Unrechtsbewusstsein statt U-Haft "Schon gestraft genug"
Anna fasst sich kurz. Auf die Frage, was sie denn verbrochen habe, antwortet sie mit juristischer Präzision: "Körperverletzung, gemeinschaftliche Vergewaltigung, sexuelle Nötigung". Standhaft berichtet die 16-Jährige von den Einzelheiten: Mit zwei Freundinnen habe sie im Vollrausch ein Mädchen mit einem Malerpinsel mehrfach vergewaltigt und gequält. Noch am selben Abend habe ihr Opfer sie angezeigt und sie sei sofort verhaftet worden.
Statt sie wie ihre Mittäterinnen nach Hause zu entlassen, beschloss der Richter, die bereits strafmündige Anna ins brandenburgische Frostenwalde zu schicken in eine vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) betriebene "Einrichtung zur Abwendung der Untersuchungshaft". Für die Zeit zwischen Anklageerhebung und Hauptverhandlung können Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren hier untergebracht und pädagogisch betreut werden.
Unrechtsbewusstsein statt U-Haft
"Die Grundvoraussetzung ist, dass ein Jugendlicher daran glaubt, ein Leben ohne Straftaten führen zu können", erläutert EJF-Geschäftsführer Siegfried Dreusicke. Anstatt in der U-Haft vor dem Fernsehbildschirm zu versauern oder sich von gestandenen Kriminellen anlernen zu lassen, sollen die Kids durch kritische Selbstbetrachtung ein "Unrechtsbewusstsein" entwickeln, das ihnen bei der Hauptverhandlung ebenso helfen kann wie bei der Planung ihres zukünftigen Lebens. Das EJF scheint es mit seiner Intensivbetreuung ernst zu meinen: 34 Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen, Facharbeiter und Lehrer kümmern sich rund um die Uhr um maximal 32 jugendliche Straftäter.
"Wir halten pädagogische Ansätze in den meisten Fällen für geeigneter als U-Haft oder eine Überweisung in die Psychiatrie", erklärt Dreusicke. Zu den Aufgaben der EJF-Mitarbeiter gehöre auch die Enthospitalisierung von Psychiatrie-Kindern, die medikamentös eingestellt und bisweilen "voll bis unter die Ohren" zu ihnen kämen.
Ein klar strukturierter Tagesablauf, Schulunterricht und Arbeitsprogramme sollen die Jungkriminellen auf Trab halten und ihnen neue Perspektiven vermitteln. Gartenpflege, Kochen und Renovieren gehören ebenso dazu wie der Bau einer eigenen Räucherkammer oder eines Gokarts. Die Eltern werden, wenn möglich, in den Entwicklungsprozess integriert und haben die Möglichkeit, ihre Kinder zu besuchen und an Gesprächsgruppen teilzunehmen.
Gewalt erzeugt Gewalttäter
Eine nicht eben populäre Form der Unterbringung von Straftätern. Der spektakuläre Fall eines 13-jährigen Afghanen, der zur Jahreswende in Berlin an der Tötung von drei seiner Landsleute beteiligt gewesen sein soll, hat die Diskussion um eine Senkung des Strafmündigkeitsalters erneut in Gang gebracht. Für den gelernten Juristen Dreusicke sind solche Ansätze geradezu absurd: "Unsere Organisation hat sich schon 1901 maßgeblich dafür eingesetzt, dass die Strafmündigkeit von 12 auf 14 Jahre heraufgesetzt wurde. Solche mühsam erkämpften Verbesserungen wieder rückgängig machen zu wollen, ist vollkommener Unsinn."
Die Erfolgsquote des EJF scheint dem Geschäftsführer Recht zu geben: Rund 60 Prozent der Jugendlichen, die seit 1995 in Frostenwalde betreut wurden, gelten heute als erfolgreich resozialisiert. "Fleißig und willig" seien die Jungs, berichtet Bereichsleiterin Kriese, die sich in einer vergleichbaren Einrichtung in Petershagen um straffällig gewordenen Kinder unter 14 Jahren kümmert. "Früher haben sie zerstört, jetzt bauen sie auf und lernen, Dinge zu schätzen."
Ob die Kinder bei Verstößen gegen die Auflagen bestraft würden, möchte ich wissen. "Diese Kinder sind schon gestraft genug", meint Kriese. Fast alle hätten selbst Gewalt erfahren und nie andere Verhaltensmuster gelernt.
"Immer jünger und brutaler"
Einer ihrer Schützlinge ist Tom, 13 Jahre alt, Dealer. Mehrere Raubüberfälle werden ihm zur Last gelegt, Körperverletzung und natürlich reihenweise Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Mit einer Walter P99 hat er einem Geschäftspartner ins Bein geschossen, weil der ihn "linken wollte". "Ich kenne niemanden, der keine Drogen nimmt", sagt er lakonisch und erzählt von Kokain- und Ecstasy-Exzessen, die ihn durch acht verschiedene Jugendheime getrieben hätten.
Zurzeit gelten allein in Berlin 50 bis 60 Kinder unter 14 Jahren als potenziell gewalttätig. Zwar blieb die Zahl der tatverdächtigen Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden in Brandenburg im letzten Jahr zum ersten Mal seit 1994 annähernd gleich. "Besonders erschreckend" jedoch empfindet Innenminister Jörg Schönbohm den hohen Anteil der unter 21-Jährigen bei den Gewaltdelikten: "Über 50 Prozent der Gewaltstraftaten werden von ihnen begangen."
Für die Vertreter des EJF ist das nichts Neues: "Die Straftäter sind in den letzten 10 Jahren nicht nur immer jünger, sondern auch um einiges schwieriger und brutaler geworden", sagt der stellvertretende Geschäftsführer Martin Wulff. Um so wichtiger sei es, in langfristig vernünftige Resozialisierungsmaßnahmen zu investieren.
"Keine Pflegefamilie sondern kleine Kriminelle"
Mit rund 400 Mark pro Tag sei der Kostensatz für einen Jugendlichen zwar höher als in der Untersuchungshaft, aber immer noch um die Hälfte geringer als in der Psychiatrie. Eine höhere Rückfallquote auf Grund fehlender intensiv-pädagogischer Betreuung in der U-Haft würde langfristig zu immer höheren Ausgaben im Justizvollzug führen.
Auch die stark polarisierte Diskussion um offene und geschlossenen Einrichtungen sei eher kontraproduktiv. "Wenn ein 12-jähriges Mädchen während sie Ausgang hat von ihren Zuhältern geraubt wird, kann auch der BGS nichts mehr tun. Deswegen jedoch alle Jugendlichen in eine geschlossene Einrichtung zu sperren, wäre schlicht unfair", meint Dreusicke. "Unseren Mitarbeitern ist auch so klar, dass sie es nicht mit einer Pflegefamilie sondern mit kleinen Kriminellen zu tun haben."
Was in der Öffentlichkeit unter dem Schlagwort Opfer-Täter-Ausgleich die Runde macht, hört sich in Frostenwalde an wie echte Reue. "Ich würde mich gern bei ihr entschuldigen", sagt Anna sehr ernst über ihr Verhältnis zu dem Mädchen, dass sie vor einem halben Jahr vergewaltigt hat. Zwei Briefe hat sie ihr bereits geschrieben und sie bei einem Besuch zu Hause aus der Ferne gesehen. Dass ihr Opfer bisher nicht reagiert hat, kann Anna verstehen: "Ich hätte das auch nicht gemacht."