Interview mit dem Produzenten von "Apollo 13" "Wir wollten ein großes Abenteuer inszenieren"
SPIEGEL ONLINE:
Was lag Ihnen als ausführender Produzent von "Apollo 13" bei der Herstellung Ihres Films besonders am Herzen?
Zvi Dor-Ner: Ich habe mich vor allem gefragt, wie ich mich diesem missglückten Mondflug als historischem Ereignis nähern sollte. Wir wollten eine moderne Abenteuer- und Entdeckungsgeschichte erzählen. Das sollte weder eine Zitat gespickte Wissenschaftsgeschichte noch eine Darstellung aus persönlicher Perspektive sein - wir wollten vielmehr ein großes Abenteuer inszenieren. Der Film war zunächst als erster Teil einer Reihe von Dokumentarfilmen konzipiert, die sich mit Ereignissen beschäftigen, welche die Wahrnehmung der Menschheit von sich selbst grundlegend verändert haben.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie ein besonderes persönliches Interesse am Thema Raumfahrt?
Dor-Ner: Ich war schon immer an Geschichten großer Entdeckungen interessiert. Ich habe einen Film über Kolumbus gemacht, der auch in Deutschland mit einigem Erfolg im Fernsehen gelaufen ist. Nach einiger Zeit wollte ich dann etwas Ähnliches an Hand einer vollkommen anderen Geschichte produzieren.
SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig war Ihnen dabei die korrekte Wiedergabe der technischen Zusammenhänge?
Dor-Ner: Nun, sie war uns wichtig genug, um sämtliche Modelle und Animationen, die wir entwickelt haben, streng nach den Informationen der Nasa zu bauen. Anfang der Neunziger Jahre waren die Möglichkeiten, komplizierte Zusammenhänge per Computerprogramm möglichst anschaulich darzustellen, längst nicht so groß wie heute. Einige unserer Mitarbeiter haben nächtelang in den Universitäten gesessen und versucht, die Bewegung der Raumschiffe authentisch und in Real Time wiederzugeben - das war sehr arbeits- und zeitintensiv. Ich glaube, für den damaligen Stand der Technik haben wir sehr effektiv gearbeitet.
SPIEGEL ONLINE: Ein wesentlicher Teil der großen Spannung, die Ihren Dokumentarfilm auszeichnet, entsteht durch die Originalaufnahmen aus dem Bodenkontrollzentrum in Houston. In einem gnadenlosen Wettkampf mit der Zeit versuchen hoch konzentrierte Mitarbeiter, den Fehler im System zu finden, um die Mannschaft zu retten. War es schwer, an diese Aufnahmen zu kommen?
Dor-Ner: Nein, da gab es keinen Probleme, die Nasa war sehr kooperativ. Für mich sind das auch heute noch sehr eindrucksvolle Bilder. Dass die Nasa-Mitarbeiter auf die Idee gekommen sind, sich gegenseitig in dieser Situation zu filmen, ist zudem ganz erstaunlich. Auch in der Art und Weise, wie sie Risiken auf sich genommen haben, waren diese Menschen wirklich bemerkenswert.
SPIEGEL ONLINE: Für Ihren Film habe Sie auch Aleksej Leonow, Sojus-19-Kommandant und einer der großen Helden der sowjetischen Raumfahrt, in seiner Heimat besucht und interviewt.
Dor-Ner: Ja, und darüber bin ich sehr froh, denn Leonow hat dem Film eine Textur gegeben, die wir ohne ihn sehr vermisst hätten. Es ist sehr anrührend, wenn er erzählt, dass die Russen für ihre Kollegen im Weltraum gebetet haben, als sie von dem Unglück erfahren haben.
SPIEGEL ONLINE: Nach dem ersten Sputnik-Flug 1957 jubelten die Menschen in der Sowjetunion, der Wettkampf der Supermächte um die Vorherrschaft im All war eröffnet. Einer Ihrer russischen Interviewpartner kommentiert: "Jetzt waren wir Amerika!"
Dor-Ner: An dieser Bemerkung wird klar, wie viel vom nationalen Ego beider Staaten an dem Wettkampf um diese Missionen beteiligt war. Ich hatte im Zusammenhang mit einem Film über das Nuklearzeitalter 1987 schon einmal in Russland gedreht - damals spürte man den Stolz auf die Errungenschaften der Sowjetunion noch ganz deutlich. In den Neunzigern war das ganz anders, da wollten sich auf Grund der Krise nur wenige Russen daran erinnern, was sie in der Vergangenheit gut gemacht hatten. Der Stolz auf die eigenen Errungenschaften war dahin.
SPIEGEL ONLINE: Was war der für Sie beste Moment während der Produktion?
Im zweiten Teil des Interviews geht es um hilfreiche Katastrophen, notwendige Höhepunkte und Tom Hanks in der Rolle des James Lovell
Dor-Ner: Das war, als ich die ersten Entwürfe für die Animation gesehen haben - nicht viel mehr als ein Story-Board mit Strichmännchen, aber genug, um zu verstehen, dass die Geschichte Form annahm und die Dramaturgie funktionierte - ein unübertrefflich gutes Gefühl!
SPIEGEL ONLINE: Hat sich der Blick der Protagonisten auf das immerhin mehr als 30 Jahre zurückliegende Ereignis im Laufe der Zeit verändert?
Dor-Ner: Sowohl für Kommandant Lovell als auch seine Kollegen von der Bodenkontrolle ist und bleibt der Unglücksflug von Apollo 13 das wichtigste Ereignis im Leben. Als es passierte, waren die meisten Beteiligten jung, kraftvoll und kompetent, in der Blüte ihrer Jahre eben. Wenn sie auf etwas zurückschauen, das so tief verwurzelt ist in der Geschichte der Weltraumforschung, dann ist das zweifellos der erhebendste Moment in ihrem Leben - das war es einfach!
SPIEGEL ONLINE: Einer der Flugkontrolleure in Houston, Sy Liebergot, hat in einem Interview mit SPIEGEL TV kritisiert, dass die Medien zu Beginn der Mission nur wenig Interesse an der Besatzung von Apollo 13 und ihrer Aufgabe gezeigt hätten. Erst als der Unfall passierte, hätten alle aufgehorcht. Sind Katastrophen und unglückliche Ereignisse auch für einen guten Dokumentarfilm unentbehrlich?
Dor-Ner: Sagen wir es mal so: Sie sind hilfreich. Eine gute Story braucht einen Höhepunkt. Dokumentarfilmer haben in der Regel große Schwierigkeiten, diesen Höhepunkt auszumachen, und selbst wenn sie ihn gefunden haben, wissen sie oft nicht, wie sie ihn erzählen sollen. Beim Unglücksflug von Apollo 13 war das natürlich kein Problem - hier hatten wir bereits eine dramatische Geschichte und mussten nichts mehr hypen. Uns reichte es, der Erzählung eine vernünftige Struktur und eine intelligente dramaturgische Form zu geben und sie mit so viel Information anzureichern wie es nötig war.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Dokumentarfilm lebt von einer dramatischen Spannung, die fast an fiktionale Erzählformen erinnert. Nur ein Jahr nach Ihrer Produktion kam Ron Howards Spielfilm "Apollo 13" in die Kinos. Hat Ihnen der Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle gefallen?
Dor-Ner: Ich war ein wenig überrascht, das man beschlossen hat, den Fokus auf die Familien der Astronauten anstatt auf die Geschehnisse im All oder die Reaktionen der Öffentlichkeit zu legen. Auf der anderen Seite hat es mich gefreut zu sehen, dass man einige Momente aus unserem Film übernommen hat.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Unterschied zwischen den frühen Apollo-Missionen und den heutigen Ausflügen ins All?
Dor-Ner: Zwar haben wir Shuttle-Missionen und betreiben wichtige wissenschaftliche Untersuchungen im All, aber wir fördern die Entwicklung nicht mehr so wie bei den Apollo-Missionen. Unsere Möglichkeiten sind heute begrenzter als damals, und die Intensität ist nicht mehr die gleiche. Ein neues Engagement in der Mondforschung würde einen vollkommen neuen Start bedeuten, für den man sehr viele Menschen und Energie bräuchte. Weil Raumfahrt-Projekte immer auch Sache des Staates sind und damit eine nationale Anstrengung bedeuten, müssen viele Menschen sie befürworten, bevor etwas passiert.
SPIEGEL ONLINE: In der Sowjetunion war die Informationspolitik in Bezug auf Raumfahrt-Projekte immer sehr strikt: Was nicht an die Öffentlichkeit dringen sollte, verschwand in den Archiven. Hatten Sie bei Ihrer Recherche manchmal das Gefühl, dass auch die Nasa Informationen zurückgehalten hat?
Dor-Ner: Ich vermute, dass es noch immer einige Details gibt, die uns nicht bekannt sind - diese Einzelheiten sind allerdings hochtechnischer Natur und waren damit für meinen Film nicht von Belang. Ich glaube nicht, dass uns dadurch etwas entgangen ist - das war nicht die Geschichte, die wir erzählen wollten.
Das Interview führte Annette Langer