GENERATION EBAY - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 17 / 21

surfen GENERATION EBAY

WIE DU BIETEST, SO BIST DU: DIE INTERNET-AUKTION ALS LETZTER HAMMER DER PSYCHOLOGIE.
• aus UNI SPIEGEL 2/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Typ: Romantiker

EBay-Name: janosch27

Du verbringst Wochen damit, bei EBay die Originalausgabe des Lieblingskinderbuchs deines Partners aufzutreiben. Du stöberst nach alten Postkarten aus seinem Heimatort sowie nach Gläsern und Zinnkrügen, auf denen sein Name eingraviert ist. Nach einer Trennung steht der ganze Plunder vor deiner Tür - dann hast du wenigstens auch mal was zu verkaufen. Neben deinem Studium der Kunstgeschichte besuchst du in deiner Freizeit Kurse für autogenes Training und stellst Fensterschmuck mit »Window Color« her.

Zitat: »Schade ist es ja schon, dass durch das Internet die Flohmarktkultur so ein bisschen ausstirbt. Wenn man so bummeln und die Sachen wirklich sehen und befühlen kann, ist das doch was ganz anderes.«

Typ: Angeber

EBay-Name: faserland

Während die Kommilitonen deines Produkt-Design-Studiengangs im Hörsaal den Professoren lauschen, erfüllst du in deiner sauteuren Dreizimmerwohnung eine Mission: dein Leben in ein perfektes Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Mit Schweiß auf der Stirn surfst du stundenlang auf den japanischen Seiten des virtuellen Auktionshauses nach raren Designer-Produkten, die vor allem eine Voraussetzung erfüllen sollen: Niemand anders darf sie besitzen. Dass du in deiner mittlerweile zehnsemestrigen Studienzeit noch nicht einen Schein gemacht hast und ohne die großzügige Unterstützung deiner nichts ahnenden Eltern wohl kaum überlebensfähig wärst, verschweigst du aus Imagegründen deinen Bekannten. Stattdessen erklärst du ihnen lieber bei einem Sushi-Dinner in deiner Wohnung in großen Gesten, wie dein geschultes Auge all die exklusiven Gegenstände im Sperrmüll gesichtet hat - während du auf die Wand Dias von abfotografierten Seifenblasen projizierst.

Zitat: »Ein guter Stil muss nicht viel kosten!«

Typ: Journalist

EBay-Name: paschulte, bodo33

Neben deinem Studium der Kommunikationswissenschaft arbeitest du als freier Journalist bei einer Lokalzeitung und sammelst dort alles ein, was zu Bemusterungszwecken eingeschickt wird: Bücher, Promo-CDs, Computerspiele etc. Du schämst dich nicht mal, eine Werbe-CD einer drittklassigen Boygroup mit jeweils nur kurz angespielten Liedern an minderjährige Vollfans als »Ultrararität« zu verkaufen. Du stellst die Sachen während deiner Arbeitszeit bei EBay ein, die Ware versendest du anschließend als Geschäftspost, um deine Gewinnmarge zu erhöhen.

Zitat: »Wenn ich es nicht tue, macht es irgend ein anderer.«

Typ: Geschäftsmann

EBay-Name: americandream

Dein BWL-Studium hast du eigentlich nur deinem Vater zuliebe begonnen, du bezeichnest dich selbst gern als »Schlitzohr« und lobst die amerikanische Gesellschaft, wo deiner Meinung nach nicht Titel, sondern Taten zählen. Schon während des ersten Semesters hast du neben deiner Beschäftigung als Tennislehrer einen Handel mit Handy-Oberschalen in Tarnfarben aufgezogen, die du zu günstigen Konditionen und in großen Mengen aus Fernost bestellt hast. Da die Nachfrage nach Mobilfunkzubehör »wegen des schwächelnden Wirtschaftsstandortes Deutschland« doch nicht so gewaltig war, wie du vermutet hattest, versuchst du nun, die Plastikteile am Fiskus vorbei via EBay zu verticken. Deine Freunde feiern dich für so viel »Fuchsigkeit«, auch weil sie nicht ahnen: Du hast noch nicht eine verkauft.

Zitat: »Die Leute wollen doch verarscht werden.«

Typ: Ersttäter

EBay-Name: dr_phil_bode

Obwohl du deine Diplom- und Doktorarbeit mit eins gemacht hast und nun wissenschaftlicher Mitarbeiter bei deinem alten Prof bist, fühlst du dich noch immer wie während deines Studiums: leer, ungeliebt und meistens allein. Wehmütig blickst du den anderen Studenten nach, wenn sie nach der Vorlesung in Cliquenformation von dannen ziehen. Mindestens dreimal pro Semester kochst du für sie »Pasta« in deiner Eineinhalbzimmerwohnung. Zu diesen Anlässen ziehst du dir deine extra erworbenen Nike Air Max an, schaust zur Vorbereitung »Sex and the City« und treibst dich auf der EBay-Homepage herum. Dass deine Kommilitonen bei deinen stundenlangen Ausführungen über den richtigen Zeitpunkt des Bietens, über die Psychologie des Auktionators und die Entwicklung von Jugendkultur am Beispiel von EBay oft desinteressiert wirken, geht dir einfach nicht in den Kopf.

Zitat: »Ach, ihr wollt schon gehen?«

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 21