DIE KINDER KOMMEN - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 25

denk mal! DIE KINDER KOMMEN

WENN PROFESSOREN BALD JÜNGER ALS IHRE STUDENTEN SIND, DROHT DEN LANGZEITSTUDENTEN DIE SINNKRISE.
• aus UNI SPIEGEL 4/1999
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wissenschaft ist keine Frage des Alters: Der englische Philosoph Thomas Hobbes war immerhin 88, als er die »Ilias« ins Englische übersetzte, Immanuel Kant schrieb seine »Metaphysik der Sitten« mit 73, und Robert Koch war auch schon 62, als er nach Afrika zog, um die Schlafkrankheit zu erforschen.

So gesehen hat jeder 35-Jährige, der nach 26 Semestern Ethnologie vor der Entscheidung steht, nunmehr mit den ersten Hauptseminaren zu beginnen oder doch vielleicht auf Innenarchitektur umzusatteln, noch jede Menge Zeit, bis er seinen Schaffenshöhepunkt erreicht.

Ihm könnte allerdings passieren, dass er auf dem Campus einer jungen Frau begegnet, die sich von seinen gesammelten Studienerfahrungen nicht beeindrucken lässt. Die ist gerade auf dem Weg ins Hauptseminar, und zwar als Dozentin.

In Münster gibt es eine 33-jährige Professorin für Kommunikationswissenschaften, und in Rostock lehrt eine 30-Jährige Laborautomation.

Professor mit 30! Ja, gibt's denn das? Muss man da nicht vorher studieren? Und den Doktor machen? Wie machen die das? Sind die gedopt?

Die Konferenz der Kultusminister hat im Herbst beschlossen, künftig mehr junge Professoren zu berufen. Das ideale Eintrittsalter sei 34. Für jeden aufrechten Langzeitstudenten ein Schock: Mein Gott, jetzt schicken sie schon Kinder! Und: Wenn Studenten älter, Professoren aber jünger werden, führt das zur Konfusion.

Ob sie Autoritätsprobleme bei den Studierenden habe, wurde die münstersche Dozentin gefragt. Antwort: Nein, Akzeptanz entstehe nicht durch das Alter, »sondern indem man Studierende ernst nimmt«. - Das könnte das Studenten-Weltbild manch eines altehrwürdigen, ergrauten Professors umstürzen.

Die Grenzen universitärer Logik werden vollends erreicht, wenn Professoren, die jünger als ihre Studenten sind, darüber klagen, dass früher alles besser gewesen sei. Die Rostockerin etwa hat keine Probleme mit dem Alter, eher schon mit der Jugend von heute: Sie habe es mittlerweile mit Studenten zu tun, »die noch nie in ihrem Leben Chemie hatten oder die Mathematik abgewählt haben«. Soll heißen: Zu ihrer Zeit wäre das nicht vorgekommen - was nicht unbedingt stimmen muss, weil zu ihrer Zeit der eine oder andere Mathematikabwähler schon mehr Semester auf dem Buckel hatte als sie.

Wissenschaft ist, wie gesagt, keine Frage des Alters. Der derzeit jüngste Professor Deutschlands ist erst 28 Jahre alt und lehrt an der Uni Tübingen Petrologie (für Nicht-Petrologen: Gesteinskunde). Friedrich Nietzsche war 24, als er Professor für klassische Philologie wurde. Philipp Melanchthon bekam seine Griechisch-Professur an der Uni Wittenberg mit 21. Und Werner Heisenberg hatte mit 32 schon den Nobelpreis für Physik.

Einen Vorteil haben die Turbo-Professoren allerdings für jeden Langzeitstudenten: Der kann, wenn er sich in 10 oder 20 Jahren zum Examen anmeldet, über seinen Prüfer sagen: »Den kenne ich noch aus der Zeit, als er ganz klein war.«

ANSBERT KNEIP

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 25