Interview: "Auf keinen Fall aus dem Fenster springen" - DER SPIEGEL
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Interview "Auf keinen Fall aus dem Fenster springen"

Nach der Katastrophe von 1999 scheint in der Türkei ein neues schweres Beben bevorzustehen. Doch auch in Deutschland muss mit Erdbebenkatastrophen gerechnet werden. Der Geophysiker Jochen Zschau sprach mit SPIEGEL ONLINE über die zunehmende Verwundbarkeit der Gesellschaft durch extreme Naturereignisse, unzureichende Vorsorgemaßnahmen und Verhaltensregeln für den Ernstfall.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Wenn man sich die letzen Jahre anschaut, drängt sich einem der Eindruck auf, dass die Zahl katastrophaler Erdbeben gestiegen ist.

Jochen Zschau: Der Eindruck täuscht nicht. Allerdings sind nicht die extremen Naturereignisse häufiger geworden, sondern die von ihnen verursachten Katastrophen. Das heißt, wir Menschen und unsere Gesellschaft sind verwundbarer geworden. Verursacht wird dies vor allem durch das schnelle Wachstum der Erdbevölkerung. Erdbebengefährdete Regionen werden immer dichter besiedelt. Die Mehrzahl der schnell wachsenden Mega-Städte liegt in gefährdeten Gebieten. Aufgrund der fehlenden Infrastruktur kann dort schon ein relativ geringes Beben eine Katastrophe verursachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie pflegen seit Mitte der 80er Jahre im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit intensive Kontakte mit der Türkei und koordinieren ein deutsch-türkisches Erdbeben-Forschungsprojekt. Unmittelbar nach dem schweren Erdbeben vom August 1999 in der Region um Izmit mit fast 20.000 Todesopfern waren Sie vor Ort. Was waren Ihre Eindrücke?

Jochen Zschau: Ein Beben in dieser Region hatten wir schon Mitte der 80er Jahre erwartet. Es kam dann fast 15 Jahre später und in einer Stärke, mit der wir nicht gerechnet hatten. Der Eindruck, der blieb, ist, dass ein Großteil der Todesopfer noch am Leben sein könnte, wenn nicht eklatante Fehler gemacht worden wären. Das betrifft vor allem den Häuserbau. Es war auffällig, wie viele Neubauten eingestürzt waren. Obwohl es geeignete Bauvorschriften gab, wurden diese nicht umgesetzt. Kontrollen fanden praktisch nicht statt. Bei dem Erdbeben im japanischen Kobe 1995 zeigte sich uns ein ganz anderes Bild: Hier hatten die neugebauten Häuser, die den Bauvorschriften entsprachen, dem Beben standgehalten und nur die alten Häuser waren zusammengebrochen.

SPIEGEL ONLINE: Das Erdbeben von Izmit kam für Sie also nicht überraschend. Kann man Erdbeben vorhersagen?

Jochen Zschau: Eine Erdbebenvorhersage mit genauer Angabe des Ortes, der Zeit und der Stärke des Bebens ist der Wissenschaft nicht verlässlich möglich. Man kann allerdings die Wahrscheinlichkeit dafür angeben, dass innerhalb eines bestimmten Zeitraumes ein Erdbeben eintritt. Diese Zeiträume erstrecken sich in der Regel über mehrere Jahrzehnte. Man kommt damit zu Aussagen darüber, wie gefährdet eine bestimmte Region ist. Die Gefährdung für Nordwestanatolien war ausgesprochen stark. Hinzu kam die Erkenntnis, dass es in dieser Region eine eigentümliche Migration von sehr großen Erdbeben von Ost nach West gibt. Und zwar entlang der so genannten Nordanatolischen Verwerfung, das ist ein großer Riss in der Erdkruste von mehr als 1000 Kilometern Länge. 1939 hatte die Entwicklung mit einem riesigen katastrophalen Erdbeben im Osten der Türkei begonnen, die Epizentren der folgenden Starkbeben in den Jahren 1942, 1943, 1944, 1951 und 1957 verschoben sich immer weiter nach Westen. Das vor der Katastrophe von Izmit letzte große Beben von 1967 hatte sein Zentrum in geringer Entfernung östlich von Izmit und war damit schon dicht an Istanbul herangerückt. Dieses Beben von 1967 war auch der Anlass für die Einrichtung des Deutsch-Türkischen Programms zur Erdbebenforschung, in dessen Rahmen in der Region Beobachtungsstationen aufgebaut wurden, um diese Erdbebenmigration nach Westen weiter zu beobachten. Nach dem Izmit-Beben von 1999 stellt sich jetzt natürlich die Frage, wie sich diese Entwicklung fortsetzt und was das für die Metropole Istanbul bedeutet?

SPIEGEL ONLINE: Welche Entwicklung erwarten Sie im anatolischen Erdbebengebiet?

Jochen Zschau: Es liegt natürlich nahe, dass sich die Ost-West-Migration fortsetzt. Unsere große Angst ist, dass das Izmit-Beben Spannungen in der Erdkruste wieder weiter nach Westen verlagert hat, in den Bereich der Verwerfungszone südlich von Istanbul und damit eine besonders große Gefahrenzone entstanden ist. Spannungsberechnungen und neue Daten, die in der Region gesammelt wurden, scheinen das zu bestätigen und kommen zu dem beängstigenden Ergebnis, dass mit einem neuen schweren Beben in diesem Bereich zu rechnen ist. Es ist der einzige Abschnitt der nordanatolischen Verwerfung, der im 20. und 21. Jahrhundert nicht gebrochen ist. Wenn wir Glück haben, findet der Bruch in der Verwerfung in mehreren kleine Abschnitten, begleitet von mehreren kleineren Beben, statt. Katastrophal können aber auch diese weniger starken Beben sein.

SPIEGEL ONLINE: Was droht Istanbul im Fall des zu erwartenden schweren Bebens?

Jochen Zschau: Im Oktober letzten Jahres hat die Global Earthquake Safety Initiative, an der die amerikanische Gruppe Geohazards International und das United Nations Center for Regional Development in Kobe beteiligt sind, eine Studie herausgegeben, bei der für 20 Mega-Städte, darunter Istanbul, die Folgen eines schweren Erdbebens simuliert wurden. Zugrundegelegt wurde ein Szenariobeben , das mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten 50 Jahren stattfindet. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass Istanbul, was die Zahl zu erwartenden Todesopfer angeht, an zweiter Stelle, gleich hinter Katmandu, steht. Die absoluten Zahlen werden dabei in einer Größenordnung von 50.000 angegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste getan werden, um die drohende Katastrophe zu verhindern?

Jochen Zschau: Der Studie zufolge kommt der Großteil der geschätzten Todesopfer durch das Zusammenbrechen von Gebäuden zustande, an zweiter Stelle steht die unzureichende medizinische Versorgung. Istanbul wächst um eine halbe Million Einwohner pro Jahr. Die wichtigste Vorsorgemaßnahme wäre, bei den zahlreichen Neubauten wirklich die Bauvorschriften einzuhalten. Wenn man dies tun würde und das Beben in 15 Jahren eintritt, könnte man 25 Prozent der geschätzten Todesopfer retten. Eine grundlegende Verbesserung der medizinischen Versorgung würde die Zahl um weitere 20 Prozent reduzieren. Wenn man die fünf Prozent der am unsichersten gebauten Gebäude verstärken würde, könnten noch einmal 15 Prozent der zu erwartenden Opfer mit dem Leben davonkommen. Alle Maßnahmen zusammengenommen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass 80 Prozent der Todesopfer gerettet werden könnten, wenn man jetzt diese Vorsorgemaßnahmen umsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Werden sie umgesetzt?

Jochen Zschau: Seit dem Izmit-Beben wird die Einhaltung der Bauvorschriften bei Neubauten kontrolliert. Das wurde früher nicht getan. Dies ist schon ein ganz wesentlicher Punkt.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie groß die Gefahr schwerer Erdbeben in Deuschland ist und wie man sich im Ernstfall verhalten sollte

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Erdbebengefährdung in Deutschland?

Jochen Zschau: Für Deutschland gibt es eine Erdbebengefährdungskarte . Dort kann man für jeden Ort ablesen, welche Bodenerschütterung mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit innerhalb eines bestimmten Zeitraumes zu erwarten ist. Zu den besonders gefährdeten Gebieten zählen der Oberrheingraben, die Niederrheinische Bucht, die Schwäbischen Alb und das Vogtland. Dort muss man mit Beben rechnen, die auch starke Schäden hervorrufen können. Ein Beben 1992 an der deutsch-holländischen Grenze, das so genannte Roermond-Beben, hat immerhin einen Schaden von 300 Millionen DM erzeugt. Glücklicherweise ist bei uns offensichtlich noch niemand durch Erdbeben ums Leben gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Vorsorgemaßnahmen aus?

Jochen Zschau: Das sind vor allem die Bauvorschriften, die unmittelbar aus den Gefährdungskarten abgeleitet werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind auch schwere Katastrophen wie 1999 in der Türkei oder 2001 in Indien möglich?

Jochen Zschau: Etwa im Kölner Raum müssen wir mit schweren Beben rechnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit tritt in dieser Region alle 8500 Jahre ein Beben der Magnitude 6,5 auf. Zum Vergleich: 1993 sind bei einem Beben der Magnitude 6,3 in Südindien 11.000 Menschen ums Leben gekommen. Es gibt Schätzungen der Münchner Rück, die für den Fall eines durchaus möglichen Bebens im Kölner Raum mit einer Magnitude 6,7 von Schäden in Höhe von 180 Milliarden Mark ausgehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Katastrophenpläne?

Jochen Zschau: Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Bebens ist einerseits gering, andererseits auch nur sehr schlecht bekannt. Deshalb gibt es auch keine spezielle Ausrichtung der Notfallpläne auf solche Beben, was sicherlich nicht richtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt in Deutschland das nötige Problembewusstsein?

Jochen Zschau: In der Regel wird erst nach einer Katastrophe reagiert. Wissenschaftliche Schätzungen zeigen aber, dass 70 Prozent aller Schäden, die durch Naturkatastrophen entstehen, vermieden werden könnten, wenn man nur zehn Prozent der Schadenssummen in die Vorsorge stecken würde. Mittlerweile haben wir einen Punkt erreicht, an dem die Katastrophenhilfe kaum noch zu bezahlen ist. Die Forderung an die Politik lautet deshalb, mehr in die Katastrophenvorsorge zu investieren. Dieser Gedanke ist aber offensichtlich nur schwer durchzusetzen. Dinge, die nicht in den nächsten vier Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit eintreten, werden nicht so besonders wichtig genommen. Die meisten Menschen sind sich auch in Deutschland über das Risikos überhaupt nicht im Klaren. Man sollte unbedingt schon in der Schule anfangen, ein Problembewusstsein zu vermitteln. Es ist jedoch nicht nur die Politik gefragt, auch die Wissenschaft müsste mit Simulationen, was im Fall von schweren Beben passieren könnte, stärker in die Öffentlichkeit treten. Solange man sich der Gefahren nicht bewusst ist, wird man sich auch nicht gegen sie schützen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll ich mich verhalten, wenn die Erde anfängt zu beben?

Jochen Zschau: Da kann man keine generelle Regel angeben. Wenn man sich im Erdgeschoss befinden, rennt man am Besten ins Freie. In höheren Stockwerken macht es keine Sinn, raus zu rennen. Dort sollte man versuchen, unter einem Türrahmen oder einem stabilen Tisch Schutz zu finden. Auf keinen Fall sollte man aus dem Fenster springen, wie es immer wieder Menschen in Panik bei Erdbeben machen und dabei umkommen.