SPIEGEL Thema: Als der Krieg nach Deutschland kam - DER SPIEGEL
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SPIEGEL Thema Als der Krieg nach Deutschland kam

Todesmärsche, Massenflucht, Massaker: Der von Hitler entfesselte Waffengang war der blutigste der Geschichte. Im XXP-Studio diskutieren Zeitzeugen und Nachkommen über das Inferno der letzten Kriegsmonate in Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 16. Oktober 1944 überquerten sowjetische Truppen in Ostpreußen die Reichsgrenze: Das Blutbad, das Stalins Soldaten unter der Zivilbevölkerung im kleinen Nemmersdorf anrichteten, machte klar: Der Krieg, der von Deutschland ausgegangen war, war nach Hause zurückgekehrt. Fünf Jahre lang hatten deutsche Landser in Polen, Russland, der Ukraine und Lettland ihren Vernichtungskrieg geführt - jetzt waren sie auf dem Rückzug. Die Deutschen erfuhren am eigenen Leibe, was es bedeutet, wenn Soldaten das Land besetzen und dabei das Kriegsrecht brechen.

Vor allem in Ostpreußen, Pommern und Schlesien wurde geplündert und gebrandschatzt, kam es zu Vergewaltigungen und Mord. Schätzungen zufolge wurde jede fünfte Frau im Osten geschändet. "Wir können untergehen", hatte Hitler Anfang 1945 erklärt, "aber wir werden eine Welt mitnehmen."

Und genau dies geschah: Von Januar bis Mai 1945 starben mehr Deutsche als in den fünf Kriegsjahren zuvor. Etwa 300.000 Kinder verloren ihre Eltern, Millionen ergriffen die Flucht vor den Rotarmisten. Rund 500.000 Tonnen Bomben wurden 1945 über Deutschland abgeworfen - allein in Dresden starben bei der Feuersbrunst im Februar 35.000 Menschen. Insgesamt starben bei den eskalierenden Kampfhandlungen innerhalb von sechs Jahren rund 60 Millionen Menschen - darunter sechs Millionen durch den Holocaust.

Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteur Klaus Wiegrefe mit dem Auschwitz-Überlebenden Kurt Julius Goldstein, dem Autoren Niklas Frank und dem Historiker Hans-Ulrich Wehler.

Sendetermin: Montag, 31. Januar, 22.40 Uhr, XXP 

Gäste im Studio

Kurt Julius Goldstein, Auschwitz-Überlebender
Goldstein, jüngster Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Hamm in Westfalen, wurde aus seiner Heimatstadt vertrieben und gelangte über Luxemburg, Haifa und Spanien nach Südfrankreich. Dort wurde er unter der Nazi-Besatzung an die Sammelstation Drancy bei Paris ausgeliefert und nach Auschwitz deportiert. 30 Monate lang arbeitet er in den Kohlengruben im Auschwitz-Nebenlager Jawischowitz als Häftling Nummer 58866. Am 11. April 1945 wurde Goldstein in Buchenwald befreit. Der Widerstand und die Solidarität der polnischen Bergarbeiter hätten ihm und seinen Leidensgenossen die moralische Kraft zum Überleben gegeben, sagt Goldstein, der - inzwischen über 90 Jahre alt - noch immer Schulen besucht, um mit seinen Erlebnisberichten aus dem Lager gegen das Vergessen zu kämpfen. Der Zeitzeuge lebt als Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees in Berlin.

Hans-Ulrich Wehler, Historiker
Hans-Ulrich Wehler, geboren 1931 in Freudenberg bei Siegen, studierte Geschichte und Soziologie an den Universitäten Köln, Bonn und Athens im US-Bundesstaat Ohio. Er promovierte 1960 bei Theodor Schieder über "Sozialdemokratie und Nationalstaat (1840-1914)". Nach seiner Habilitation 1968 blieb er als Privatdozent in Köln, bevor er 1970 Professor an der FU Berlin wurde. Von 1971 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 war er Professor für Allgemeine Geschichte in Bielefeld. Er lehrte außerdem als Gastprofessor in Harvard, Princeton und Stanford.

Niklas Frank, Autor
In seinem 1987 veröffentlichten Buch "Der Vater - Eine Abrechnung" rekonstruiert Niklas Frank das Leben seines Vaters Hans Frank, des Reichsministers ohne Portefeuille und Generalgouverneurs von Polen, der nach seiner Verhaftung durch amerikanische Truppen vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 gehängt wurde.

Moderation

Matthias Ziemann, XXP