanzlers Otto von Bismarck, der den Bau gegen den erklärten Widerstand des greisen, aber immer noch einflussreichen Generalfeldmarschalls Helmuth Graf Moltke durchsetzte. Moltke wollte lieber eine zweite Kriegsflotte aufbauen. Doch die Möglichkeit, die vorhandene deutsche Flotte in Nord- und Ostsee gleichermaßen schnell verfügbar zu haben, überzeugte Kaiser Wilhelm I. dann doch.
Der Bau des Kanals begann am 3. Juni 1887 in Holtenau bei Kiel. In der Urkunde zur Grundsteinlegung, von Kaiser Wilhelm I. unterzeichnet, heißt es: "Die Herstellung einer unmittelbaren Verbindung der beiden deutschen Meere durch eine für den Verkehr der Kriegs- und Handelsflotte ausreichende Wasserstraße ist seit langem das Ziel patriotischer Wünsche gewesen." Danach begannen die Arbeiten zur Ausschachtung des Kanalbetts, das zunächst auf 67 Meter Breite und neun Meter Tiefe angelegt war. Ausgenommen von den Arbeiten waren Anarchisten und Sozialdemokraten ebenso wie Tuberkulosekranke und Träger anderer "ansteckender und Ekel erregender" Krankheiten.
Wilhelm II. eröffnete dann am 20. Juni 1895 von der Yacht "Hohenzollern" aus den fertigen Kaiser-Wilhelm-Kanal, der inzwischen Nord-Ostsee-Kanal heißt. International wird die Wasserstraße als Kiel-Canal bezeichnet. Wilhelm II. trug bei der Zeremonie eine weiße Paradeuniform, die Kaiserin war in einem blassen Himbeerton erschienen - "einfach brilliant", wie Beoachter damals bewundernd feststellten. Der alte Kaiser und Feldmarschall Moltke erlebten die Eröffnung nicht mehr. Wilhelm II. setzte den Schlussstein, "zur Ehre Kaiser Wilhelms, zum Heile Deutschlands, zum Wohle der Völker". In der eingemauerten Urkunde steht: "Zu Ehren des geeinten Deutschlands! Zu seinem fortschreitenden Wohle! Zum Zeichen seiner Macht und Stärke!"
Inzwischen hat sich nicht nur die vorrangige Funktion des Nord-Ostsee-Kanals als Verkehrsader für Kriegsschiffe hin zum Handelsverkehr gewandelt - auch das, wofür er steht. "Der Kanal ist ein Symbol", sagte der damalige Verkehrsminister Matthias Wissmann bei den Feiern zum 100-jährigen Bestehen im Juni 1995. Der Kanal sei Sinnbild für ein vereintes Europa, für die Verbindung des Westens mit dem Osten.
SCHIFFSMELDEDIENST
Wo fahren sie denn?
Wer wissen möchte, wann die Gelegenheit günstig ist, nach den großen Pötten Ausschau zu halten, kann sich beim Schiffsmeldedienst über den Verkehr auf dem Kanal informieren. Dort sind nicht nur die Namen und Herkunftshäfen der Schiffe verzeichnet, sondern auch Fassungsvermögen, Ziel und Position.
Der Schiffsmeldedienst im Internet:
www.smd.de
DATEN UND ZAHLEN
Viel Verkehr auf dem Kanal
Im vorigen Jahr fuhren mehr als 38.500 Schiffe über den Nord-Ostsee-Kanal - und transportierten fast 65 Millionen Tonnen Güter. Jeden Tag konnten Beobachter im Durchschnitt 105 Schiffe beoachten. Der Kanal ist 98,637 Kilometer lang und ist am Wasserspiegel zwischen 102 und 162 Metern breit, am Grund zwischen 44 und 90 Metern. Das Wasser ist elf Meter tief.
Der Nord-Ostsee-Kanal im Internet, mit Webcams und Informationen:
www.kiel-canal.org