Interview "Sicherer als zu Hause"
SPIEGEL ONLINE
: Das höchste Gebäude in ganz Europa und der Stolz Mainhattans - wie schnell waren Sie beim Bau des ultimativen deutschen Wolkenkratzers?
Gerhard Hilke: Abzüglich der Zeit, die wir für den Abbruch der Altbebauung und die Gründungsmaßnahmen benötigt haben, war das Hochhaus in genau zwei Jahren schlüsselfertig.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die besonderen Herausforderungen an die Brandschutzfachleute beim Bau eines Hochhauses wie der Commerzbank?
Hilke: Der Brandschutz der tragenden Konstruktion muss sichergestellt sein. Ein Hochhaus wie die Commerzbank muss dem Feuer 120 Minuten standhalten können - man nennt das die Feuerwiderstandsklasse F 120. Sie bezeichnet die Zeit, die man braucht, um das Gebäude zu evakuieren. Stahlskelett-Konstruktionen wie die der Commerzbank sind für Deutschland eher unüblich. Alle Stahlteile sind mit Hitze abweisenden Feuerschutzplatten, so genannten Fibersilikatplatten, versehen.
SPIEGEL ONLINE: Und im Gebäudeinnern?
Hilke: Der umfangreiche Schutz der Menschen in Büros, Geschäften und Wohnungen ist natürlich unser Hauptanliegen. Sprinkleranlagen, flächendeckende Rauchdetektoren und Raumluftanlagen sorgen für die Erfüllung der VdS-Mindestanforderungen (Verband der Schadensversicherer, Anm. d. Red.). In unserem Fall hat sich die natürliche Entrauchung als sehr wirksam erwiesen: Über die ins Gebäude integrierten Gärten zieht der Rauch durch die Doppelfassade aus Glas und Aluminium ab. Unser Lüftungskonzept verbindet die Aspekte Rauchabzug und Luftverbesserung.
SPIEGEL ONLINE: Auf 63 Geschossen mit 120.736 Quadratmeter Gesamtfläche kann ein Schwelbrand von Menschen durchaus für eine Weile unbemerkt bleiben.
Hilke: Wir verfügen über ein ausgeklügeltes Alarm- und Meldesystem. Die Brandmelder leiten jede Rauchentwicklung sofort an ein zentrales Überwachungstableau in der Brandmeldezentrale weiter. Es ergeht eine automatische Meldung an die Feuerwehr, mit der wir über eine Gleichwellen-Funkanlage verbunden sind. Von der Brandmeldezentrale aus kann dann ein gezielter Lösch- und Rettungseinsatz koordiniert werden.
SPIEGEL ONLINE: Man kann sich also in 260 Meter Höhe sicher fühlen?
Hilke: In einem modernen Hochhaus sind Sie ohne Zweifel sicherer aufgehoben als zu Hause. Im Gegensatz zu einem konventionellen Wohngebäude gibt es hier einfach mehr Sicherheitsvorkehrungen. Notstrom-Aggregate und Dieselmotoren garantieren, dass die Notbeleuchtung, der Lift und die Pumpen für die Feuerwehr weiterhin funktionieren. Es sind ausreichend Fluchtwege und Treppenhäuser vorhanden.
SPIEGEL ONLINE: Wie genau kann man eine Brandentwicklung überhaupt vorhersagen?
Hilke: Wir haben zusammen mit unserem Brandschutzgutachter Simulationsberechnungen angestellt. In vorgestellten Notszenarien wurden Zeitabläufe bei der Evakuierung oder dem Brandverlauf bemessen. Profitiert haben wir auch von Erfahrungen, die wir im Ausland sammeln konnten. Sie werden sich an unseren international anerkannten Brandschutz-Spezialisten Ernst Achilles erinnern, der in seiner Funktion als wegweisender Experte in Tschernobyl, Kuweit oder den USA wertvolle Erfahrungen sammeln konnte. Er hat die Entwicklung in anderen Ländern stets sehr genau beobachtet.
SPIEGEL ONLINE: Wo sind die Sicherheitsstandards höher - in den Vereinigten Staaten oder in Deutschland?
Hilke: Erfahrungsgemäß in Deutschland. Auch was die EU-Richtlinien betrifft, sind unsere Ansprüche eher höher als in den anderen Ländern. In den USA gibt es viele ältere Hochhäuser in relativ schlechtem Zustand. Man rüstet nach und versucht, die Mängel zu beheben. Die Bundesrepublik zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie Brandschutz und Ökologie verbindet. Asbest zum Beispiel wird schon lange durch andere hochwertige und weniger bedenkliche Materialien ersetzt.
SPIEGEL ONLINE: Tendieren Betroffene im Brandfall eher zu Panik oder verhalten sie sich vernünftig?
Hilke: Wir haben zum Glück in Frankfurt noch keinen Alarmfall erlebt, in dem das Feuer außer Kontrolle geriet. Die Leute verhalten sich meist ruhig, weil sie annehmen, es könne sich um einen Probealarm handeln. Wir benutzen ein Informationssystem, das die Menschen auf allen Etagen über Lautsprecher instruieren und durch das Gebäude leiten kann.
SPIEGEL ONLINE: Hatte Herr Foster bestimmte Vorstellungen, was den Brandschutz betrifft?
Hilke: Foster war nicht vorrangig an der Konzeption des Brandschutzes beteiligt, weil sein Schwerpunkt auf der künstlerischen Oberleitung des Projekts lag. Die Zusammenarbeit mit ihm war allerdings sehr angenehm.