arbeiten AUF EIGENE RECHNUNG
Torsten Neuefeind hätte es auch einfacher haben können. All die überlangen Arbeitstage, die Ungewissheit, die Widerstände hätte er sich erspart, wenn er Angestellter in einem Großunternehmen geworden wäre. Leute wie er sind gesucht in der Industrie. Schließlich hat er einiges vorzuweisen: Chemiestudium, Promotion am Max-Planck-Institut bei einem leibhaftigen Nobelpreisträger, Stipendium vom Bayer-Konzern.
Doch statt der sicheren Stelle wählte Neuefeind, 31, das Risiko: Er gründete seine eigene Firma »Proteros biostructures«, eine kleine Biotechnologie-Werkstatt. »Für die Selbständigkeit«, sagt Neuefeind, »habe ich mich schon immer interessiert. Jetzt ist die richtige Zeit, es zu probieren.«
Neuefeind ist Experte für Proteinstrukturanalyse. Und für die Pharmaindustrie ist dieses Wissen interessant: Wer die Struktur von körpereigenen Molekülen kennt, kann leichter, schneller und billiger Wirkstoffe für Medikamente entwickeln. Ende vergangenen Jahres zog Neuefeind ins Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie im Münchner Vorort Martinsried, das gleich neben dem Max-Planck-Institut für diese Fachrichtung liegt. Nun hofft er auf lukrative Aufträge aus der Industrie.
Junge Akademiker mit unternehmerischem Elan wie Neuefeind sind die Hoffnung der deutschen Wirtschaft. Sie könnten Dynamik und Wachstum bringen, wo bisher alte Industrien in gewohnten Bahnen vor sich hin lahmten. Eine neue Gründerzeit soll gut bezahlte Jobs in jungen, innovativen Firmen schaffen. Die »Bereitschaft von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, eigene Unternehmen aufzubauen«, verkündet Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), erleichtere den »Strukturwandel unserer Volkswirtschaft«.
Bisher ist es allerdings mit dem unternehmerischen Wagemut nicht sonderlich weit her. Nur schleppend steigt die Zahl der Firmengründungen. Zwar sind Akademiker eher bereit, sich selbständig zu machen als Leute mit geringerer Qualifikation: 18 Prozent der Uni- und 12 Prozent der Fachhochschul-Absolventen arbeiten selbständig, verglichen mit 10 Prozent aller Erwerbstätigen.
Doch die Zahlen trügen: Es sind vor allem die klassischen freien Berufe - Ärzte, Apotheker, Architekten, Anwälte. Die Hightech-Hoffnungsträger halten sich auffallend zurück. Nur wenige Naturwissenschaftler, Maschinenbau- und Elektrotechnikingenieure riskieren den Aufbruch in neue Märkte.
So mahnt denn auch der aktuelle Innovationsbericht im Auftrag des Bundesforschungsministeriums: »Das Gründungspotenzial« von Akademikern liege »in vielen Feldern noch weitgehend brach«.
Die Voraussetzungen für einen Aufbruch sind günstig. Gründerzentren, bald überall in deutschen Städten, versuchen, die jungen Forscher aus den Universitäten und Instituten zu locken. So steht dem Jungunternehmer Neuefeind in Martinsried ein ganzes Netzwerk offen: Er kann Großgeräte nutzen, ohne gleich zu Anfang gigantische Summen investieren zu müssen.
Vier Professoren, darunter seinen Doktorvater, Nobelpreisträger Robert Huber, hat er an seine Firma gebunden ("Das schafft Glaubwürdigkeit nach außen"). Daneben hat er noch drei Fachleute aus der Industrie in den Beirat der Firma gebeten, als Berater und Türöffner. Das nöti-ge Startkapital in Millionenhöhe kommt von privaten und staatlichen Investoren.
Ob das Konzept am Ende aufgeht, wird sich allerdings erst in zwei bis drei Jahren zeigen. »Wenn es schief geht«, sagt Neuefeind, »haben wir es immerhin versucht und etwas gelernt.«
Solche Risikobereitschaft wollen Unis und Fachhochschulen jetzt verstärkt fördern: Vorlesungen, Seminare und Existenzgründer-Stammtische sollen die eigene Dynamik anregen. Bereits im vorigen Jahr hat die private European Business School in Oestrich-Winkel als erste deutsche Hochschule einen Lehrstuhl für »Gründungsmanagement und Entrepreneurship« eingerichtet und besetzt.
Die Universitäten seien viel zu bürokratisch, das müsse sich dringend ändern, meint Karl-Heinz Minks, Gründerexperte des Hochschul-Informations-Systems in Hannover. Den neuen Lehrangeboten steht er skeptisch gegenüber: »Ein paar Panikseminare am Ende des Studiums bringen nicht viel.« Das Thema Firmengründung müsse »im gesamten Studium« eine Rolle spielen.
Trockene Übungen im Kaufmanns-Einmaleins für Naturwissenschaftler - Buchführung, Kostenrechnung, Finanzierung - sind überflüssig. In die Details brauche sich ein Unternehmer gar nicht erst zu verlieren, dafür gebe es schließlich Fachleute, meint Jochen Struck von der Deutschen Ausgleichsbank (DtA), der wichtigsten staatlichen Institution zur Förderung von Existenzgründern. Hingegen seien »Marketing-Kenntnisse extrem wichtig«. Struck: »Wer nicht weiß, wie er seine Produkte verkauft, hat schon verloren.«
Ohne es zu wissen, gehen Existenzgründer immense Risiken ein: Rund die Hälfte der neu gegründeten Unternehmen machen innerhalb der ersten fünf Jahre Pleite. Die Ursache, das belegt eine DtA-Untersuchung, ist meist kaufmännische Unfähigkeit. »Auch Hochschulabsolventen«, warnt Struck, »sollten die Risiken einer Unternehmensgründung nicht unterschätzen.« In ihrem jeweiligen Fachgebiet mögen sie ja Spitze sein, »von Management verstehen sie deshalb noch lange nichts«.
Daneben stellt auch noch der Staat den Jungkapitalisten Hürden in den Weg: »In Deutschland gibt es viel zu viele Regulierungen«, kritisiert Friedhelm Pfeiffer, Forscher am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, »niemand kann hier wie in den USA einfach eine Firma in der Garage aufmachen.« Und gemessen an den Risiken, so hat Pfeiffer berechnet, blieben die Verdienste vieler Unternehmer recht mager. Die Einkommen selbständiger Akademiker seien zwar im Schnitt ganz ordentlich, aber »als Angestellte hätten sie häufig noch ein bisschen mehr«.
Michael Zimmermann, 37, hat sich von all dem nicht abschrecken lassen. Schon während seines Informatikstudiums gründete der Hamburger seine erste, kleine Firma: Zusammen mit einem Freund entwickelte er Software, die automatisch Kreuzworträtsel entwirft. »An der Uni war's mir einfach zu langweilig«, erzählt Zimmermann. Das Studium ließ er denn auch jahrelang nur nebenbei laufen und arbeitete lieber als freier Programmierer: »Ich habe viel Geld verdient damals, durfte auch mal auf Geschäftsreise ins Ausland. Da habe ich Blut geleckt.«
Irgendwann hat Zimmermann noch einmal einen Versuch gestartet, sein Studium zu beenden. »Extra freigenommen« habe er sich, um ein Uni-Seminar zu besuchen: »Ich hatte mich gerade hingesetzt, da kommen ein paar Kommilitonen rein und rufen irgend so einen Uni-Streik aus.« Statt Input fürs Großhirn bloß endlose Diskussionen über Hochschulpolitik? Zimmermann fehlte dafür das Verständnis - er ging.
Statt sich an der Uni herumzuquälen, gründete er vor drei Jahren mit seiner Frau und einem Freund die Software-Firma Zap. Zunächst arbeiteten sie im heimischen Wohnzimmer, mittlerweile beschäftigen sie 25 Leute und sitzen in einem schicken 750-Quadratmeter-Büro im Hamburger Stadtteil Altona. Die Firma macht bereits mehrere Millionen Mark Umsatz im Jahr, gerade hat sie eine Filiale im kalifornischen Silicon Valley eröffnet.
»Dass ich das Studium abgebrochen habe, habe ich nie bereut«, sagt Zimmermann, »im Gegenteil: Ich hätte früher aufhören sollen, dann wäre ich jetzt weiter.«
HENRIK MÜLLER