Interview "Ich hol' jetzt meine Knarre"
SPIEGEL ONLINE
: Welches war der übelste Kahn, den Sie jemals inspizieren mussten?
Erichsen: Das war zweifellos die "Patmos", ein griechisches Massengutschiff, ein so genannter Bullcarrier, den ich Ende März freigelassen habe. Dieses Schiff war in einem derart desolaten Zustand, dass es mit festgestelltem Ruder und Propeller in die Türkei abgeschleppt werden musste - zum Verschrotten.
SPIEGEL ONLINE: Wer bezahlt solche Transfer-Aktionen?
Erichsen: Der Reeder. Er muss uns schon vor dem Auslaufen die Auftragsbestätigung der Werft zeigen, welche die Verschrottung übernehmen wird. Wir erhalten außerdem Kopien der Verträge mit den Transportunternehmen, in diesem Fall der Firma, die den Hochseeschlepper zur Verfügung gestellt hat.
SPIEGEL ONLINE: Was versuchen denn Reeder oder Besatzung bisweilen zu verbergen?
Erichsen: Da gibt es die unglaublichsten Geschichten. Weil der Kühlschrank nicht in die Kombüse passte, hat man zum Beispiel auf einem Frachtschiff einfach ein Stück aus der Wand zum Maschinenraum herausgeschnitten. Sie können sich vorstellen, was das für den Brandschutz bedeutet. Auf anderen Schiffen werden Löcher an Deck mit Doppelklebeband verschlossen und mit Farbe überpinselt. Manchmal sehen wir diese Stellen nicht gleich und laufen direkt hinein. Dann gibt es natürlich noch jede Menge Parasiten - Kakerlaken und Ähnliches.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die häufigsten Mängel, die Sie feststellen?
Erichsen: Sehr oft wird illegal Öl ins Meer gepumpt. Treibstoff-Abfälle werden normalerweise in Tanks gesammelt. Ein Teil davon kann verbrannt werden, ein anderer muss zur Entsorgung abgegeben werden. Einige Seeleute halten sich nicht an diese Vorschrift. Im nautischen Bereich sind es immer wieder nicht aktualisierte Handbücher und Seekarten, die uns auffallen. Defekte Navigationsgeräte wie Radar, Echolote oder Tiefenmesser sind definitive Festhaltegründe - bevor solche Schäden nicht behoben sind, kann kein Schiff den Hafen verlassen.
SPIEGEL ONLINE: Was können Sie mit Ihrer Arbeit bewirken?
Erichsen: Wie wir am Beispiel der gesunkenen Tanker "Ievoli Sun" oder "Erika" gesehen haben, wird die Besatzung der havarierten Schiffe in den meisten Fällen gerettet. Es ist also - gerade bei den Tanker-Unfällen - vor allem die Umwelt, die in Mitleidenschaft gezogen wird. Unsere Tätigkeit trägt dazu bei, die Wasserwege sauber zu halten und die Natur zu schützen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kann man Unfälle verhindern?
Erichsen: Wenn wir das wüssten. Unfälle sind wahrscheinlich nie zu vermeiden. Man spricht zurzeit davon, die Hafenstaatkontrollen noch weiter zu verschärfen. Vielleicht könnte man auf europäischer Ebene dafür sorgen, dass Schiffe, die bereits zwei- bis dreimal gestoppt wurden, ab einem gewissen Punkt keinen EU-Hafen mehr anlaufen dürfen. Wir arbeiten schon jetzt eng mit den anderen Mitgliedsstaaten zusammen und haben Zugriff auf eine zentrale Datenbank, in der aktuell registrierte Verstöße und Mängellisten aufgeführt sind.
SPIEGEL ONLINE: Sind die Sicherheitsauflagen weltweit identisch?
Erichsen: Es gibt verschiedene Memoranden, die für bestimmte Regionen der Welt zuständig sind und ihre eigenen Sicherheitsstandards formuliert haben. Deutschland ist zusammen mit den anderen europäische Ländern dem Pariser Memorandum assoziiert. Die unterschiedlichen Prüfmaßstäbe haben zur Folge, dass wir jedes Schiff, das aus der Karibik, Fernost oder Südamerika kommt und bereits untersucht wurde, trotzdem noch einmal checken.
SPIEGEL ONLINE: Hat man jemals versucht, Sie zu bestechen?
Erichsen: Sicher, einige ganz Schlaue versuchen uns Geld anzubieten, um einer Feststellung ihres Schiffes im Hafen zu entkommen. Eine konkrete Summe kann ich Ihnen aber nicht nennen - solche Anwandlungen erkennen wir sehr schnell und blocken dann sofort ab.
SPIEGEL ONLINE: Gab es auch gewaltsame Übergriffe?
Erichsen: Wenn bei einer Nachbesichtigung nur vier von zehn Mängeln auf der Liste behoben wurden und das Schiff auch weiterhin nicht auslaufen darf, werden einige unserer Besucher ganz schön grantig. Man kann nicht mehr mit ihnen reden, sie rasten aus und bedrohen uns. Viele können einfach nicht verstehen, dass auch die so genannten Peanuts-Punkte erfüllt werden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie in solchen Situationen?
Erichsen: Ich versuche ruhig zu bleiben. Prügeln musste ich mich bisher noch nicht, es hat gereicht, wenn ich laut wurde. Auf einem asiatischen Dampfer hat einmal ein Kapitän gedroht, meinen Kollegen zu erschießen - er rannte herum und schrie, er würde jetzt seine Knarre holen. Den konnten wir allerdings im Gespräch beruhigen. Generell gehen wir nur zu zweit oder zu dritt in den Dienst, auch um immer einen Zeugen für eventuelle Beschwerden vor Gericht dabei zu haben. Die Wasserschutzpolizei hilft im Notfall.
Das Interview führte Annette Langer