Friedrich Schiller Der Atem der Freiheit
Sie nannten ihn den "großen genialischen Dichter" (Hölderlin), "den ideenfruchtbarsten Kopf" (Wilhelm von Humboldt) und den Mann "des Wahren, Guten, Schönen" (Goethe). Johann Christoph Friedrich Schiller, am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren, bezeichnete sich selbst schlicht als "Weltbürger, der keinem Fürsten dient". Die Leidenschaft, mit welcher der schwäbelnde Kosmopolit der Despotie entgegentrat, war offenbar mitreißend: Nach der Uraufführung seines Debütdramas "Die Räuber" in Mannheim gerieten die Theaterbesucher buchstäblich aus dem Häuschen vor lauter Revolutionsgeist.
Am 9. Mai 2005 begeht die Welt den 200. Todestag der Literaturikone. Neue Biographien, Bildbände und Anthologien überschwemmen zu diesem Anlass den Markt und bieten einen neuen, intimen und stark biografischen Zugang zu dem Nationaldichter. Sommersprossig und rot-blond sei der Dramatiker gewesen, ein Hüne von mindestens 1,80 Meter Gardemaß - und ein Schürzenjäger mit Hang zu Kartenspiel und Kurtisanen. Selbst Pädagogen begrüßen mittlerweile die Hinwendung zum Persönlichen, solange sie das Interesse der Schüler an dem Klassiker neu zu erwecken vermag.
Dass sich die Theorien über das Wesen des idealistischen Poeten dabei bisweilen widersprechen, tut dem Interesse kein Abbruch. Ob schwankender Parteigänger der französischen Revolution oder engagierter Gegner der Kleinstaaterei, fürsorglicher Vater oder Frauenheld, Fürstenzögling mit Stipendium oder von Schreibverbot und Haft betroffener Schriftsteller - die Frage bleibt: Wie kann man den revolutionären Geist, die Emphase und das Engagement von Schillers Texten für die heutige Zeit verständlich machen? Sind "Die Räuber", "Don Carlos" oder "Maria Stuart" nur noch verstaubte Klassiker, mit denen gelangweilte Deutschlehrer ihre Schüler malträtieren? Wie aktuell sind Schillers Kosmopolitismus und sein Verständnis von Freiheit?
Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteur Volker Hage mit Buchautorin Eva Gesine Baur und Alexander Kosenina von der Universität Bristol.
Sendetermin: Montag, 4. Oktober, 23.00 Uhr, XXP
Gäste im Studio
Eva Gesine Baur, Buchautorin
Eva Gesine Baur studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Psychologie. Sie arbeitet als Autorin in München und hat Bücher und Beiträge zu psychologischen und kulturhistorischen Themen verfasst. Ihr Buch "Mein Geschöpf musst du sein" (Hoffmann und Campe) beschäftigt sich mit Schillers Ehefrau Charlotte und ist die Biografie einer selbständigen, hoch gebildeten Frau, die versuchte, das Image von Schiller als dem idealen, souveränen Genie zu verteidigen. Obwohl die Wirklichkeit oft anders aussah, stand Frau Schiller zu ihrem Mann. Die intime Perspektive auf Schiller lässt ein ungewohntes Bild des Dichters entstehen - mit all seinen Schwächen und Marotten.
Alexander Kosenina, Universität Bristol
Der heute 41-jährige Alexander Kosenina studierte Germanistik und Philosophie an den Universitäten Heidelberg und Berlin. Seit 1988 ist er als Literaturwissenschaftler an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland tätig. Er veröffentlichte zahlreiche Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts und schreibt für Zeitungen und Zeitschriften. In seinem Buch "Der gelehrte Narr" porträtiert Kosenina den Wissenschaftler als Antihelden und widmet sich dieser in Deutschland vergessene Figur in Literatur und Kunst. Er vergleicht dabei deutschsprachige Literatur der letzten drei Jahrhunderte mit exemplarischen Texten aus der europäischen Tradition. Der gelehrte Narr gewinnt aus drei Perspektiven an Profil: geordnet nach seinem Erscheinungsbild, nach seinen Interessen und Arbeitsweisen, schließlich nach seinen Ritualen und Heimstätten.
Moderation:
Matthias Ziemann, SPIEGEL TV