Interview "Wir können uns nicht bis ins Kleinste schützen"
SPIEGEL ONLINE:
Wie oft sind Sie in den letzten Jahren zu Hochwasser- und Flutkatastrophen ausgerückt?
Ralph Dunger: Wir unterscheiden zwischen Inlands- und Auslandseinsätzen. In Deutschland geht es jährlich zum Hochwassereinsatz an Rhein und Donau und deren Nebenflüsse. Unregelmäßig kommt es an den Küsten zu Sturmfluten. Davon ist bei uns insbesondere Hamburg betroffen. Dort mussten unsere Kräfte schon häufiger ausrücken, auch wenn es letztlich nicht zu einer Sturmflut kam. International sind wir regelmäßig gefordert. Der letzte große Einsatz war in Mosambik, wo wir mit einer großen Anzahl von Helfern vor Ort waren und im wesentlichen Brunnen rehabilitiert haben.
SPIEGEL ONLINE: Welche Hilfe leistet das THW?
Dunger: Wir sind eine Organisation, die in erster Linie auf Ereignisse reagiert. Wenn eine Katastrophe da ist, helfen wir mit unserer vielfältigen Technik und der dazugehörigen Fachkompetenz unserer ehrenamtlichen Helfer im Bereich der Infrastruktur, leisten aber auch unmittelbare Hilfe für die Betroffenen und versuchen, ihnen das Leben wieder etwas leichter zu machen. Beispielsweise bauen wir Zeltlager für obdachlos Gewordene oder stellen Brunnen wieder her, die durch das Hochwasser versandet wurden. Im Einzelfall bauen wir auch zerstörte Brücken behelfsmäßig wieder auf, um die Verkehrsadern wieder herzustellen. Trinkwasserherstellung ist eine Domäne des THW.
SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie persönlich Ihr einschneidendstes Hochwassererlebnis?
Dunger: Die Ereignisse im Jahre 1997, als es darum ging, den Bewohnern des Oderbruchs nach der Überflutung wieder ein normales Leben zu ermöglichen. Wenn Sie da stehen und erleben, dass Menschen ihr Lebenswerk verlieren und vor dem Nichts stehen. Alles, wofür sie geschuftet haben. Die stehen dann in Tränen aufgelöst vor ihrem völlig zerstörten Heim oder ihrem Hab und Gut, das irgendwo wieder angeschwemmt wird. Das ist etwas, das einem selbst sehr nahe geht.
SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren wurde im Zivil- und Katastrophenschutz gespart, wie einsatzbereit ist das THW?
Dunger: Das THW hat in den letzten Jahren keine Haushaltskürzungen hinnehmen müssen. Das THW ist einsatzbereit, sowohl was Technik, als auch Helferzahlen und Motivation angeht. Langfristig können wir mit dem derzeitigen Haushalt jedoch in unserer heutigen Form nicht überleben. Wir führen derzeit mit dem Bundesinnenministerium Verhandlungen, um weitere Mittel zu erhalten, die wir brauchen, um langfristig auf dem Stand der Technik und für junge Leute attraktiv zu bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Das THW besteht zum größten Teil aus Freiwilligen. Was motiviert die Helfer?
Dunger: Da gibt es zum einen diejenigen, die vor allem technikbegeistert sind. Das THW bietet eine große Bandbreite an moderner Technik. Entsprechend seinen persönlichen Neigungen kann sich jeder Helfer seinen Bereich aussuchen. Man kann etwa Fahrzeuge reparieren, Brücken bauen, Boot fahren oder mit verschiedenen Werkzeugen umgehen, wie Hebekissen, Hydropressen oder Gerätschaften zum Aufspüren von Verschütteten. Natürlich haben auch einige das Interesse, über das THW vom Wehrdienst freigestellt zu werden, indem sie sich auf sieben Jahre verpflichten. Bei einer dritten Gruppe ist es sicherlich der Wunsch und die Aussicht ins Ausland zu kommen und dort das Knowhow, das man sich im THW angeeignet hat, sinnvoll anzuwenden.
SPIEGEL ONLINE: Der Wunsch, humanitäre Hilfe leisten zu können, scheint demgegenüber nur zweitrangig zu sein.
Dunger: Die Vorstellung helfen zu wollen muss schon als Grundantrieb vorhanden sein, wenn man sich für eine Hilfeleistungsorganisation entscheidet. Helfen kann man aber auch in anderen Organisationen. Wer zum THW geht, will nicht nur helfen, sondern dies auch mit vielfältiger Technik tun, die das THW bietet.
SPIEGEL ONLINE: Werden die Helfer auf die Katastrophen-Einsätze auch psychologisch vorbereitet?
Dunger: Im Rahmen von Ausbildungslehrgängen und Vorbereitungen für einen Auslandseinsatz werden Helfer und Führungskräfte eher theoretisch auf das Erkennen von psychischen Problemen geschult. Während und nach einem Einsatz wird psychologische Betreuung angeboten. Die entsprechend geschulten Fachkräfte und Psychologen bekommen wir vom Bundesgrenzschutz, der Feuerwehr oder der Seelsorge.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefährdung durch Hochwasser in Deutschland?
Dunger: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir uns in Deutschland vor Hochwasser nicht fürchten müssen. Ein Hochwasser am Rhein ist keine Katastrophe. Man weiß, dass es kommt und man ist darauf vorbereitet. Es handelt sich um zu bestimmten Zeiten immer wiederkehrende Ereignisse von beschränktem Ausmaß. Es wäre kritischer, wenn die Hochwasser zum Beispiel mit Erdrutschen verbunden wären und Häuser zerstört würden. Das passiert in unseren Regionen aber in der Regel nicht.
SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Sturmfluten?
Dunger: Vor einer Sturmflut, wie etwa in Hamburg 1962, werden wir uns nicht bis ins Kleinste schützen können. Aber ich denke, dass die baulichen und die im Rahmen der Katastrophenabwehr getroffenen vorbeugenden Maßnahmen, sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung für solche Fälle, bei uns in Deutschland einem höheren Standard genügen, als zum Beispiel in Ländern der Dritten Welt.