Aggressionen Raue Sitten im Flieger
Frankfurt am Main - Über den Wolken fliegen vermehrt die Fäuste: Immer mehr Fluggäste pöbeln und randalieren an Bord. An ein generelles Alkoholverbot wollen sich die Fluggesellschaften trotzdem nicht heranwagen.
"Beleidigungen bekommt man fast täglich zu hören, und auch die Tätlichkeiten nehmen zu", sagt Peter Jacobus von der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation Ufo. Um den Angriffen nicht völlig ausgeliefert zu sein, rüsten mittlerweile auch die Gesellschaften auf: Handschellen, um renitente Passagiere bis zur Landung bändigen zu können, sind an Bord von Flugzeugen keine Seltenheit mehr.
Vom zunehmenden Rowdytum in den Fliegern berichteten Flugkapitäne bereits 1998 bei einer Befragung der Pilotenvereinigung Cockpit: Einer Stewardess wurde ein blaues Auge geschlagen, weil der Passagier mit dem Service unzufrieden war. Ein anderer Reisender würgte eine Flugbegleiterin im angetrunkenen Zustand, ein Dritter biss dem Kapitän, der zu schlichten versuchte, ins Bein.
Die Zahl solcher Zwischenfälle sei erschreckend gestiegen, sagt Bernd Bochstahler von der Vereinigung Cockpit. Eine Ursache sieht er im kostenlosen Alkoholausschank in den Flugzeugen: "Bier, Wein und Schnaps schlagen wegen des Druckunterschieds schneller an. Da verschätzt sich so mancher."
In den engen Sitzreihen litten viele Fluggäste zudem unter Stress und Flugangst: "Wenn man dann noch nicht einmal eine Zigarette rauchen darf, wird man noch nervöser und vielleicht auch aggressiv."
Flugbegleiter Jacobus macht für die vielen Flegel auch den raueren Umgangston im gesellschaftlichen Miteinander verantwortlich: "Überall wird mehr gepöbelt, also auch im Flugverkehr."
Inzwischen haben auch die Fluggesellschaften das Problem erkannt und schulen ihr Personal im Umgang mit den so genannten unruly passengers. "Dafür gibt es bei uns ein dickes Handbuch und spezielle Kurse", erläutert LTU-Sprecher Marco Dadomo. Er warnt jedoch davor, das Problem zu dramatisieren: Jährlich gebe es bei mehr als sieben Millionen LTU-Passagieren nur 50 bis 70 solcher Vorfälle. Forderungen nach einem Alkoholverbot an Bord hält der LTU-Sprecher für übertrieben. "Unsere Mitarbeiter haben einen Blick dafür, wenn jemand genug hat. Dann wird der Ausschank eben verweigert", sagt Dadomo. "Wie man mit aggressiven Passagieren umgeht, ist letztlich eine Ermessenssache."
Bernd Bochstahler von der Cockpit-Vereinigung wirft den Fluggesellschaften dagegen vor, das Rowdy-Problem in den vergangenen Jahren verharmlost zu haben: "Viele hatten offenbar Angst vor Imageschäden und haben deshalb vor allem beschwichtigt statt zu reagieren", sagt Bockstahler. "Dabei geht es quer durch alle Flüge und Klassen: Zwischenfälle gibt es mit First-Class-Passagieren genauso wie in der Holzklasse, auf Charter- und Linienflügen."
Vor allem die langen Schlangen und der Stress bei der Abfertigung machten, so Bockstahler, den Passagieren zu schaffen. Das sei einer der Gründe, weshalb in den USA das Cockpit generell geschlossen sei.
"In Deutschland wird sich das aber nicht durchsetzen lassen. Hier herrscht eine andere Philosophie: Durch die Offenheit soll Vertrauen geschaffen werden." So dürften Passagiere gerade bei Ferienfliegern manchmal einen Blick in die Führerkabine werfen.
Randale an Bord sei kein Kavaliersdelikt, sondern ein ernstes Problem für die Flugsicherheit, warnt der Cockpit-Experte. Solche Vergehen müssten daher stets strafrechtlich verfolgt und auch strenger geahndet werden, wie es in Großbritannien oder den USA bereits geschehe. "In Amerika wird ein solches Verhalten als Gefährdung der Flugsicherheit von der Bundespolizei verfolgt und mit Freiheitsstrafe oder hohen Geldstrafen belegt."
Torsten Holtz