Frauen in den Streitkräften: Pragmatismus statt Pazifismus - DER SPIEGEL
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Frauen in den Streitkräften Pragmatismus statt Pazifismus

Ob Panzergrenadier, Pilotin oder U-Boot-Kommandant - seit mehr als 20 Monaten stehen deutsche Soldatinnen auch in der kämpfenden Truppe ihre Frau. Ein historischer Wandel innerhalb der Streitkräfte, der längst zu prosaischem Alltag geworden ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Einsatz von Frauen in den Streitkräften wurde in Deutschland von jeher restriktiv gehandhabt. Erst seit 1975 ist es dem schönen Geschlecht vergönnt, Soldat werden - und das lediglich im Sanitäts- und Militärmusikdienst. Weil die Trennung von Streitkräften und Wehrverwaltung allerdings im Grundgesetz verankert ist, konnten Frauen schon seit 1956 in zivilen Funktionen arbeiten: Sie wurden Amtsgehilfinnen, Lagerverwalterinnen oder Krankenpflegerinnen, sie betreuten Datenverarbeitung, Finanzen und Technik oder betrieben wissenschaftliche Forschung. Heute stellen 47.000 weibliche Mitarbeiter mehr als ein Drittel aller Beschäftigten in der Verwaltung.

Die Möglichkeit, in der Bundeswehr einen von 50 verschiedenen Berufen zu erlernen, lockt noch immer viele junge Frauen - von den derzeit 5000 Auszubildenden sind knapp 35 Prozent weiblich. "Hoch motiviert, zielstrebig und zuverlässig" seien die Soldatinnen, liest man auf den Internet-Seiten der Bundeswehr. Und das nicht nur in Lazarett und Amtsstube, sondern auch an vorderster Front: Seit der Zulassung zu allen Laufbahnen fahren junge Frauen auch zu Auslandseinsätzen in Kambodscha, Somalia, Ost-Timor oder Bosnien-Herzegowina.

Nachdem die damals 22-jährige Elektrikerin Tanja Kreil aus Niedersachsen Anfang 2000 Klage eingereicht hatte, bestätigte der Europäische Gerichtshof am 11. Januar 2000, dass der allgemeine Ausschluss von Frauen vom Dienst mit der Waffe nicht mit dem Recht der Europäischen Gemeinschaft in Einklang stehe.

Seit dem 1. Januar 2001 stehen deshalb alle Laufbahnen der Streitkräfte auch Frauen zur Verfügung - der in Artikel 12 a des Grundgesetzes formulierte Anspruch, dass Frauen "auf keinen Fall Dienst an der Waffe tun" dürften, wurde hinfällig. Die geänderte Fassung erlaubt Soldatinnen den Kampfeinsatz, allerdings nur auf freiwilliger Basis. Eine im Anschluss an die Gesetzesänderung durchgeführte Umfrage des Berliner Forsa-Instituts unter 1001 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern ergab, dass 60 Prozent der Deutschen das Urteil des Europäischen Gerichtshofes tatsächlich begrüßen.

Von den zurzeit über 7200 Frauen in der Bundeswehr werden etwa 5000 im Sanitätsdienst eingesetzt, mehr als 2200 verteilen sich auf das Heer, die Luftwaffe und die Marine. Abgesehen von den Sonderregelungen zum Mutterschutz haben Soldatinnen der Bundeswehr grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten wie ihre männlichen Kameraden - Diskrepanzen zwischen Theorie und Praxis bestätigen die Regel.

Während die meisten Rekrutinnen kaum Unterschiede in der Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen sehen, steht für viele Ausbilder außer Frage, dass die Schwachstelle der Frauen "naturgemäß" in der körperlichen Kondition liegen - beim Hindernislauf im Gelände mit vollem Marschgepäck greifen die männlichen Kameraden den Frauen bisweilen unter die Arme.

Wenn die Hilfsbereitschaft jedoch das übliche Maß überschreitet, müssen sich Vorgesetzte und Ausbilder durchaus den Vorwurf machen lassen, die Mädchen von der Truppe willentlich zu unterfordern. Ein großer Teil der Frauen legt größten Wert auf Gleichbehandlung und regiert sehr empfindlich auf etwaige Vergünstigungen. Der männliche Teil der Truppe beschwert sich derweil über den so genannten Haar- und Barttracht-Erlass, der sie zum obligaten Friseurbesuch verdonnert, während die Frauen Schmuck und langes Haar über das Feld der Ehre tragen.

Am 1. September 1994 trat das so genannte Zweite Gleichberechtigungsgesetz in Kraft, in dem auch das Frauenfördergesetz enthalten ist. Das Unerquickliche für alle Soldatinnen, die nicht in der Verwaltung, sondern bei den Streitkräften beschäftigt sind: Das Gesetz gilt nur für ihre Kolleginnen in zivilen Funktionen. In Ermangelung einer offiziellen Frauenbeauftragten für Soldatinnen im Truppendienst hat die Bundeswehr 1995 eine "Ansprechstelle für spezifische Probleme weiblicher Soldaten" gegründet. Deren Mitarbeiter sollen Mobbing und Konflikte mit Vorgesetzten ebenso klären, wie Fälle von sexueller Belästigung oder gar körperlichen Übergriffen.

Der letzte bekannt gewordenen Fall vom März 2001 machte Schlagzeilen: Der Obergefreite Ronny P. soll in der Münchener Sanitätsakademie die 17-jährige Juliane S. "auf verschiedene Weise vergewaltigt" haben. Im August wurde er vom Münchener Landgericht zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Jutta Gohr, Quasi-Frauenbeauftragte der Soldatinnen der Streitkräfte und Referentin im Verteidigungsministerium, kennt das Problem. Trotz aller Erlasse und präventiver Maßnahmen von Seiten der Streitkräfte weiß sie, dass man nicht alle Fehler vermeiden kann: "Die Bundeswehr ist immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft."

Noch im Juni dieses Jahres betonte Oberst Axel Hecht, Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte des Bundesministeriums der Verteidigung, dass von einer abgeschlossenen Integration der Soldatinnen in die Streitkräfte keine Rede sein könne. Auf die Frage nach der geringen Zahl von Frauen in Bundeswehr-Führungspositionen konnte Hecht nur auf die vergleichbar schlechte Lage in der freien Wirtschaft verweisen.

Über die erlass- und regelträchtige Alltagsbewältigung der Soldatinnen sind die ehemals großen Zweifel an ihrem Dienst an der Waffe in Vergessenheit geraten. Nur selten dringt die Kritik der Friedens- und Frauenbewegung an einer Teilnahme von Frauen am Krieg noch ins öffentliche Bewusstsein. Sollten Frauen sich an Militäraktionen, wie zum Beispiel einer möglichen Intervention im Irak, beteiligen - oder sollten sie Leben schützen, anstatt es zu zerstören? Eine Frage, die in Diskussionen um Geschlechter- Trainingsprogramme, Mutterschutz und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie irgendwie verloren gegangen ist. Pragmatismus statt Pazifismus, eben.