studieren HIGH NOON IN DOT.CITY
Die Parkbank in der Dessauer Innenstadt war verlockend dekoriert: Eine Bierdose, ein Blumenstrauß, ein Euro-Schein und ein Fußball lagen da offenbar herrenlos herum. Ein Schild warnte jedoch: »Dieser Platz wird Video-überwacht.«
Das war noch untertrieben. Die ganze Welt konnte zusehen, soweit sie ans Internet angeschlossen war. Eine Webcam übertrug vergangenen Oktober, wie Passanten zunächst die Bierdose, dann den Fußball mitnahmen. Geld und Blumen waren noch da, als das Experiment nach einigen Stunden endete.
Die Aktion hatten sich die Teilnehmer des »Bauhaus Kolleg IV« ausgedacht. Unter dem Titel »Dot.City« will die Gruppe aus jungen Architekten, Stadtplanern und Künstlern erforschen, wie die neue Informations- und Kommunikationstechnik das urbane Leben verändert.
Kerstin Faber, 25, interessiert beispielsweise, »wie der Normalbürger öffentlichen Raum empfindet«. Mit einer Postkarten-Aktion sollten die Dessauer animiert werden, Standorte von öffentlichen Überwachungskameras zu suchen und zu melden. Manche Bürger enttarnten dabei schon stolz die Fernsehaugen in ihrer Drogerie, die Ladendiebe abschrecken sollen.
Ein anderes Projekt der Kollegiaten will die Videokontrolle umdrehen und daraus für die Dessauer ein interaktives Medium machen, mit dem sie in andere Räume schauen können.
»Ganz habe ich immer noch nicht verstanden, wie das gehen soll«, sagt der Direktor des Bauhaus-Kollegs, Omar Akbar, 54. Der Stadtplanungs-Professor, der als Zwölfjähriger aus Kabul nach Deutschland kam, sieht sein Kolleg als »Laboratorium«. Und beim Experimentieren weiß man ja auch nicht genau, was dabei herauskommt.
Mit seinem Kollegkonzept, das sich nicht nur edles Design, sondern etwa auch das Elend der Städte zum Thema macht, ist Akbar bei manchen Hütern der ruhmreichen Bauhaus-Tradition angeeckt. »Wie kommt denn der Kameltreiber dazu?« zitiert er »fast rassistische Sprüche«. 1998 hatte die Stiftung vom Bund, dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt, die jetzt das Bauhaus trägt, Akbar berufen. Erstmals seit 1932, als die Dessauer Nazis den Unterrichtsbetrieb beendeten, sollte auch wieder Architekturlehre dort stattfinden. »Wir mussten ziemlich aus der Hüfte schießen«, beschreibt Akbar den schwierigen Anfang.
Wo heute die Kollegiaten zwischen Computern, Videokameras und TV-Monitoren etwa über die Zukunft schrumpfender Städte debattieren, entwarfen vor über 70 Jahren die Architekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe und ihre Meisterschüler formstrenge Möbel und Häuser im später weltweit nachgeahmten Bauhaus-Stil. Stahlrohrtische und -sessel von Marcel Breuer oder Glasleuchten von Wilhelm Wagenfeld gehören noch heute zum Standardprogramm gehobener Möbelhäuser, die Hochhausarchitektur der Nachkriegszeit aus Stahlbetonskelett und vorgehängter Fensterfassade hat im Dessauer Gebäude des Bauhausdirektors Gropius ihr Vorbild.
Vom Markenzeichen Bauhaus profitiert Akbars Kolleg noch heute - die Teilnehmer kommen aus Südamerika ebenso wie aus Osteuropa. Deutsche sind in der Minderheit, Englisch ist Unterrichtssprache. Stühle oder Häuser im Bauhaus-Stil entwerfen zu lassen, was Traditionalisten gern hätten, interessiert den Direktor allerdings nicht. Mitunter kokettiert er damit, dass er selbst nur ein einziges Haus gebaut hat: ein Restaurant in Gambia, bei dem die Brüstung zu hoch war und wieder abgerissen werden musste.
»Wir haben die Tür aufgemacht«, sagt der Direktor: »zur Stadt.« »Event City« oder »Serve City« hießen beispielsweise die einjährigen Kollegs mit jeweils drei Trimestern.
Im September beginnt »Transitional Cities in Eastern Europe«, das Thema sind die Durchgangsstrecken des kontinentalen Transportsystems zwischen Berlin und Moskau, St. Petersburg und Bratislava.
Ein abgeschlossenes Studium ist in der Regel Voraussetzung für die Teilnahme, aber es muss nicht Architektur sein - Juristen, Ökonomen, Psychologen bewerben sich ebenso wie Planer, Designer oder Soziologen. Wichtigstes Auswahlkriterium sind Ideen oder Projekte, die zum Kollegprogramm passen und Akbars Team davon überzeugen: »Das ist eine interessante Figur.« Dann hat auch ein Künstler ohne Examen Chancen. Etwa 30 Bewerbungen gehen im Schnitt ein, knapp die Hälfte wird genommen.
Nina Kollrycheva, 30, aus Moskau hat schon einige Jahre Berufserfahrung als Architektin. Nun will sie in Dessau die Folgen einer abnehmenden Bevölkerung studieren - seit der Wende hat die Industriestadt rund 20 000 von 100 000 Einwohnern verloren. »Russland wird in fünf Jahren dieselbe Entwicklung nehmen wie Ostdeutschland«, fürchtet sie.
Am Computerbildschirm hat Nina schon entworfen, wie die toten Plätze von Dessau belebt werden können: Auf Riesenpostern hängt an öden Plattenbauwänden das Bild des bunten Bauhaus-Kiosks, ein Klassiker von Mies van der Rohe aus dem Jahr 1930 - über die Stadtviertel verteilt schaffe das ein Gefühl der Verbindung und Identität unter den Dessauern.
Mit ihrem Kollegen Ariel Barbosa, 31, aus Kolumbien plant sie, den Bürgern eine neue urbane Währung zu geben, die »dots«, mit denen sie Dienstleistungen der Studierenden wie etwa einen Internet-Zugang »kaufen« können. Ariel hofft, mit seinen Erkenntnissen aus dem Bauhaus-Kolleg für ein Projekt der Uno in seiner Heimat zu profitieren, das mit neuen Kommunikationtechniken der Bevölkerung Informationen über nachhaltige Entwicklung vermitteln soll.
Manches klingt abstrakt und abgedreht, was da in der alten Werkstatt der Bauhausmeister diskutiert wird. Wenn die Soziologen mit den Architekten streiten, erzählt Projektmanagerin Sonja Beeck, »dann knallt es auch mal«.
Doch es gibt auch praktische Erfolge. Ein Geograf und ein Soziologe beispielsweise fanden nach dem Kolleg Anstellung an Stadtplanungs-Lehrstühlen in Darmstadt und Berlin - obwohl das Bauhaus nur Teilnahme-Zertifikate ohne staatliche Anerkennung ausstellt. Ideen aus dem Kolleg »Serve City« werden derzeit im australischen Sydney umgesetzt - ein heruntergekommenes Viertel soll für »Wissens-Arbeiter« attraktiv gemacht werden.
Und in der venezolanischen Hauptstadt Caracas sitzt ein Teil der »Dot.City«-Kollegiaten und befasst sich mit dem Gegenteil von dem, was Dessau bedrückt: einer rapide wachsenden Stadt. In Internet-Chats testen die Teilnehmer in Deutschland und Venezuela die Möglichkeiten der elektronischen Zusammenarbeit. Ihre Erkenntnis: Alle müssen sich schon mal »face to face« gesehen und »die zwischenmenschliche Ebene« gespürt haben - sonst funktioniert es nicht.
Michael Schmidt-Klingenberg