Interview mit Arno Hamburger, Teil 2 "Die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren..."
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: Sie haben sich später beim Büro für Kriegsverbrechen als Übersetzer und Dolmetscher für die Nachfolgeprozesse beworben und am 1. Oktober 1946 in Nürnberg ihre Arbeit aufgenommen.
Hamburger: Ja, ich hatte damals bereits den britischen Pass. Man hat mich gern genommen, weil ich über das lokale Geschehen gut informiert und zudem einer der wenigen Alliierten war, der die alte Sütterlin-Schrift lesen konnte das hatte ich noch in der Schule gelernt. Ich habe unter anderem das Kriegstagebuch von Jodl übersetzt das waren 15 Oktavhefte mit Bleistift in Sütterlin-Schrift beschrieben. Für die normalen Übersetzer war das ein Buch mit sieben Siegeln.
SPIEGEL ONLINE: Fritz Sauckel, SS-General und Leiter der "Reichsdienststelle für die Fürsorge der Fremdarbeiter", hat sein Todesurteil schlecht verkraftet. Laut Zeugenaussagen lief er bis zur Vollstreckung verwirrt durch das Gefängnis und sprach immer wieder von Missverständnissen auf Grund eines Übersetzungsfehlers. Wie heikel war das Übersetzen für Sie?
Hamburger: Übersetzungsfehler sind sehr selten vorgekommen. Sämtliche Dokumente wurden immer von mehreren Kollegen überarbeitet und das mit großer Akribie. Durch diese intensive Zusammenarbeit haben wir gute Ergebnisse erzielt. Wenn ich dolmetschte, dann fast immer vom Englischen in Deutsche, weil es einfacher ist, in die eigene Muttersprache zu übersetzen.
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden überwiegend bei den so genannten Ärzteprozessen gegen NS-Mediziner eingesetzt, die in den Konzentrationslagern grausamste Experimente mit den Gefangenen unternahmen. Wie umfangreich waren die Dokumente zu diesen Gräueltaten?
Hamburger: Sehr umfangreich, da gab es jede Menge Unterlagen. Besonders eklatant waren die Aussagen des Luftwaffenarztes Doktor Rascher, der seinerzeit Kälteexperimente mit Menschen durchgeführt hat. Wenn man das heute liest, stehen einem die Haare zu Berge.
SPIEGEL ONLINE: Und damals? Was haben Sie empfunden, als Sie den schriftlichen Beweis für diese Verbrechen in der Hand hielten?
Hamburger: Es war einfach furchtbar. Rascher hat bei seinen Vorgesetzten darum ersucht, die Versuche von Dachau nach Auschwitz zu verlegen, weil dort das Areal großflächiger sei und die Menschen, wenn sie erfrieren, erfahrungsgemäß so laut schreien würden, dass es zu Unruhen im Lager kommen könnte. "Die Versuchspersonen brüllen, wenn sie sehr frieren" stand in einem Brief Raschers an Himmler . Wenn man liest, wie ein Arzt Menschen auf 26, 27 Grad Körpertemperatur herunterkühlt, um sie später mit so genannter animalischer Wärme zu reanimieren, versteht man augenblicklich, welch menschenverachtendes System hier am Werke war. Für die Wiederbelebung wurden Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück nackt zwischen die Erfrorenen gelegt.
SPIEGEL ONLINE: Der Tenor der Dokumente war bürokratisch?
Hamburger: Sicher, ganz in der Diktion des Dritten Reiches, bitte gehorsamst und so weiter...
SPIEGEL ONLINE: Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie im Zuge Ihrer Arbeit immer tiefer ins Detail gegangen sind?
Hamburger: Das hat sowohl meine Psyche als auch die Physis extrem belastet. Ich wusste, dass Verwandte von mir deportiert worden waren. Ich hatte eine Tante, die mit 29 Jahren in den Osten verschleppt wurde, meine Großeltern waren in Sobibor, einem Lager im polnischen Distrikt Lublin, mein Onkel in Mauthausen. Wenn man dann schwarz auf weiß gesehen, was dort mit den Leuten passiert ist, hat man die Dinge personenbezogen betrachtet, und das war schlimm.
SPIEGEL ONLINE: Und doch hat US-Hochkommissar McCloy 1951 einen Gnadenerlass dazu benutzt, einige der Strafen für verurteilte Kriegsverbrecher herunterzusetzen.
Hamburger: Das war ein Ergebnis des Kalten Krieges. Diese Dinge wurden damals sehr milde behandelt, weil man Deutschland als Verbündeten gegen den Kommunismus brauchte. Durch solche Amnestien hat man versucht einen Punkt zu setzen und eine andere Stimmung zu erzeugen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig waren die Nürnberger Prozesse im Hinblick auf die heutige Rechtsprechung bei Kriegsverbrechen wie zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien?
Hamburger: Man hat damals sicherlich einen Grundstein gelegt, der durch die Jahrzehnte hindurch noch geschliffen werden konnte. Eines steht fest: Ohne die Nürnberger Prozesse würde es das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nicht geben.
Das Interview führte Annette Langer