Frauen an der Front "Mit den Männern auf gleicher Höhe"
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Seit Januar 2001 sind Frauen zu allen Laufbahnen der Streitkräfte zugelassen. Was sind heute die größten Probleme der Soldatinnen im Alltag der kämpfenden Truppe?
Jutta Gohr: Wenn es um Arbeitszeitbestimmungen, Mutterschutz, Elternzeit oder Probleme mit Vorgesetzten - zum Beispiel mangelnde Akzeptanz oder Mobbing - geht, kommen sowohl Soldaten als auch ihre weiblichen Kameraden zu mir - ich sehe da keinen Unterschied.
SPIEGEL ONLINE. Aber womit haben die Frauen besonders zu kämpfen?
Gohr: Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen müssen Frauen in von Männern dominierten Berufen mit Vorurteilen aufräumen und sich durchsetzen. Das gilt für die Streitkräfte ebenso wie für weibliches Cockpit-Personal der Fluggesellschaften, Frauen in der Berufsfeuerwehr oder im Baugewerbe. Der Erfolg ihrer Bemühungen hängt von ihnen selbst ebenso ab wie von den männlichen Kollegen und deren Bereitschaft, Frauen zu akzeptieren.
SPIEGEL ONLINE. Was können Soldatinnen in den Streitkräften besonders gut?
Gohr: Überdurchschnittlich motivierte und hoch qualifizierte Frauen gibt es in den Streitkräften schon seit 27 Jahren. Auch nach Öffnung aller Laufbahnen hat sich daran nichts geändert. Unsere Erfahrung zeigt, dass Frauen, die wissen, was auf sie zukommt, die sich genau informiert haben und über einen gute Schulbildung verfügen, in unseren Prüfungsverfahren und auch später sehr gut abschneiden. Sie sind mit den Ergebnissen der Männer absolut auf gleicher Höhe.
SPIEGEL ONLINE. Wie steht es um die Klischees, Frauen seien die besseren Führungskräfte, weil sie in der Regel über eine höhere soziale Kompetenz verfügen und Konflikte diplomatisch und mit ruhiger Hand zu lösen wissen?
Gohr: Bei uns sind die Soldatinnen außerhalb des Sanitätsdienstes gerade noch in der Ausbildung, so dass wir zum jetzigen Zeitpunkt ihre Führungskompetenzen noch nicht beurteilen können. Dem allgemeinen Eindruck zufolge sind sie jedoch keinesfalls schlechter als die Männer, sondern bewältigen ihre Aufgaben sehr gut.
SPIEGEL ONLINE. Welche Probleme haben die Männer mit ihren neuen Kameradinnen?
Gohr: Seitdem die Frauen zu allen Laufbahnen Zugang haben, hat die Presse den Integrationsprozess intensiv begleitet. Deshalb sind viele Beteiligten sehr vorsichtig und ein wenig auf Hab-Acht-Stellung. Sie wollen nichts verkehrt machen und hinterfragen permanent ihr Handeln. Als die ersten Frauen ihren Dienst antraten, gab es zum Beispiel einen Vorgesetzten, der einer Soldatin das Bett bezogen hat - ein vollkommen unüblicher Vorgang, der zeigt, wie groß die Verunsicherung im Hinblick auf den Verhaltenskodex zu Beginn noch war.
SPIEGEL ONLINE. Viele Abläufe sind auch heute noch ungeklärt - manche Frauen beschweren sich darüber, dass sie aus falscher Rücksichtnahme von Vorgesetzten unterfordert werden, der "Haar- und Barttracht-Erlass" sorgt bei den männlichen Soldaten für Unmut, weil es den Soldatinnen gestattet ist, langes Haar und Schmuck zu tragen, während die Männer Koteletten und Bärte stutzen oder in der Vergangenheit gar Haarnetze tragen mussten.
Gohr: Frauen und Männer wollen zu Recht gleich behandelt werden. Deshalb müssen wir jetzt einen Weg finden zwischen dem herkömmlichen, in den Streitkräften geforderten Erscheinungsbild und den gesellschaftlichen Ansprüchen. Wir haben bereits eine externe Studie in Auftrag gegeben, die diese Frage untersuchen soll.
SPIEGEL ONLINE. Im August verurteilte das Münchener Landgericht einen Bundeswehrsoldaten wegen Vergewaltigung einer Bewerberin zu fünfeinhalb Jahren Haft. Welche Ansätze gibt es in den Streitkräften, um solchen Übergriffen vorzubeugen?
Gohr: Die Bundeswehr ist immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir haben - und das ist nichts Neues - einen Erlass "Führungshilfe für Vorgesetzte im Umgang mit Sexualität", in dem unter anderem definiert wird, wie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern innerhalb und außerhalb des Dienstes gelebt werden kann. Zusätzlich zur Wehrdisziplinarordnung wird in einem Erlass das sexuelle Verhalten von und zwischen Soldaten aus dienstrechtlicher Sicht erläutert. Außerdem gilt: Kein Vorgesetzter will sich dem Vorwurf eines Fehlverhaltens aussetzen. Deshalb wird er im Falle einer Meldung über sexuelle Belästigung - unabhängig von den Vorschriften - immer reagieren.
SPIEGEL ONLINE. Um die Integration der Frauen voranzutreiben, bieten die Streitkräfte nach US-Vorbild das so genannte Gender Mainstream Training an. Zeigen die irgendeine Wirkung?
Gohr: Unbedingt. In Zentrum Innere Führung in Koblenz wurden schon vor der Öffnung der Streitkräfte für Frauen Ausbilder trainiert. Es ist wichtig, dass auch Führungskräfte lernen, partnerschaftlich zu handeln, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen und auf ihre Vorstellungen einzugehen.
SPIEGEL ONLINE. Werden die Streitkräfte über einen steigenden Frauenanteil langfristig zu einer Weichei-Truppe, in der alle lieb zueinander sind und sich verstehen?
Gohr: Nein, natürlich nicht. Hier geht es um Frauen und Männer, die miteinander einen Auftrag erfüllen - das ist ein Ziel, das nicht neu definiert werden muss. Ansonsten geht es lediglich darum, Umgangsformen zu finden - wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft auch.
Das Interview führte Annette Langer