Der Untergang von U-869: "Mit Mann und Maus versenkt" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Der Untergang von U-869 "Mit Mann und Maus versenkt"

Der ehemalige Funkmaat Herbert Guschewski überlebte den zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder: Als jeweils einziges Besatzungsmitglied wurde er von U-602 und U-869 kurz vor deren Versenkung abgezogen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Großadmiral Dönitz, den lärmempfindlichen "Zaunkönig" und seine Kameraden an Bord von U-869.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Glück, Vorsehung oder Schicksal?

SPIEGEL ONLINE

: Wie lange sind Sie als Funkmaat auf der U-869 gefahren?

Guschewski: Ich wurde im Dezember 1943 direkt von der Unteroffiziersschule zur Werft Deschimag nach Bremen abkommandiert, auf die Baubelehrung von U-869. Bis kurz vor dem Untergang des Bootes 1944 bin ich ohne Unterbrechung mitgefahren. Im November 1944 musste ich dann wegen einer Lungenentzündung ins Lazarett. Die Mannschaft hat mich dort noch besucht, bevor sie zu ihrer letzten Fahrt ausgelaufen ist.

SPIEGEL ONLINE: Auch auf U-602, einem Boot vom Typ VII C, waren Sie der Einzige, der dem Untergang im April 1943 entkommen konnte.

Guschewski: Ja, das war ein Boot von Blohm und Voss aus Hamburg, auf dem ich seit 1941 fuhr. Nachdem wir über Gibraltar den Durchbruch ins Mittelmeer geschafft hatten, wurde ich zur Funkunteroffiziersschule in Flensburg abkommandiert. Kurz darauf wurde die U-602 vor Oran im westlichen Mittelmeer als vermisst gemeldet. 48 Kameraden starben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, warum ausgerechnet Sie gleich zweimal vom Tod verschont geblieben sind?

Guschewski: Natürlich. Mit meiner Familie rede ich oft darüber. Wie soll man es bezeichnen, wenn ein Mensch so viel mitmacht und noch lebt? Glück? Vorsehung? Schicksal? Ich weiß es nicht. Aber eines steht fest: Was man erlebt hat, kann man nicht vergessen.

Selbstversenkung durch "Zaunkönig"?

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert, als sich herauskristallisierte, dass U-869 gar nicht vor Nordafrika, sondern in der Nähe von New Jersey gesunken ist?

Guschewski: Das war ein Schock. Es stand ja in den Chroniken und Büchern, dass es vor Casablanca, Marokko untergegangen sei - deshalb fand ich diese Version am Anfang vollkommen unglaubwürdig. Nachdem man aber persönliche Dinge der Mannschaftsmitglieder gefunden hatte, wusste ich, dass U-869 tatsächlich vor New Jersey liegen musste.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihre persönliche Theorie zur Ursache des Untergangs?

Guschewski: Es gibt keine andere Möglichkeit als die, dass U-869 auf ein vorbeifahrendes Schiff einen Torpedo geschossen hat, der zum Kreisläufer wurde. Er kam zurück und hat das Boot mittschiffs getroffen. So wie es jetzt auf dem Meeresboden liegt, kann man das gut erkennen - der Turm ist abgerissen. In diesem Teil der amerikanischen Gewässer gab es keine Minen, und weder ein Flugzeug noch ein Zerstörer haben die Versenkung jemals gemeldet. Das vorbeifahrende Schiff wird den Torpedo gar nicht beachtet haben, weil kurz vor Kriegsende so nah an der Küste gar keine feindlichen U-Boote erwartet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Wie häufig waren solche Irrläufer?

Guschewski: Von 100 Torpedos war einer ein Kreisläufer. Wir verfügten gegen Ende des Krieges über einen Spezialtorpedo namens T5, auch Zaunkönig genannt, der in erster Linie für schnell fahrende Schiffe mit sehr lauten Schraubengeräuschen entwickelt worden war. Weil er vor allem Zerstörer aufspürte, die mit wahnsinnig hohen Geschwindigkeiten unterwegs waren hieß er auch "Zerstörerknacker". Diese Torpedos waren sehr knapp - auch U-869 besaß nur zwei von ihnen. Vor New Jersey haben sie vermutlich eben diesen T5 verwendet. Der Zaunkönig reagierte auf Lautstärke, je lauter die Geräusche waren, desto schneller wurde er. Falls er zum Irrläufer wurde und die Mannschaft das mitbekam, musste sie Alarm tauchen, was tragischerweise noch mehr Lärm verursachte - der Torpedo hat sie erwischt.

Torpedos noch immer scharf

SPIEGEL ONLINE: Warum ist die Mannschaft in Richtung Amerika gefahren?

Guschewski: Zwar war der Krieg im Februar 1945 für jeden ersichtlich erledigt. Aber es gab immer noch Pflichterfüllung und den Eid auf Hitler. Der Befehl lautete, vor Amerika zu operieren. Der zweite Funkspruch mit der Order, nach Gibraltar zu gehen, hat das Boot wahrscheinlich nie erreicht - entweder wegen atmosphärischer Störungen oder weil es zu diesem Zeitpunkt schon vernichtet war.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte man sich abschließende Klarheit über die Ursache des Untergangs verschaffen?

Guschewski: Ich habe den Tauchern und Forschern vorgeschlagen, in den vorderen Torpedorohren nachzusehen, ob ein Geschoss fehlt, dann wüsste man sicher, dass ein Torpedo abgefeuert wurde, der dann das Boot getroffen hat. Man sagte mir allerdings, dass die Spitze von U-869 zu tief im Schlamm stecke und eine solche Transaktion zu gefährlich sei, da die Torpedos ja noch scharf sind.

SPIEGEL ONLINE: Zudem hat die Erkundung des Wracks in 70 Meter Tiefe bereits drei Menschen das Leben gekostet. Eines der wegweisenden Fundstücke für die Identifikation des Bootes war ein Küchenmesser, in das der Name Martin Horenburg eingeritzt war - und den gab es tatsächlich nur ein einziges Mal in der ganzen Marine.

Guschewski: Ja, Martin Horenburg kam mit mir zusammen auf U-869. Am meisten Leid getan hat es mir aber um drei junge Funker im Alter von ungefähr 18 Jahren - Gehlen, Mehnert und Ularsch. Mit denen hatte ich oft gemeinsam Funkwache und fühlte mich ein wenig für sie verantwortlich. Die waren so jung und hatten noch gar nichts von ihrem Leben gehabt.

Mit Mann und Maus versenkt

SPIEGEL ONLINE: Waren die U-Boot-Fahrer eine besonders wagemutige Truppe?

Guschewski: Wir waren auf jeden Fall alle freiwillig auf dem Boot. Gegen Ende des Krieges wurden Marineangehörige einfach auf die U-Boote beordert. Am Anfang des Krieges musste man noch perfekt schwimmen können, später nahmen sie sogar Nichtschwimmer. Das war auch egal, denn die Boote wurden mit Mann und Maus versenkt, und es kam sowieso niemand raus, ob er nun schwimmen konnte oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn des Krieges und vor allem nach erfolgreichen Feindfahrten wurde die Unterwasserflotte wild umjubelt, die Kommandanten und Mannschaftsmitglieder wie Stars gefeiert.

Guschewski: Ja, die Faszination war groß: die schönen Uniformen, das Wasser, die Häfen. Ein Unterseebootfahrer war auch innerhalb der Marine etwas Besonderes. Das war eine Elite.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sich den Alltag auf dem Boot so vorstellen wie in dem gleichnamigen Kinofilm von Wolfgang Petersen?

Guschewski: Der Film war bis auf einige Details sehr authentisch. Dass allerdings nach der Versenkung eines Dampfers alle anfangen zu tanzen und sich als Frauen zu verkleiden, erscheint mir eher unrealistisch. So etwas gab es nicht, weil jeder viel zu betroffen und ängstlich war und außerdem ständig Ruhe bewahren musste.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie wirklich zehn bis zwölf Stunden lang mit Wasserbomben attackiert?

Guschewski: Ja, das kam vor. Über Sonar konnten die Zerstörer unsere U-Boote zwar orten aber zu Beginn des Krieges noch nicht feststellen, wie tief sie lagen - man rechnete mit 150 bis 180 Meter. Wenn das Boot versuchte, unter Wasser zu entkommen, haben die Jäger gekoppelt, das heißt sich untereinander abgesprochen. Da haben dann drei Zerstörer ein Dreieck gebildet und dem U-Boot von allen Seiten zugesetzt. Durch Spionage wussten die Alliierten später, dass die Mehrheit der Boote bei Wasserbombenverfolgung auf rund 200 Meter Tiefe gingen, manchmal sogar auf 230 bis 250 Meter. Das war eine kritische Situation: Überall knisterte es und zehn Meter mehr konnten das Ende bedeuten. Hinzu kam der Druck von den Wasserbomben.

Das Leben durch Wahnsinn gerettet

SPIEGEL ONLINE: Gab es Menschen, die an der Enge, dem Stress und der permanenten Anspannung zerbrochen sind?

Guschewski: Das habe ich einmal im Mittelmeer erlebt. Wir hatten Kurs auf La Spezia genommen und befanden uns gerade auf der Höhe von Elba, als am helllichten Tage direkt aus der Sonne ein Flugzeug auf uns hinabstieß und eine Bombe abwarf, die uns Gott sei Dank verfehlte. Neben mir stand ein Matrose aus Köln. Als die Bombe einschlug fragte er auf Kölsch: Wat war dat? - und war ab dem Moment nicht mehr derselbe. Richtig verrückt ist der geworden, so dass wir ihn eine Nacht lang fesseln mussten, damit er nicht irgendwelche Ventile aufdreht. Er wurde in die Psychiatrie Innsbruck gebracht und später als geheilt entlassen - er hat sein Leben dadurch gerettet, dass er durchgedreht ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie standen die Mannschaftsmitglieder zu den Befehlen der oberen Führungsebene? Gab es kritische Stimmen?

Guschewski: Die Mannschaft hat getan, was ihr befohlen wurde. Es ist heute für junge Menschen schwer verständlich, dass man sich so sinnlos aufgeopfert hat. Wir wussten, dass der Krieg verloren ist, aber keiner von uns ist nachts von Bord geschlichen oder hat sich versteckt. Wir wussten: Wenn sie uns erwischen, dann werden wir zum Tode verurteilt. Keiner wollte sterben, und jeder hat gehofft: Wenn das Boot auch rausfährt, wir kommen wieder.

Vertrauen und Verantwortung

SPIEGEL ONLINE: Blieben die Strukturen an Bord so hierarchisch wie an Land?

Guschewski: Ich hatte als Funker über Sonar und Radar naturgemäß einen größeren Einblick in Militärgeheimnisse. Wenn wir von Landstellen aus Afrika geortet wurden, dann habe ich "Tauchen, Alarm!" geschrieen - und nicht der Kommandant. Der war in dieser Situation auf den Funker angewiesen und wusste auch, was er an mir hatte. Das war eine Riesenverantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Worin unterschied sich der Führungsstil der Kommandanten von U-869 und U-602?

Guschewski: Der Kommandant von U-602, Kapitänleutnant Schüler, war allein schon auf Grund seines Alters keiner von den waghalsigen Offizieren. Zwar hat er einige Zerstörer versenkt, aber er hat stets verhalten gekämpft und nur geschossen, wenn die Sache sicher war. Neuerburg hingegen war nur vier Jahre älter als ich. Er war zunächst Flieger und ist dann freiwillig zur U-Boot-Waffe gegangen. Neuerburg war eher der linientreue Nazi. Ich erinnere mich, dass er vor dem Auslaufen seine Gitarre rausgeholt und mit uns nationalsozialistische Lieder gesungen hat. Noch im Februar 1945, also einige Wochen vor Kriegsende, auf ein einzeln fahrendes Schiff vor der amerikanischen Küste zu schießen - das hätte er nicht tun sollen.

Soldat durch und durch: "Papa Dönitz"

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie heute das Verhalten von Großadmiral Dönitz?

Guschewski: Ich war mit Dönitz sehr eng verbunden und habe nach dem Krieg noch Bilder mit Widmung von ihm bekommen. Wissen Sie, er ist tot, und ich habe heute ein ganz anderes Bild von ihm als damals. Er war für uns alle ein Vorbild, er war Papa Dönitz, wie wir ihn nannten. Und doch hat er bis zum Schluss U-Boote rausgeschickt, obwohl er wusste, dass sie nicht wiederkommen.

SPIEGEL ONLINE: War der Oberbefehlshaber der Marine so wagemutig, wie ihn manche Geschichtsschreiber darstellen?

Guschewski: Ja, das war er. Im Ersten Weltkrieg wurde er selbst im Mittelmeer versenkt und hat später zwei seiner Söhne geopfert, obwohl er den zweiten nicht hätte in den Krieg schicken müssen. Er hat keinen Unterschied gemacht zwischen den eigenen und fremden Kindern. Ich rechne ihm hoch an, dass er weder Kriegsverbrechen begangen noch sie gebilligt hat. Dönitz war einfach durch und durch Soldat. Für ihn gab es nur die U-Boote.

SPIEGEL ONLINE: Und doch hat er die Entwicklung des mit Wasserstoffsuperoxid angetriebenen Walterboots verzögert, ja geradezu verschlafen.

Guschewski: Man hat nicht damit gerechnet dass die Boote so schnell gebraucht würden. Die herkömmlichen Kampfboote wie IX C oder VII C mussten alle 24 Stunden auftauchen, um die Batterien zu laden. Die Walterboote konnten wochenlang unter Wasser bleiben, ihre Erprobung kostete aber viel Zeit. Gegen Ende des Krieges wurden die Elektroboote vom Typ 21 vermehrt rausgeschickt. Aber da war eigentlich schon alles vorbei und die großen Werften Howald und Blom und Voss zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie nicht, dass Dönitz auch strategische Fehler begangen hat? Er hat doch beharrlich geleugnet, dass der Funkcode entschlüsselt werden könne. Hat er die Situation unterschätzt?

Guschewski: Ja, er hat sie unterschätzt. Aber wir alle waren davon überzeugt, dass Amerikaner und Engländer niemals in den Besitz unseres Funkschlüssels kommen konnten. Auch sehr gescheite Spezialisten von Siemens sahen das so. Was damals niemand wusste: Als U-110 versenkt wurde, ging es trotz geöffneter Flutventile nicht sofort unter. Der im Wasser schwimmende Kapitänleutnant Lemp sah, dass das Boot nicht sank und wollte an Bord zurückkehren, um noch mehr Flutventile zu öffnen. Er wurde erschossen und sämtliche Unterlagen gerieten in die Hände der Briten - einschließlich der Schlüsselmaschine Enigma. Der Code war geknackt und ab diesem Zeitpunkt wurden alle Kapazitäten eingesetzt, um den Funkverkehr zu beobachten.

Das Interview führte Annette Langer