Bündnis gegen die Fettsucht Gelernte Gesundheit
Das Problem ist keinesfalls nur ein ästhetisches: Es ist bekannt, dass Übergewicht die Entstehung zahlreicher Herz- und Stoffwechselkrankheiten sowie Darmkrebs, Gallensteine und Gelenkschäden fördert. Der jüngste an Altersdiabetes erkrankte Patient in Deutschland ist noch nicht einmal schulpflichtig. In den Achtziger Jahren brachte ein durchschnittlich übergewichtiger Erstklässler stattliche 60 Kilogramm auf die Waage - heute sind es bereits 70.
So genannte Bewegungstagebücher von Sechs- bis Zehnjährigen offenbaren, dass die Kinder gerade einmal eine Stunde am Tag körperlich aktiv sind. Die Folge: Fast die Hälfte der Teenager ist heute nicht mehr in der Lage, bei Rumpfbeugen den Boden mit den Fingern zu berühren. Weil vielen Schülern die sensomotorische Koordination fehle, käme es gar zu vermehrten Unfällen in Grundschulen, berichten besorgte Ärzte.
Weil es bis heute keine aussagekräftige Statistik zum körperlich-seelischen Befinden des deutschen Kindes gibt, hat sich das Berliner Robert-Koch-Institut Großes vorgenommen: Drei Ärzteteams sollen über einen Zeitraum von drei Jahren 18.000 Minderjährige bis 17 Jahre untersuchen. Die Studie an 150 Orten in der Republik soll klären, wie angegriffen die Gesundheit der Kinder im Land wirklich ist und welche Faktoren dafür verantwortlich sein könnten.
Kinder kommen nicht träge auf die Welt. Wie also kann man jenen helfen, welche die Freude an der Bewegung bereits verlernt haben? Warum sind sie so faul und woher kommen ihre Essgewohnheiten? Welche Präventionsstrategien haben sich als erfolgreich erwiesen? Und schließlich: Was kann die Gesellschaft dafür tun, dass die Ursachen des ungesunden Lebens erkannt und bekämpft werden?
Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteurin Katja Thimm mit Bärbel-Maria Kurth vom Robert-Koch-Institut und Christiane Petersen vom Präventionszentrum "Moby Dick".
Sendetermin: Montag, 27. September, 22.40 Uhr, XXP
Gäste im Studio
Bärbel-Maria Kurth, Robert Koch-Institut Berlin
Bärbel-Maria Kurth ist Leiterin der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung am Robert Koch-Institut in Berlin. Sie leitet die Studie des Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Nach einer zwölf Monate dauernde erfolgreichen Pilotphase startet die Hauptphase der Untersuchung am 19. Mai 2003. Nach ersten Erhebungen betreffen gravierende Gesundheitsprobleme offenbar vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien und Migrantenfamilien. "Da gibt es deutlichen Handlungsbedarf", betont Kurth. Insgesamt drei Teams vom Robert Koch-Institut untersuchen rund 18.000 Kinder und Jugendliche, vom Säugling bis zum Siebzehnjährigen, an 150 Orten in ganz Deutschland. Den Auftakt des auf drei Jahre angelegten Vorhabens bilden Berlin sowie Zossen und Falkensee in Brandenburg. Dort werden die Teilnehmer über ein statistisches Zufallsverfahren ausgewählt und in Kürze zu der freiwilligen Untersuchung in ein Studienzentrum eingeladen. Jedes ausgewählte Kind vertritt etwa 800 Kinder seines Alters.
Christiane Petersen, Präventionszentrum "Moby Dick"
Christiane Petersen aus Hamburg hat schon früh die Problematik übergewichtiger Kinder und Jugendlicher erkannt und vor zweieinhalb Jahren ein Modellprojekt für junge Menschen mit Gewichtsproblemen gegründet. Entstanden sind die Moby-Dick-Gruppen, in denen Jungen und Mädchen sich während eines Jahres treffen, um gemeinsam ihr Übergewicht abzubauen. Das Projekt wird von Sozialpädagogen, Psychologen, Sucht-und Familienberatern, Ernährungswissenschaftler, Sportlehrern und Ärzten unterstützt.
Moderation:
Corinna Lampadius, SPIEGEL TV