Gefährlicher Seegang: Wellenmessen in der zweiten Generation - DER SPIEGEL
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Gefährlicher Seegang Wellenmessen in der zweiten Generation

"WaMoS" klingt wie der spanische Schlachtruf zum Aufbruch ans Meer - und das hat seinen Grund. Mit dem "Wave Monitoring System II" hat die Firma Oceanwaves ein Instrument entworfen, das bei der Erforschung von gefährlichen Riesenwogen und ihrer Entstehung hervorragende Dienste leisten kann. Betreiber von Ölplattformen hoffen schon jetzt auf mehr Sicherheit im Offshore-Bereich.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was als Diplomarbeitsthema das Licht der Welt erblickte, hat sich in den letzten fünfzehn Jahren zu einer kommerziell tragfähigen Idee gemausert: Das im Geesthachter Forschungszentrum "GKSS" entwickelte Wellenmessgerät "WaMoS II" ist in der Lage, den Seegangszustand an Bord eines Schiffes in Echtzeit zu ermitteln. Der mit jedem X-Band-Radargerät kompatible Aufsatz stellt die signifikante Höhe, Frequenz und Richtung von Wellen fest. Aus den Basisdaten können weitere Größen wie zum Beispiel die Wellengeschwindigkeit errechnet werden.

Die Ergebnisse werden in einer Datenbank gespeichert und können als Grafik und Text abgerufen werden - auch über das Internet. Das für Schiffe, Bohrplattformen und Küstengebiete geeignete Tool warnt im Ernstfall vor extrem hohen Wellen. Da "WaMoS II" keinen direkten Kontakt zu Wasser hat, kann es auch unter extremen Wetterbedingungen eingesetzt werden.

Das Prinzip scheint einfach: Weil jedes Radargerät neben Schiffen oder potenziellen Hindernissen auch den Seegang abbildet, ist das Ausgangssignal bereits vorhanden. Diese Störflecke auf dem Monitor werden "Sea Clutter" genannt und sind ein bei Nautikern unbeliebter Nebeneffekt, den sich die Entwickler von WaMoS II zu Nutze gemacht haben. "Im Prinzip benutzen wir ein bereits vorhandenes Störsignal, aus dem wir per Rechen- und Bildverarbeitungsprogramm den Seegang ermitteln und graphisch darstellen", erklärt Diplomingenieur Jürgen Dittmer, der seit 1995 an der Entwicklung von Wellenmessgeräten bei "Oceanwaves" beteiligt ist.

1998 installierte "Oceanwaves" ein "WaMoS II" auf dem Helgoländer Fernsehturm und unternahm einen dreimonatigen Testlauf auf dem deutschen Küstenwachenschiff "Scharhörn". Auch auf der norwegischen Bohrinsel "Ekofisk" werden per Wellenmessgerät Daten gesammelt. Etwa fünf Geräte zu einem Preis von rund 55.000 Euro verkauft "OceanWaveS" zurzeit pro Jahr - bei aufwendigen individuellen Lösungen geht der Preis entsprechend nach oben. Wie schwer kann eine Plattform durch schweren Seegang beschädigt werden? Ab wann müssen Arbeitsabläufe wie die Ölverladung verschoben werden, um niemanden zu gefährden? Solche Fragen beschäftigen vor allem die Betreiber der Offshore-Plattformen und verdeutlichen ihre Abhängigkeit von präzisen Daten und langfristig vernünftigen Seegangvorhersagen.

Im Rahmen des EU-Forschungsprojektes MaxWave  wird das Wellenmesssystem zurzeit eingesetzt, um Riesenwellen aufzuspüren. Dittmer könnte sich durchaus vorstellen, "WaMoS II" als technische Erweiterung auch in Schiffsdatenrekorder einzubauen. Bei einem Unglück würden diese Black Box dann neben Geschwindigkeit und Kurs auch Auskunft über den Seegang während des Unfalls geben. Vor allem die Schiffsklassifizierer seien zurzeit an solchen Erweiterungen der Parameter interessiert. Wenn man den tatsächlichen Einfluss des Seegangs auf Unfälle erfassen würde, könnte man klare Vorgaben für Verbesserungen im Schiffbau entwickeln.

Gerade in Deutschland scheint man jedoch neuen Technologien gegenüber wenig aufgeschlossen zu sein: "Die Schifffahrtsszene hierzulande ist sehr konservativ", behauptet Dittmer, dessen Messgerät im Ausland lange Zeit populärer war als in Deutschland. Das Interesse an innovativen Messtechniken war hier offenbar nur mäßig entwickelt. Unerwartete Schützenhilfe für die gute, alte Seegangsboje? Dittmer hat da seine Zweifel: Eine Boje kostet etwa genauso viel wie "WaMoS II", braucht allerdings ein Schiff, das sie aufs Meer bringt. Wenn die See sehr tief ist, gibt es Probleme mit der Verankerung, liegt die Boje neben einer Plattform, wird sie garantiert zum Opfer des Tanker-Shuttleverkehrs oder landet in einem Fischernetz. "Bojen sind Technik der Sechziger Jahre, die sich eine Weile lang bewährt hat, aber heute nicht mehr mithalten kann."

Annette Langer