Generationenvertrag: Was schulden wir unseren Eltern? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Ananda Klaar

meinung •Von wegen Generationenvertrag Was schulden wir unseren Eltern?

Ananda Klaar
Eine Kolumne von Ananda Klaar
Das Studienfach ist zu unsicher, der Plan für mein Leben noch nicht ausgereift genug – es fällt mir schwer, den hohen Erwartungen meiner Eltern zu entsprechen. Mittlerweile finde ich: Das muss ich auch gar nicht.
Sich den Erwartungen der Eltern zu entziehen, ist schwierig (Symbolbild)
Sich den Erwartungen der Eltern zu entziehen, ist schwierig (Symbolbild)

Sich den Erwartungen der Eltern zu entziehen, ist schwierig (Symbolbild)

Foto: Westend61 / Getty Images

Als meine erste Studienbewerbung von der Uni abgelehnt wurde, herrschte bei meinen Eltern große Panik. Ich wollte ein Jahr Pause machen. »Und dann?«, fragten sie mich. Sie hatten Angst, dass mir die Zukunft davonlaufen würde, die sie sich für ihr Kind ausgemalt hatten. Ich spürte den Druck, ihren Wünschen gerecht zu werden. Meine Ideen und Pläne blieben dabei meist außen vor. Ich wollte weg aus meinem verschlafenen Heimatort und endlich tun und lassen, was ich wollte. Denn ich möchte mein Leben nicht nach den Erwartungen meiner Eltern ausrichten. Und ich finde, das bin ich ihnen auch nicht schuldig.

Wird schon!

Mitten in der Pandemie Abitur gemacht, Traumstudienplatz nicht bekommen, trotzdem in die Unistadt gezogen: In ihrer Kolumne »Wird schon!« beschreibt Ananda Klaar, wie man trotz Dauerkrise gut ins Erwachsenenleben startet. Und die Dinge dabei vielleicht sogar besser macht als vorherige Generationen.

Ananda Klaar, geboren 2003, ist Autorin des Sachbuchs »Nehmt uns endlich ernst! Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten«. Sie ist inaktives Mitglied bei den Jusos und setzt sich in der Hochschulgruppe »Students for Future« für Klimaschutz ein.

Sich den Erwartungen der Eltern zu entziehen, ist natürlich schwieriger, wenn man von ihnen abhängig ist. Wer studiert, hat meist nur Zeit für einen schlecht bezahlten Nebenjob, selbst die leicht erhöhten Bafög-Sätze reichen kaum zum Leben in der Unistadt. Erst recht, wenn alles immer teurer wird. Die Unterstützung der Eltern bleibt also – leider – auch in der Studienzeit wichtig. Dabei sollten Eltern ihre Kinder bedingungslos unterstützen, nicht Forderungen daran knüpfen. Bis sie selbstständig im Leben stehen, brauchen sie Zeit, Geld und Zuwendung – je nach Alter in unterschiedlicher Dosis.

»Geboren zu werden hat sich niemand ausgesucht.«

Wenn man Kinder in die Welt setzt, trägt man automatisch Verantwortung. Geboren zu werden andererseits hat sich niemand ausgesucht. Und auch Leidenschaften und Talente wählen die wenigsten bewusst. Warum sollten wir dann Rücksicht auf die Erwartungen unserer Eltern nehmen? Gehört zur Elternrolle nicht dazu, dass man sein Kind bedingungslos liebt, egal welchen Lebensweg es einschlägt?

Für mein Studium bin ich in die entgegengesetzte Ecke des Landes gezogen, vom Bodensee nach Leipzig. Momentan fahre ich ungefähr alle zwei bis drei Monate zurück – so selten, dass meine Eltern mir immer sagen, wie sehr sie mich vermisst haben. Ihnen fällt der Abstand schwer, ich dagegen hatte das Gefühl, ihn zu brauchen.

Bei allem, was ich zum Thema Generationengerechtigkeit schreibe und publiziere, wird mir von älteren Generationen vorgehalten, ich sei undankbar. Ich solle nicht vergessen, was sie für meine Generation und mich geleistet hätten. Natürlich haben sie viel Wohlstand generiert, aber auch viel konsumiert, falsch und kaputt gemacht. Die Folgen ihrer Entscheidungen, die Klimakrise, müssen wir nun gemeinsam tragen.

Der Generationenvertrag geht nicht mehr auf

Lange galt als Generationenvertrag, dass die Jungen sich um die Pflege der Alten kümmern. Doch ich finde nicht, dass wir so unsere Erziehung zurückzahlen sollten. Das ist allein strukturell gar nicht möglich: Deutschland ist schon heute überaltert, meine Generation ist viel kleiner als die der Babyboomer, die als Nächstes in Rente geht. Laut dem Statistischen Bundesamt betrug der Altenquotient 2021 etwa 37. Das bedeutet, dass auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 20 und 65 Jahren, 37 Menschen im Rentenalter kommen. Seit Anfang der Neunzigerjahre steigt der Quotient fast durchgängig. Ein klares Zeichen, dass das bisherige System nicht mehr lange hält. Wir müssen als Gesellschaft eine neue Lösung finden, in dem die Pflege nicht den Jungen zur Last fällt. Und in dem wir alle irgendwann in Würde altern dürfen.

Damit will ich aber nicht sagen: Unsere Eltern schulden uns Geld und Unterstützung, wir schulden ihnen gar nichts.

Ja, unsere Eltern haben viel geleistet, um uns aufzuziehen. Ich hatte eine schöne Kindheit und ein behütetes Zuhause. Aber ich finde, dass ich ihnen deshalb nicht zu ewiger Dankbarkeit oder einer Art von Rückzahlung verpflichtet bin. Wenn Kinder es als junge Erwachsene schaffen, sich von ihren Eltern zu lösen, sind diese ihrer Elternrolle doch am besten gerecht geworden. Je älter ich werde, desto mehr begegne ich meinen Eltern auf Augenhöhe.

Jetzt, wo mein Gap Year vorbei ist, sind sie trotzdem froh, dass ich studiere. Auch wenn es mit Ethnologie kein Fach geworden ist, das sie sich für mich ausgesucht hätten. Aber ich habe sie davon überzeugt, dass meine Studienwahl für mich die richtige ist. Dass ich dabei außerdem mit Indonesisch die Sprache meiner Mutter lerne, freut sie besonders.

Im besten Fall werden meine Eltern für mich irgendwann so etwas wie Freund:innen. Die behandle ich schließlich auch mit Respekt, frage sie nach Rat und erzähle ihnen gern aus meinem Leben. Das ist die einzige Art von Rückzahlung, zu der ich mich verpflichtet fühle.