studieren »PRODUKTIVER SCHLAGABTAUSCH«
UniSPIEGEL: Herr Henkel, haben Wirtschaftsstudenten zu wenig Kontakte zum Berufsleben?
Henkel: Studenten der Wirtschaftswissenschaften nehmen relativ selten die Gelegenheit wahr, mit der Praxis in Kontakt zu kommen. Ein Jurastudent dagegen, der Richter werden will, sitzt während seines Studiums auch mal im Gerichtssaal, und ein Medizinstudent muss im Krankenhaus arbeiten. Die Entscheidung von einigen deutschen Universitäten, sich Verstärkung von Professoren zu holen, die auch über praktische Erfahrungen verfügen, war daher überfällig.
UniSPIEGEL: Sind die Studenten heute anders als zu Ihrer Studienzeit?
Henkel: Sie haben weniger Respekt vor Autoritäten. Ich weiß noch, mit welcher Ehrerbietung ich meinen Professoren, zum Beispiel Ralf Dahrendorf, begegnet bin. Das waren für mich unerreichbare Götter und Vorbilder. Das ist heute nicht mehr so. Ich habe nach meinen Vorlesungen eine große Anzahl von kritischen Fragen bekommen, und ich glaube, dass die Qualität meiner Vorlesungen, wenn ich noch einmal über das gleiche Thema reden würde, allein durch den Dialog mit den Studenten steigen würde. Dieser Schlagabtausch ist absolut produktiv und richtig.
UniSPIEGEL: Was haben Sie persönlich bei Ihrem neuen Job als Professor gelernt?
Henkel: Ich musste feststellen, dass ich mich unberechtigterweise noch für einen jungen Mann gehalten habe. Als ich das Thema »Die ergraute Gesellschaft« abgehandelt habe, ist mir klar geworden, dass ich mit 60 ja selbst ein Vertreter dieser ergrauten Gesellschaft geworden bin.
UniSPIEGEL: Wollen Sie auch im nächsten Semester wieder Lehrveranstaltungen anbieten?
Henkel: Ich möchte die deutsche Mitbestimmung kritisch betrachten - angeregt durch die Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes von Walter Riester, die ja an der New Economy völlig vorbeigeht. Ich werde eine Vorlesung zum Thema »Mitbestimmung oder Selbstbestimmung« halten.