China Geburt einer Weltmacht
Für viele ist es eine beängstigende Vision: Schon im kommenden Jahrzehnt wird China voraussichtlich der dritte Global Player neben den USA und der Europäischen Union sein. Noch immer locken niedrige Löhne, eine gute Ausbildung und die hohe Motivation der Beschäftigten jede Menge ausländischer Produzenten ins Land. Ein Facharbeiter verdient hier etwa 430 Euro, der Computerexperte rund 2700 Euro - im Jahr.
Doch nur die wenigsten Chinesen profitieren von durchschnittlichen Wachstumsraten um sieben Prozent im letzten Jahrzehnt. Arbeitsplätze und Wohlstand entstanden vor allem in den Provinzen und Städten entlang der Ostküste, von Shanghai bis Hongkong. Der Landbevölkerung in West- und Zentralchina geht es nach wie vor schlecht. Hier liegt das Durchschnittseinkommen laut Auswärtigem Amt bei mageren 317 Dollar im Jahr. Nach IWF-Schätzungen soll die Arbeitslosigkeit unter den 800 Millionen Landbewohnern bei bis zu 30 Prozent liegen.
Der Produktivität der voranpreschenden Wirtschaftsmacht tut das bisher keinen Abbruch: Etwa 80 Prozent aller DVD-Player, 70 Prozent aller Spielwaren und die Hälfte aller weltweit produzierten Schuhe werden in China gefertigt. Die Volksrepublik ist das Land, in das heute die meisten ausländischen Direktinvestitionen fließen - im vergangenen Jahr waren es über 53 Milliarden Dollar.
Doch auch als Importeur entwickelt China eine ungeheure Dynamik: Allein die Bundesrepublik konnte hier im vergangenen Jahr Waren im Wert von 18,2 Milliarden Euro verkaufen. Jetzt lässt Peking nach Jahren der Zurückhaltung auch auf politischem Parkett seine Muskeln spielen. Wenn China die Bemühungen der Deutschen um einen Sitz im Weltsicherheitsrat unterstützt, werden aus Wirtschaftskooperationen vorübergehend politische Koalitionen.
Welche Konsequenzen hat der Aufstieg Chinas für den Rest der Welt? Ist das rasante neue Wachstum der Volksrepublik eine verlässliche Konstante oder steht der Fortschritt auf wackligen Beinen? Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteur Erich Follath mit Rüdiger Machetzki von Institut für Asienkunde, Mark Preußler von HSBC und dem Hamburger Architekten Volkwin Marg.
Sendetermin: Montag, 11. Oktober, 22.50 Uhr, XXP
Gäste im Studio
Rüdiger Machetzki, Institut für Asienkunde
Der 63-jährige Rüdiger Machetzki ist wissenschaftlicher Referent am Institut für Asienkunde in Hamburg. Die thematischen Schwerpunkte seiner Arbeit sind Reformprobleme, Wirtschaft sowie Entwicklungsprozesse und -barrieren im asiatischen Raum. Dass China weltweit Euphorie ebenso wie Bedrohungsängste auslöst, sei nichts Neues, sondern bereits seit napoleonischen Zeiten ein Thema, sagt Machetzki. Man müsse bei aller Schönrednerei heute die Frage zulassen, ob sich der vermeintliche Gigant auf seinem "Marsch ins Zentrum" wirtschaftlicher und politischer Macht nicht "auf tönernen Füßen fortbewegt". So sei beispielsweise die chinesische Bankwirtschaft insolvent. Man könne zudem davon ausgehen, dass Chinas reales Wachstum zwei Prozentpunkte unterhalb der amtlichen Statistiken liege - "eine Folge der kuriosen Rechenkünste auf dem Abakus der sozialistischen Marktwirtschaft". Überdies speise sich die wirtschaftliche Dynamik seit sechs Jahren unter anderem aus einer höheren Staatsverschuldung. Auch die fehlende Kaufkraft und der niedrige Lebensstandard der Mehrheit der Chinesen könnten überschäumende Kaufmannsphantasien langfristig zähmen. "Nur 80 bis 100 Millionen Chinesen können so viel Geld ausgeben wie ein Durchschnittsverbraucher in Europa."
Volkwin Marg, Architekt
Volkwin Marg wurde 1936 in Königsberg geboren. Er studierte Architektur in Berlin und Braunschweig und war Mitbegründer des international renommierten Hamburger Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp). 1972 wurde Marg an die Freie Akademie der Künste in Hamburg berufen. Zwei Jahre später lehrte er an der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Von 1979 bis 1983 war Marg Präsident des Bundes Deutscher Architekten. Seit 1986 ist er Professor für Stadtbereichsplanung an der RWTH in Aachen. Gerkan, Marg und Partner sind mit eigenen Büros in Peking und Shanghai vertreten. Das Büro ist an 33 Projekten in ganz China beteiligt. So entwarf gmp das auf ein Investitionsvolumen von 280 Millionen Euro veranschlagte Chinesische Nationalmuseum in Peking sowie das Mega-Projekt einer komplett auf dem Reißbrett entworfenen Stadt. Das seit einem Jahr im Bau befindliche Luchao bei Shanghai soll schon im Jahr 2006 etwa 80.000 Menschen beherbergen. Außerdem auf dem Programm der Hamburger: Die mit 270 Metern höchsten Zwillingstürme der Volksrepublik in Dalian sowie ein Opernhaus in Chongqing, der mit 32 Millionen Einwohnern größten Gemeinde der Welt. Erst vor wenigen Wochen erhielt gmp den Auftrag für ein neues Marriott Hotel im chinesischen Ningbo.
Marc Preußler, Prokurist bei HSBC in Düsseldorf
Die HSBC Group wurde nach der "Hongkong and Shanghai Banking Corporation Limited" benannt - einer Bankgesellschaft, die 1865 gegründet wurde, um den wachsenden Handel zwischen China und Europa zu finanzieren. Der Firmensitz ist in London, das internationale Netzwerk des Finanzdienstleiters umfasst 10.000 Büros in 76 Ländern. HSBC ist an den Börsen von London, Hong Kong, New York, Paris and Bermuda gelistet. Etwa 200.000 Aktionäre haben weltweit Anteile an der Holding.
Moderation:
Erich Follath, DER SPIEGEL