DAS SCHWEINESYSTEM - DER SPIEGEL
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denk mal! DAS SCHWEINESYSTEM

• aus UNI SPIEGEL 6/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einer unserer nächsten Verwandten in der Tierwelt ist neben Schimpansen und Fruchtfliege das Schwein. Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen, genetisch stehen uns Sau und Eber sehr nahe. Bald, so hoffen daher die medizinischen Forscher, können sie Herz oder Niere unserer schweinischen Freunde transplantieren und damit menschliches Leben retten. In Lindenwood im US-Staat Missouri hat das Schwein die höheren wissenschaftlichen Weihen jedoch schon jetzt errungen: Es hält Einzug in die örtliche Universität und rettet damit Studenten. Nun ja, auf den ersten Blick unterscheidet sich das Schweine-Schicksal in Lindenwood nicht von dem des deutschen Durchschnitts-Schweins: Seine Innereien werden verwurstet, sein Fleisch zu Koteletts gebraten - und in der Mensa serviert. Doch daneben dient das Schwein der Wissenschaft: Studenten, die sich sonst nicht die kostspielige Privat-Uni hätten leisten können, haben ihre Studiengebühren in Naturalien entrichtet - mit der Sau von Papas Farm. Bis zum Examen sind etwa 50 Tiere fällig. Sau tot, Studium gerettet. Das Schweinesystem ist entwicklungsfähig. Auch Schafe und Rinder werden schon angenommen. Warum sind unsere deutschen Bildungspolitiker noch nicht darauf gekommen? Stattdessen haben sie sich diese saublöde Debatte über Studiengebühren aufgehalst. Nicht jeder Langzeitstudent züchtet vielleicht Ferkel zu Hause. Aber irgendein Haustier wird sich doch erübrigen lassen. Irgendetwas findet sich immer, das die Universität gebrauchen kann. Wir backen Apfelkuchen für die Cafeteria, basteln einen Adventskranz für das Rektorat oder trennen uns schweren Herzens von dem roten Flokati-Teppich, damit es im germanistischen Seminar etwas gemütlicher aussieht. Das reicht nicht für unsere arme Uni, schließlich müssen die Professorenbezüge nach der ungerechten Dienstrechtsreform auch mal wieder angehoben werden? Gut, wer seine letzte Sau rausgelassen hat, muss dann eben selbst mal Hand anlegen. Ein paar persönliche Dienstleistungen wie Steineschleppen für Uni-Neubauten waren schließlich einst auch beim Aufbau des Sozialismus hilfreich. In heutigen Zeiten käme vielleicht auch die Pflege von Professoren-Vorgärten in Betracht - oder Ausmisten im Schweinestall, den sich die Unis ja bald einrichten müssten. Mit etwas gutem Willen könnte es dafür auch einen Praktikumsschein geben. Und nach bestandenem Examen heißt es dann wie immer: »Schwein gehabt«.

Michael Schmidt-Klingenberg
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