DIE TUGEND DER GEDULD - DER SPIEGEL
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DIE SUPPE MUSS GESCHLÜRFT WERDEN, UND DER PROFESSOR HEISST »SENSEI": ORTWIN GIERHAKE STUDIERT AN DER RENOMMIERTEN WASEDA-UNIVERSITÄT IN TOKIO.
• aus UNI SPIEGEL 4/1999
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Seinen größten Japan-Schock erlebte der Volkswirtschaftsstudent Ortwin Gierhake, 28, gleich nach der Ankunft vor zwei Jahren. Den sicher geglaubten Studienplatz an der Sophia-Universität in Tokio gab es nicht: »Sie haben den Aufnahmetest nicht bestanden«, teilten ihm die Professoren knapp mit. Genaue Gründe wollten sie dem verdutzten Deutschen nicht nennen. »Ich stand vor einer japanischen Wand.«

Was sollte der Ankömmling tun? Mit dem nächsten Flugzeug umkehren und in Tübingen weiterstudieren? Wozu hatte er aber sein Studium nach dem neunten Semester abgebrochen? »Nein« , erklärte der damals 26-Jährige seinen Eltern in teuren Telefonaten trotzig, »ich werde in Japan zu Ende studieren«.

Schon bei einem ersten Studienaufenthalt 1994 hatte Gierhake gelernt, dass man in Japan vor allem eine Tugend zum Überleben braucht: Geduld. Damals studierte Gierhake anderthalb Jahre an der Chuo-Universität, ebenfalls in Tokio. Ohne Rücksicht auf seine in Deutschland gemachten Scheine hatten die Japaner ihn als »Ichinensei« (Erstjährler) eingestuft.

Statt akademischer Diskurse erlebte Gierhake Frontalunterricht - doch das war ihm recht. Zwar hatte er in Tübingen auch Japanologie studiert, doch als sich der Deutsche in der Mensa seine erste Nudelsuppe bestellen wollte und dabei scheiterte, wurde er bescheiden. Dankbar ließ sich der »Erstjährler« von ranghöheren Studenten in den Uni-Alltag einweihen.

Immer wieder staunte Gierhake: So lernen die Japaner Studienfreunde meist nicht im Seminar, sondern in den vielen Campus-Clubs kennen. Gierhake fand seinen Platz im Fahrradclub. Und nun ergaben sich Kontakte von selbst. In der Kneipe wollten die japanischen Studenten von Gierhake vor allem wissen: »Wie schmeckt dir japanisches Bier? Was hältst du von japanischen Frauen?«

Die Idee, seinen Magister und Studienabschluss in Japan zu machen, kam dem Volkswirtschaftsstudenten, als er bei westlichen Firmen in Tokio Praktika absolvierte. Schon mit seinen damals noch kargen Japanisch-Kenntnissen hätten ihn die Unternehmen am liebsten gleich dabehalten. Nach Tübingen kehrte Gierhake dann nur noch zurück, »um die Koffer zu packen«.

Auch wenn der zweite Japan-Aufenthalt zunächst als Alptraum begann: Mit Hilfe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes kam Gierhake dann als Forschungsstudent an der renommierten Waseda-Universität unter. Dort sammelte er fleißig Scheine für den zweijährigen MBA-Kurs (Master of Business Administration); seit April 1999 ist er nun auch offiziell eingeschrieben.

Der MBA bei Waseda zählt zu den wenigen japanischen Elite-Studiengängen nach US-Vorbild. Gierhake ist der einzige Deutsche und zudem einer der wenigen Ausländer, die ihre Seminare nicht auf Englisch, sondern fast nur auf Japanisch belegen. Seine Kommilitonen sind hochmotivierte Angestellte japanischer Konzerne - von ihren Arbeitgebern wurden sie erst nach schweren Prüfungen zum Zweitstudium freigestellt.

Die Studienbedingungen seien ideal wie kaum an einer anderen Uni in Japan, schwärmt Gierhake: Je 20 Studenten lauschen einem Professor. Die Lehrenden sind häufig hochrangige Ex-Bürokraten. Gierhakes Betreuer leitete früher die japanische Banken-Aufsicht, der Landessitte gemäß redet der Deutsche ihn ehrfürchtig mit dem Titel »Sensei« (Lehrer) an. Regelmäßig berät der Sensei seinen Zögling bei der Diplomarbeit. Das Thema: »Internet und Finanzen«.

Zum Mittagessen speist Gierhake am liebsten im Nudelshop »Chimmi« neben dem Waseda-Campus. »Denn hier schmeckt die Nudelsuppe am besten« , erläutert er mit Kennermiene. Wenn der hoch gewachsene Deutsche auf einem der niedrigen Thekenhocker Platz nimmt, beachtet ihn keiner. Wie üblich schauen die Japaner tief in die Töpfe und schlürfen genüsslich ihre Suppen. Auch der Deutsche nimmt seine Ess-Stäbchen - und schlürft.

An vorlesungsfreien Tagen jobbt der Volkswirt als Analyst bei einer deutschen Bank in Tokio. Auf diese Weise finanziert er seine Studiengebühren von rund 30 000 Mark - und vermarktet sein Examenswissen über zukunftsträchtige asiatische Internet-Firmen.

Um die Zukunft braucht sich der Student nicht zu sorgen: Die Bank will ihn nach dem Examen fest in ihr Tokioer Analysten-Team aufnehmen, den Arbeitsvertrag hat Gierhake schon unterschrieben.

WIELAND WAGNER

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