leben PRINZESSIN AN DER GITARRE
Vertriebstagung! Wie sich das schon anhört! Leute versammeln sich, die Schokomüslis, Schuhcreme oder Schlüsselanhänger in die Läden drücken müssen. Bei dieser Vertriebstagung steht das Produkt aber auf einer Bühne und sagt artig: »Danke schön!« Es trägt den Namen Maya Singh.
Achtzig Mitarbeiter von Mayas Plattenfirma Virgin stehen in einem italienischen Restaurant in München, holen sich gerade einen Nachschlag Tiramisu am Buffet oder ordern noch einen Grappa, als die Sängerin die extra für diesen Anlass aufgebaute Bühne betritt. Zum Halbplayback stellt Maya Singh, 26, Lieder vor, die die Vertriebsmitarbeiter Ende April in die Plattenläden bringen sollen.
Nicht gerade das beste Ambiente - weder für die Sängerin noch für ihre Songs. Eher Pflichtveranstaltung, durch die viele junge Musiker durch müssen, die einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma abgeschlossen haben. Für Maya ist es noch dazu das erste Mal, dass sie eigene Lieder wie »Was Du willst« (das sie zuerst in der Halbplayback-Version singt und dann noch mal mit Akustikgitarre spielt) oder die Single »Prinzessin« vor einem Publikum präsentiert.
Nach dem Konzert lutscht die Newcomerin an einem gelben Lolli und sieht ganz zufrieden aus. Aufgeregt war sie nicht: »Dafür bin ich schon zu oft als Jazzgitarristin aufgetreten. Sicher, das hier war etwas völlig anderes. Aber ich hätt's mir schlimmer vorgestellt.«
Eigentlich ist Maya Singh für eine Karriere als Popmusikerin überqualifiziert. Denn anders als die meisten Sternchen und Interpreten, die man auf MTV und Viva sieht, ist Maya eine ausgebildete Musikerin mit Diplom. Magna cum laude sogar. Mit zehn Jahren hat sie angefangen, klassischen Gitarrenunterricht zu nehmen. Es folgten Klavier- und Gesangsstunden.
Noch bevor sie das Abitur bestanden hatte, war Maya klar, dass für sie nur eine Musikhochschule in den USA in Frage kam. Dass sie dann gleich ein Stipendium an einer der prestigeträchtigsten Schulen, dem Berklee College of Music in Boston, erhielt, damit hatte auch sie nicht wirklich gerechnet. Zu den Berklee-Absolventen gehörten immerhin auch schon Stars wie Melissa Etheridge oder John Scofield.
Für ihren Studiengang in »Professional Music« musste Maya zunächst in Gebieten wie Harmonielehre, Gehörbildung und Arrangement Tests ablegen. In ihrem Schwerpunkt Jazzgitarre sollte sie später etwa die Musik der Free-Jazz-Legende Ornette Coleman für ihr Instrument umschreiben.
Im Kurs »Streicher Arrangements« lernte sie, Stücke für bis zu 17 Instrumente zu bearbeiten. In »Music Business« wurde ihr beigebracht, wie man Vertragsverhandlungen führt - ziemlich praxisnah, wie Maya Singh später bei ihrem Vertrag mit Virgin feststellen sollte. Vielleicht auch kein Wunder, denn der Lehrer war in den achtziger Jahren Anwalt der Boygroup New Kids on the Block. Ein anderer Dozent arbeitete zuvor als Manager von Herbie Hancock, und der Lehrer der »Streicher Arrangements«-Klasse hatte schon drei Grammys gewonnen.
»Abgesehen davon, dass so ein Studium in Deutschland gar nicht existiert, war es schon eine besondere Erfahrung, von all diesen Leuten unterrichtet zu werden«, schwärmt Maya über ihre Zeit in Boston. »Die haben Anekdoten erzählt, die man sonst nur aus Zeitschriften und Büchern kennt. Und zu den Hausaufgaben gehörte, dass man beim Abwaschen im Takt zu einem Metronom das Geschirr spülen sollte.«
Bei ihrer Abschlussfeier im Frühjahr vor zwei Jahren überreichte ihr David Bowie das Diplom. »Bowie habe ich mal auf dem Bizarre-Festival gesehen. Das war mein erstes Konzert. Ich bin in Ohnmacht gefallen. Als er mir mein Diplom gab, sagte er >well done<, und ich schaute nur in seine Augen.«
Auch wenn die Musik, die sie jetzt macht, nicht viel mit ihrem Unterricht auf dem Berklee College zu tun zu haben scheint, hält Maya die Ausbildung für nützlich. »Für meine Plattenaufnahmen habe ich mir Musiker aus den USA ins Studio geholt. Da ist es schon von Vorteil, wenn man zum Beispiel weiß, wie man das Cello richtig zu arrangieren hat«, erzählt Maya. »Oder wenn man begründen kann, warum die Gitarre jetzt besser durch einen Vox-Amp als durch einen Fender-Verstärker aufgenommen werden soll.«
Auch die Leute bei Mayas Plattenfirma wissen ihre professionelle Musikbildung zu schätzen. Zumindest lässt sie sich recht gut vermarkten. An Journalisten hat Virgin vorab Fotos geschickt, auf denen man Maya Singh und David Bowie bei der Graduation Ceremony sieht. Und auf dem Cover der Promo-CD sitzt Maya an ihrem Schreibtisch über einem Notenblatt. Auf einem weiteren Bild wurde das Diplom scheinbar beiläufig neben ein altes Beatles-Poster aus der »Bravo« gelegt.
Zusammen mit der CD wird ein Lebenslauf verschickt, der detailliert Mayas Werdegang schildert: »Mit 17 Jahren Sommersemester am AIM (American Institute of Music), Gitarrenstunden bei Les Wise und Workshop mit Jennifer Batten. Ab 18 Jazzgitarre bei Offer Singer, klassische Gesangsstunden, Klavierstunden«. »Unique Selling Point« nennen die Vertriebsmitarbeiter das wohl.
Sängerin und Songschreiberin wollte Maya eigentlich nie werden. »Früher dachte ich, dass Songs schreiben eine minderwertige Kunst ist. Songs fallen mir meistens einfach zu, und wenn einem etwas zufällt und man es sich nicht hart erarbeitet hat, dann denkt man leicht, dass es nichts wert ist.«
»Jahrelang habe ich nur für die Schuhschachtel, in der ich die Noten für meine Lieder aufbewahre, geschrieben«, erzählt sie. Das änderte sich erst in der Studienzeit in Boston. »Ich habe mit Leuten zusammengewohnt, die Songwriting studiert haben. Und die sind dann immer zu mir gekommen, damit ich sie unterstütze. Da merkte ich, dass ich doch ganz gut Songs schreiben kann.«
Mit ihrer Stimme war es ähnlich. Mayas erste Gesangslehrerin schickte sie zum Arzt, weil sie dachte, dass mit ihrer leicht rauchigen Stimme etwas nicht in Ordnung sein könnte. Maya selbst findet, dass sie sich manchmal wie ein kleiner Junge anhört. Eine dänische Filmproduktionsfirma meinte sogar, Maya klinge wie ein kleiner Fisch, und ließ sie das Tier in einem Zeichentrickfilm singen.
Weil Maya mit ihrer Musik einem möglichst breiten Publikum bekannt werden will, war klar, dass für sie nur eine Karriere als Popmusikerin in Frage kommen würde. »Für eine Jazzsängerin interessiert sich entweder niemand, oder du darfst nur Standards singen. Das ist nicht mein Ding. Jazz war für mich eine Schule, die ich machen musste, aber nichts, was ich mein Leben lang machen will.«
Stattdessen schreibt, spielt und singt Maya jetzt deutschsprachigen Pop, der so noch kaum zu hören war. Manchmal erinnert sie vielleicht etwas an Nena, ihr Vorbild als Kind. Auf einem intimen, leisen Lied wie »Kind des Universums« kann man auch schon mal an die schwedische Musikerin Stina Nordenstam oder Emiliana Torrini denken. Eingängige und manchmal auch eindringliche Songs, die genauso in kleinen Konzertclubs wie auch bei »Top of the Pops« funktionieren sollen.
Doch wie es auch kommen mag, Maya Singh nimmt es locker und gelassen. »Als ich meine Single >Prinzessin< zum ersten Mal im Radio hörte, wusste ich erst gar nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich stand auf der Straße und hörte das Lied aus einem Autoradio. Zunächst dachte ich, ich bilde mir das nur ein, dann wollte ich sofort meine Mutter anrufen. Schließlich lief ich einfach weiter.« HEIKO HOFFMANN