Stille Nacht, billige Nacht Deutschland im Rabattwahn
Zwei Jahre ist es her, da schallte der "Saturn"-Werbeschlachtruf das erste Mal durch deutsche Wohnzimmer: Geiz ist geil! Wohl selten hat ein Reklame-Spruch den kollektiven Gemütszustand einer Nation exakter getroffen - eine ganze Armee frisch verarmter und Euro-gebeutelter Bundesbürger hob an zum Lobgesang des Schnäppchens. Do-it-yourself-Möbel, Lebensmittel vom Discounter und billige Klamotten bestimmen seitdem das Warensortiment in deutschen Haushalten. Man fliegt zu Kaffeepreisen und fährt in Autos asiatischer Produktion. Ob Gastronomie oder Tourismus, Elektro- oder Autoindustrie - inzwischen sind fast alle Branchen von der neuen Enthaltsamkeit betroffen. Mit Umsatzsteigerungen von bis zu 190 Prozent in vier Jahren heißen die großen Gewinner der Rabattschlacht RyanAir, H&M oder Lidl.
Doch bei aller Freude des einzelnen Käufers an permanenten Rotstiftaktionen des Handels - auch der Geiz hat seinen Preis. Noch immer werden 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vom privaten Konsum getragen. Wenn die Absatzkrise bei Opel, Ford oder Volkswagen zu Jobabbau und möglichen Werksschließungen führt und selbst Traditionsunternehmen wie Karstadt in die Krise schlittern, kommt berechtigte Panik auf. Ein Land, in dem alles immer billiger wird, droht allmählich in eine Deflation zu trudeln. Weil immer weniger gekauft wird, gehen immer mehr Arbeitsplätze verloren. Die Folge: Noch weniger Menschen haben genug Geld, um zu konsumieren. Die Kaufkraft sinkt beständig.
Wohin steuert ein Gemeinwesen, dessen Individuen sich nur noch als preisbewusste Ich-AG definieren? Welche Werte spielen in einer Dumping-Gesellschaft überhaupt noch eine Rolle? Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteur Janko Tietz mit dem Konsumforscher Wolfgang Twardawa und dem Wirtschaftswissenschaftler Birger Priddat.
Sendetermin: Montag, 13. Dezember, 23.10 Uhr, XXP
Gäste im Studio
Wolfgang Twardawa, Gesellschaft für Konsumforschung
Auch wenn Deutschland zurzeit in einem "regelrechten Konsumstau" steckt, ist Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg optimistisch, dass im Weihnachtsgeschäft eine Trendwende gelingen könnte. Der monatliche Index der Konsumstimmung ist dem Forscher zufolge nach einem sehr schlechten Wert im Oktober erstmals wieder gestiegen. Das von den Verbrauchern durch die neue Enthaltsamkeit gesparte Geld sei in der Regel nicht fest angelegt worden und "warte nur darauf, ausgegeben zu werden", erklärt Twardawa. "Die Lage ist besser als die Stimmung."
Außerdem im Studio:
Birger Priddat, Wirtschaftswissenschaftler
Moderation
Annika de Buhr, XXP