SPIEGEL Thema: Vom Raubtier zum Menschen - DER SPIEGEL
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SPIEGEL Thema Vom Raubtier zum Menschen

Im XXP-Studio diskutiert Moderator Matthias Ziemann mit den Archäologen und Prähistorikern Sabine Gaudzinski, Hartmut Thieme, Hansjürgen Müller-Beck und Dietrich Mania über den Weg des Menschen vom Raubtier zum Kulturwesen.
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Aufregende Funde aus ostdeutschen Kohlegruben beweisen: Europa war eine Urzelle der Kultur. Schon vor 400.000 Jahren erlegten Hominiden am Harzrand Elefanten und Nashörner mit Speeren. Sie kannten Kochsieder und Kunststoffe.

Zum Beispiel die Ausgrabungsstätte Bilzingsleben. Hier im Norden Thüringens wurde seit den sechziger Jahren ein 400.000 Jahre altes Dorf ausgegraben. Die Bewohner gehörten der Gattung Homo Erectus an, gefunden wurden zudem Ahlen und Rippendolche - hoch entwickelte Werkzeuge zum Töten und Zerlegen urzeitlicher Tiere. Ein "Ritualplatz" - Zeugnis des astronomischen Wissens der Hominiden?

Bislang galt der Homo Erectus für das Gros der Wissenschaftler eher als Trottel, das Gehirn zu klein und mit dem "Übergangsbewusstsein" zwischen einem großen Affen und dem modernen Menschen. Von einer Art kulturellem Wesen weit entfernt. Doch Funde wie die in Bilzingsleben scheinen die vorherrschende Meinung zu torpedieren. Kunst und Kultur, die Kunst des Feuermachens, Schmuck und magische Objekte tauchten offenbar weit vor der Zeit des Homo Sapiens auf.

Im XXP-Studio diskutiert Moderator Matthias Ziemann mit den Archäologen und Prähistorikern Sabine Gaudzinski, Hartmut Thieme, Hansjürgen Müller-Beck und Dietrich Mania über den Weg des Menschen vom Raubtier zum Kulturwesen.

Sendetermin: Montag, 02. Februar, 23.10 Uhr, XXP 

Gäste im Studio

Sabine Gaudzinski, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Mainz Die Leiterin des Forschungsbereichs Altsteinzeit hat an der Universität Köln studiert und promoviert. Sie gehört zu den Wissenschaftlern die sich gerne ihre Hände schmutzig machen - bei Grabungen etwa am Kärlich-Seeufer und im thüringischen Oelknitz. Dabei ist sie nicht nur auf Reste von Menschen gestoßen sondern auch auf solche von mehr als achtzig Säugetierarten, sechzig Vogelarten, unzählige Reptilien, darunter Raubtiere wie Säbelzahnkatzen, Elefanten, zwei Flusspferdarten, drei Hirscharten sowie vier Gazellenarten. Für Gaudzinski gehört zum Kulturwesen Mensch auch die Entstehung der Kunst, über deren Herkunft sich Forscher lange im Unklaren waren. Heute vertritt sie die These, dass man davon ausgehen müsse, dass die Kunst einfach plötzlich da gewesen sei und sie ist an verschiedenen Orten unabhängig voneinander entstand.

Hartmut Thieme, Prähistoriker im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege Der Archäologe stieß im Herbst 1995 auf die ältesten Waffen der Menschheit. Zehn Meter unter der Erde, fand er zwischen Skelettresten von 20 Pferden ausgefeilte Präzisionswaffen der steinzeitlichen Jäger. Alter: rund 400 000 Jahre. Dieser Sensationsfund aus dem Braunkohletagebau Schöningen bei Helmstedt bewies, dass bereits der Homo erectus vorausschauend denken, planen und koordiniert eine gemeinsame Jagd ausrichten konnte.

Hansjürgen Müller-Beck, Prähistoriker an der Uni Tübingen Der Professor der Ur- und Frühgeschichte hat das breite Spektrum einer neuen, vor knapp 40.000 Jahren erstmals auftauchenden künstlerischen Betrachtung der Welt zusammengetragen. Darunter Höhlenzeichnungen aus dem südfranzösischen Lascaux und Altamira sowie aus den Höhlen der Schwäbischen Alb. Hier im Geißenklösterle, einer Höhle bei Ulm, kam ein Elfenbeinrelief mit einer betenden Figur zu Tage. Auf der Rückseite sind vier Reihen mit Kerben eingeritzt, die Müller-Beck als "lunisolaren Kalender" deutet. Außer das astronomische Wissen des frühgeschichtlichen Menschen, hat Müller-Beck auch "Fantasien" skizziert, die sich der Homo sapiens von seinem robusten Vetter namens Neandertaler machte, der lange als eine Art geistig umnachteter Schimpansen galt, anschließend als kannibalischer Unmensch und primitiver Bärentöter. Neuerdings wird sogar für die Urgestalt des ersten Europäers gehalten.

Dietrich Mania, Anthropologe an der Universität Jena In der Gegend um das Dorf Bilzingsleben befindet sich eine der für Forscher interessantesten Fundstellen Mitteleuropas zur Geschichte des Homo erectus. Seit Ende der Sechzigerjahre holt der Leiter der Ausgrabungsstätte Bilzingsleben fossile Reste des Urmenschen aus der Erde. Mania und sein Team konnten einen Siedlungsplatz freilegen und rekonstruieren. 2001 grub er den Unterkiefer einer Frau aus, die vor rund 370.000 Jahren lebte. Manias Erkenntnisse, die er aus seinen Ausgrabungen ableitete, habe sich der Mensch an vielen Orten der Welt aus dem Homo erectus entwickelt und nicht, wie andere Theoretiker behaupten, aus der afrikanischen Form des Homo sapiens.

Moderation

Matthias Ziemann, Geschäftsf. Redakteur, SPIEGEL TV