»ENDE DER REVOLUTION« - DER SPIEGEL
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»ENDE DER REVOLUTION«

DER FRÜHERE BARRIKADENKÄMPFER UND JETZIGE EUROPA-ABGEORDNETE DANIEL COHN-BENDIT ÜBER DIE STUDENTEN HEUTE UND IN DEN SECHZIGER JAHREN
• aus UNI SPIEGEL 1/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

UniSPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, viele Studenten interessieren sich kaum oder gar nicht für Politik. Beunruhigt Sie das?

Cohn-Bendit: Nein, überhaupt nicht. Die heutigen Studenten müssen sich viele Gedanken über ihre Lebensperspektiven machen, da unsere Gesellschaft sich in einem rasanten Umbruch befindet. Ihnen fehlen die Pseudo-Sicherheiten, die wir in den sechziger Jahren durch die politischen Ideologien hatten.

UniSPIEGEL: Bei Wah-len zu Studenten-Parlamenten beteiligen sich teilweise weniger als zehn Prozent der Studierenden. Auch kein Problem?

Cohn-Bendit: Das war bei uns damals auch nicht viel besser. Es gab zwar große Veranstaltungen, aber auch zu Zeiten der Studentenunruhen war

* Am 9. Mai 1968 bei StudentenProtesten in Paris.

nur eine Minderheit wirklich politisch aktiv.

UniSPIEGEL: Die Studentenorganisationen der etablierten Parteien, und dazu gehören auch die grünen Hochschulgruppen, finden nur wenig Anklang. Was machen die Parteien falsch?

Cohn-Bendit: Die jungen Menschen heute wollen politisch vertreten sein, aber sie wollen nicht selbst Politik machen. Das muss man so akzeptieren. Den Grünen geht es da nicht anders als den anderen Parteien.

UniSPIEGEL: Was hat Sie in den sechziger Jahren veranlasst, politisch aktiv zu werden?

Cohn-Bendit: Der allererste Auslöser war, als ich in Frankreich studierte, ein Uni-Streik, um die Studien- und Examensbedingungen zu verbessern.

UniSPIEGEL: Haben Sie damals an die Weltrevolution und die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft geglaubt?

Cohn-Bendit: Ich habe zu der Zeit versucht, eine Alternative einerseits zum demokratisch-kapitalistischen und andererseits zum totalitär-kommunistischen System aufzubauen. Das beinhaltete, so glaubten wir, notwendigerweise einen revolutionären Prozess.

UniSPIEGEL: Wann sind Ihnen Zweifel gekommen am erwarteten Sieg der Revolution?

Cohn-Bendit: Ein Grundfehler von uns, die wir die direkte Demokratie wollten, war die Vorstellung, die gesamte Gesellschaft ließe sich permanent politisieren. Aber das wollen die Menschen gar nicht. Viele Menschen möchten vor allem ihrem Alltag frönen und daneben irgendwie am politischen Prozess teilnehmen. Das geht aber nur in einer parlamentarischen Demokratie. Damit war die Idee mit der Revolution vorüber.

UniSPIEGEL: Wie bewerten Sie im Rückblick die sechziger und siebziger Jahre?

Cohn-Bendit: Die Studenten von heute, die jungen Menschen haben ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Die junge Generation kann ihre Vorstellungen, wie sie das Leben gestalten will, heute weitgehend durchsetzen. Diese Freiheit verdankt sie unter anderem der damaligen Studentenbewegung und deren Aufbegehren.

UniSPIEGEL: Die Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen: Globalisierung, Gen-Technik, Informationstechnologien. Kommen zu wenige kritische Anregungen zu diesen Entwicklungen aus den Hochschulen?

Cohn-Bendit: Das Problem ist, dass die Kritik aus den Universitäten sehr universitär bleibt, das heißt, sie ist meist zu abstrakt. Die Trennung zwischen akademischer Welt und Politik ist groß: Während die einen nur überlegen, was können wir ganz konkret machen, argumentieren die anderen fast ausschließlich theoretisch. Das ist eine gefährliche Diskrepanz.

UniSPIEGEL: Welche Reformen müssten an den Hochschulen umgesetzt werden?

Cohn-Bendit: Die Frage der Bildung muss insgesamt neu gestellt werden. Ich finde die Debatten um Verkürzung der Schul- und Studienzeit absurd. Wir werden alle länger leben und sollen noch früher ins Arbeitsleben. Das gibt keinen Sinn. Alles soll sich an der wirtschaftlichen Verwertung orientieren - ich kann davor nur warnen.

UniSPIEGEL: Was bedeutet das für die Hochschulen?

Cohn-Bendit: Alle Studenten sollten im ersten Jahr eine Art Studium generale absolvieren. Sich zu früh zu spezialisieren ist gefährlich. Alle jungen Menschen, die ich kenne, brauchen nach der Schule ein bis zwei Jahre, um herauszufinden, was sie genau wollen. Zum lebenslangen Lernen gehört auch ein guter Anfang.

UniSPIEGEL: Was haben Sie in Ihrem Studium nicht getan, was Sie heute vermissen?

Cohn-Bendit: Das kann ich nicht sagen, da ich ja kaum richtig studiert habe.

INTERVIEW: JOACHIM MOHR

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DANIEL COHN-BENDIT

ist Europa-Abgeordneter der französischen Grünen. 1968 war der in Südfrankreich geborene Deutsche einer der Studenten-Führer während der Pariser Mai-Unruhen. In den siebziger Jahren engagierte sich der heute 55-Jährige in der Frankfurter Sponti-Szene und war Herausgeber des Alternativ-Blatts »Pflasterstrand«. 1984 wurde er Mitglied der Grünen und ist seitdem einer der prominentesten Vertreter der so genannten Realos.

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