Als Student schon Programmchef - DER SPIEGEL
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Als Student schon Programmchef

Für die einen ist es ein Hobby, für die anderen ein Beruf: Dem Fernsehen via Internet gehört die Zukunft. In München gibt es sogar einen eigenen Studiengang dafür.
Von Mathias Menzel
• aus UNI SPIEGEL 2/2007
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Simon zupft an seinem Kinn und konzentriert sich auf seine Stichwortkarte. »Okay, kann losgehen«, sagt er. Matthias schultert die Kamera, Stephan setzt die Kopfhörer auf. Simon, übergroßes beiges Hemd, tiefhängende Jeans und tarngeflecktes Basecap, bringt sich in Position und nimmt das Mikro. »Moin Leute, ich begrüße euch zu einer neuen Episode von Watch Out TV!«, sagt er in die Kamera.

Hamburg, Fischauktionshalle, ein Freitagabend. Radio Energy startet seine »Music Tour«, und Simon und seine Leute sind vor Ort, um darüber zu berichten. Es wird Interviews geben mit den Partygästen und auch mit den Stars des Abends: Sebastian Hämer, der Stimmzwilling von Xavier Naidoo, hat zugesagt, auch Rapsoul, eine HipHop-Band aus Frankfurt. Zwischendurch läuft das TV-Team durchs Partyvolk und fängt Stimmen ein wie: »Super coole Party hier, Hamburg, alles klar?«

Was sie hier drehen, wird in keinem Fernsehsender laufen, die Jungs produzieren eine neue Episode ihrer eigenen Internet-Sendung. Watchout.tv heißt sie, seit November 2006 ist sie online. Rund 6000 Abrufe hatten sie seitdem, jede Woche gibt es mindestens eine neue Folge. Noch sind sie ein Geheimtipp, auch wenn sie manchmal schon erkannt werden auf Hamburgs Straßen oder auch auf der Energy-Party. Die meisten Gäste drängen in dem Glauben vor ihre Kamera, hier sei ein »echter« Sender vor Ort und man werde sie später im Fernsehen sehen. Helfer Ole verteilt Karten mit der Internet-Adresse; manches Gesicht sagt: wieder nichts mit der Berühmtheit für den Moment.

Simon Marcinkiewicz, 23, hat die Sendung mit seinem Freund Markus Peitz, 22, gegründet. Fünf Mitstreiter haben sie inzwischen gefunden, vier von ihnen studieren wie Simon an der Hamburger Medienakademie TV-Producer, was so viel ist wie Allrounder beim Fernsehen: sowohl Techniker als auch Journalist. Sie lernen, mit der Kamera zu filmen, für den richtigen Ton zu sorgen, selbst zu moderieren, zu schneiden und die Musik für den Beitrag zu wählen.

Watch-out.tv ist ihre Freizeit-Spielwiese, nach dem Unterricht an der Akademie, der täglich bis 16 Uhr geht. Jeder darf mal Kameramann, Moderator oder Cutter sein. Frech stellen sie die wirklich wichtigen Fragen: Welcher Anmachspruch hat bei den Frauen Erfolg? Steigert ein Porsche die Attraktivität des Mannes? Welcher Bekannte hätte einen Oscar verdient? In »TV total«-Manier sind sie dafür Woche für Woche in Hamburgs Innenstadt unterwegs und sprechen Passanten an. »Das ist das wahre Leben«, sagt Simon, »das meiste, was man heute im Fernsehen sieht, ist doch gestellt.«

Außerdem produzieren sie Party- und Konzertberichte aus Hamburg, sie sind so etwas wie Nachtagenten mit Fernsehkamera. »Solch

eine Sendung gab es bisher nicht«, sagt Simon. Weder auf Hamburg 1, dem Lokalsender, noch auf Tide, dem örtlichen Bürger- und Ausbildungskanal. Fern aller Konventionen können sich die sieben verwirklichen - und eine Sendung machen, die sie selbst gern sähen.

Dass das Internet auch Fernsehen kann (im Fachjargon heißt das IP-TV), wurde einem größeren Publikum hierzulande erst mit »Ehrensenf« bekannt. Das Programm aus Köln, das im November 2005 begann, zeigt das Skurrilste aus dem Internet und läuft seit elf Monaten auch erfolgreich auf SPIEGEL Online. Vorbilder dafür gab es in Großbritannien oder den USA schon länger: Mit ihrer Internet-Nachrichtensendung »Rocketboom« wurde die US-Schauspielerin Amanda Congdon zum Star, Hunderttausende schauten ihr zu. Heute arbeitet sie für den US-Sender ABC-News. Auch Ehrensenf-Moderatorin Katrin Bauerfeind, die gerade ihr Technikjournalismus-Studium abgeschlossen hat, kann jetzt zwischen den Angeboten mehrerer etablierter TV-Sender wählen.

Inzwischen haben Telekomfirmen und die traditionellen Programme ebenfalls entdeckt, dass im Internet die Zukunft des Fernsehens liegt. So gründete ProSiebenSat.1 das Portal »Maxdome«, von dem aktuelle Sendungen, Serien und Filme gegen Gebühr herunterzuladen sind; das ZDF will bis zum Herbst rund die Hälfte seines Programms in die Internet-Mediathek stellen. Die Telekom verkauft genauso wie ihre Mitbewerber Hansenet oder demnächst auch Arcor Komplettpakete für Telefon, Internet und Fernsehen. Das Ziel: Bald soll es nur noch eine Leitung für alles geben, das Fernsehen kommt dann aus der Telefonbuchse direkt auf den Schirm.

Auf der diesjährigen Fachmesse Cebit war Internet-Fernsehen das große Thema, es könnte die TV-Branche durcheinanderwirbeln: Da kleine Anbieter bisher keine Lizenz und keine teure Satellitentechnik zur Ausstrahlung brauchen, war es nie so einfach, selbst Fernsehen zu machen. Neue Angebote

entstehen derzeit allerorten: Nach Angaben des Webportals global-itv.com sind bereits weltweit mehr als 6700 Fernsehsender im Internet abrufbar, rund 450 davon aus Deutschland. Die Mehrzahl davon sendet allein im World Wide Web. Schon reagieren die etablierten Programmführer: So ging die Zeitschrift »TV Movie« im März mit einem eigenen Web-TV-Programmverzeichnis im Netz an den Start, rund 500 Sender sind darin gelistet. Die Übersicht zu behalten ist schwer, nach der Textflut rollt nun die Videoflut durchs Netz.

An einer der Quellen sitzt Ingo Wolf. Seine Firma Grid-TV hat vor den Toren der Bavaria-Filmstudios in München-Grünwald ihren Sitz. Schon Ende der neunziger Jahre hatte Wolf hier Internet-Fernsehen produziert, als die meisten noch mit analogen Modems surften und DSL gerade aufgebaut wurde, und er sicherte sich ein Patent auf den Betrieb von 24-Stunden-Kanälen. Für den 42-jährigen ehemaligen Musikproduzenten ist das kein Hobby, es ist ein Geschäft.

Wolf ist so etwas wie der Leo Kirch der jungen Internet-Fernsehbranche: 280 Kanäle umfasst sein Imperium nach eigenen Angaben derzeit, noch in diesem Jahr sollen es 500 sein, 1000 Domain-Adressen hat er sich schon mal registrieren lassen. Über die Server der Firma laufen unter anderem das Internet-Fernsehen der Deutschen Eishockey Liga oder des HSV, die Unternehmenssender von Seat und Bayer, aber auch so seltsame Spartenprogramme wie Schmerz-TV oder Feuer-TV, ein Sender für Feuerwehrmänner. Einen schnellen Internet-Anschluss vorausgesetzt, fließen die Programme im Vollbild ruckelfrei und unverpixelt. Es sieht aus wie echtes Fernsehen. Die Nutzer haben die Wahl, sich in das rund um die Uhr laufende Programm einzuklicken oder einzelne Beiträge abzurufen.

110 Mitarbeiter hat seine Firma inzwischen - und 15 Studenten. Sie lernen an der Bavarian Broadcast Academy, die Wolf 2003 gründete. Denn er hatte ein Problem: »Es gab einfach zu wenig qualifizierte Leute, die Internet-Fernsehen beherrschen«, sagt er. »Die Fernsehleute hatten von Internet keine Ahnung, die Internet-Leute nicht vom Fernsehen.« Inzwischen haben auch die meisten Studiengänge für Medientechnik an rund 20 deutschen Hochschulen und die Medienakademien das Internet als neuen Verbreitungsweg in ihre Curricula aufgenommen, fast überall sprießen die studentischen Internet-Sender.

Wolf legte kurzerhand zusammen mit der Fachhochschule Ansbach einen eigenen dreijährigen Studiengang auf, bei dem seine Studenten lernen, wie

man Fernsehen im Internet macht. Jeder Student darf seinen eigenen Kanal gründen, die Web-Seite gestalten, Inhalte produzieren und schneiden, den Sendeplan bestücken - und Programmchef sein. Am Ende gibt's einen staatlich testierten Abschluss von der Fachhochschule Ansbach als »IP Broadcast System Engineer« - und wenn der Sender sich selbst finanzieren kann, auch einen Job in Wolfs Firma.

Tobias Maier ist einer der Studenten, er ist im zweiten Jahr in der Firma, sein Kanal heißt Auktionshaus-TV. Die Idee: Er überträgt Versteigerungen ins Netz, und die Leute, die zuschauen, können live mitbieten. »Ich wollte unbedingt in die Medienbranche«, erzählt der 22-jährige Karlsruher. »Jetzt bin ich dabei, wenn etwas völlig Neues entsteht.« Noch hat sein Sender nur wenige Zuschauer: Weil er gerade renoviert wird, ist derzeit nur ein Werbevideo zu sehen.

Auch Simon und sein Team in Hamburg hoffen, dass Watch-out.tv zu einer vielgeklickten Sendung wird, dann ließe sich damit auch Geld verdienen. Seine Zukunft sieht Simon jedenfalls nicht bei einem der herkömmlichen Anbieter: »Ehrlich gesagt, im Fernsehen von heute gibt es derzeit nichts, was mich reizt.«

So funktioniert Internet-Fernsehen

Ob Texte, Bilder oder Videos: Dem Internet ist egal, welche Daten es überträgt - sie werden erst im Computer des Nutzers wieder zusammengesetzt. Videodaten brauchen aber viel Bandbreite, da pro Sekunde 25 Bilder plus Ton übertragen werden müssen, damit der Film flüssig läuft. Dank der inzwischen weitverbreiteten DSL-Anschlüsse und Videokomprimierung ist das oft kein Problem mehr. Dabei werden die Daten meist nicht auf einmal geladen, sondern per Streaming übertragen - also nach und nach. Bisweilen dauert es ein paar Sekunden, bis die Wiedergabe startet, und Vorspulen funktioniert auch nicht immer. Zum Anschauen reichen kostenlose Abspielprogramme wie »Windows Media Player«, »Real Player« oder »Flash Player«.

Wer Fernsehen übers Netz schauen will, kann das oft direkt auf den Internet-Seiten der jeweiligen Anbieter tun. Für einen Überblick über die Sender helfen Verzeichnisse wie auf tv-movie.de oder 3w-tv.com.

Einen anderen Ansatz verfolgen Telekomfirmen und Internet-Provider: Sie liefern spezielle Geräte (Set-Top-Boxen) mit, in denen die Datenpakete zusammengesetzt und in ein normales TV-Signal umgewandelt werden, ähnlich wie bei einem Satellitenempfänger. Vorteil: Das Ganze mutet wie herkömmliches Fernsehen an. Nachteil: Die Sender kann nur empfangen, wer einen Vertrag abschließt - und bisher sind meist nur die bekannten Programme und Pay-TV-Sender im Angebot.

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