surfen SIMPLE STORYS
Mitten in der Wüste steht ein halb zerfallener Eisenbahnwaggon und versinkt langsam im Sand. Kein Lebewesen weit und breit. Keine Menschenseele, die sich hierhin verirren könnte.
Noch nicht. Denn schon bald wird die Umgebung mit Figuren und Geschichten bevölkert sein. Sie müssen nur erst noch erfunden werden.
Das übernehmen die sieben Autorinnen und Autoren, die sich für Odile Endres'' Seminar »Cyberprosa« eingeschrieben haben, im »Studio Literatur und Theater« der Universität Tübingen. In der Tradition des amerikanischen Creative Writing hat Endres das Wüstenbild an den Anfang des ersten Kurses gesetzt. Doch Schreiben im Netz bedeutet nicht nur, Texte zu verfassen. Sie müssen auch noch mit dem richtigen Programm ins richtige Design gebracht und schließlich ins World Wide Web gewoben werden. Für den Germanistikstudenten Aro Stocker war dieser Kurs am »Studio Literatur und Theater« eine Offenbarung. In den Semestern zuvor hatte er sich in die überfüllten EDV- und HTML-Kurse der Uni Tübingen gesetzt, die im »Zentrum für Datenverarbeitung« von Informatikern angeboten werden.
»Man glaubt gar nicht, wie trocken das war«, erinnert sich Stocker. »Die haben halt stur ihre Programmzeilen gelehrt.« Von Design, Ästhetik, Kontext und Erzählstrukturen war dabei nicht die Rede. »Inhalte im Netz«, so sagt die Cyperprosa-Dozentin Endres, »müssen immer gut erzählt sein.« Sonst klickt sich der User dorthin, wo er besser unterhalten wird.
Den besten Netz-Erzähler ermittelt auch in diesem Jahr ein Wettbewerb, den der Taschenbuchverlag Dtv und T-Online gemeinsam ausgeschrieben haben. Schon im vergangenen Jahr haben über 150 Autoren und Autorengruppen teilgenommen, darunter die Studenten um Odile Endres, ihr Text »Gleitzeit {color:blue}« war sogar für einen der Preise nominiert.
Die Zeit der großen Revolutionen in der Netzliteratur ist inzwischen vergangen. In den neunziger Jahren war die Ablösung des Buches durch das Intern et schon beschlossene Sache, der Tod des klassischen Autors ebenso. Im interaktiven Netz sollte jeder Leser ein Schreibender sein.
»Die großen Utopien haben nicht sehr weit geführt«, konstatiert Roberto Simanowski, der Herausgeber von »dichtung-digital.de«, einem Online-Magazin für Netzliteratur. Weil er schon seit Jahren die Hypertext-Szene in Deutschland und den USA beobachtet und sich kritisch mit ihr auseinander setzt, wurde er in die Jury des Literaturwettbewerbs gewählt.
Wenn Simanowski an der Universität Jena seine Seminare zu Fragen der Webästhetik gibt, dann ist die Nachfrage groß. Der Grund dafür ist nicht allein, dass er in allgemeine Theoriedebatten der Netzkultur einführt. Simanowski bringt den Studenten auch bei, den Aufbau von Seiten zu analysieren. Hier wird der Blick für das Design der Erzählung geschult. Das brauchen die Studenten nicht unbedingt für literarische Umsturzversuche. Sie setzen das Gelernte um, wenn sie an den eigenen Homepages basteln, ihre Hausarbeiten auf CD-Rom abgeben oder sich auf künftige Jobs in der Internet-Branche vorbereiten.
Da wird zunehmend die Kunst des Erzählens gefragt sein. Neben der Computerspielindustrie, die seit jeher auf gut erzählte Geschichten angewiesen ist, setzen längst auch andere Branchen auf das Narrative. »Jede Software muss in Zukunft so spannend erzählt sein wie >Titanic<«, sagt José Luis Encarnação vom Fraunhofer Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Darmstadt. Denn die Nutzer werden immer heterogener, vom Hackerkid bis zur technikängstlichen Oma. Für jeden dieser Nutzer muss die Software so einen Unterhaltungswert haben, dass er nicht aus dem Programm aussteigt, meint Encarnação: »Da wir die Bandbreite gar nicht in einem einzigen System programmieren können, muss der Rechner eine neue Leistung vollbringen. Er muss um seinen Nutzer werben, und das tut er durch Erzählung.«
Aber nicht nur die Software-Branche, auch die Webdesigner entdecken die Kunst des vernetzten Erzählens. Mark Bernstein, der Gründer von Eastgate, dem amerikanischen Kultverlag für Netzliteratur, hat längst die Spezialisierung auf »serious hyperfiction« aufgegeben. Sein neues Angebot heißt »digital storytelling«. »Die Welt ist voller Storys«, schwärmt er. Manchmal sind sie ganz simpel: »Im Falle einer kommerziellen Website dreht sich die große Story um die Geschichte der Firma selbst - ihre Kämpfe, ihr Schicksal, die Herausforderungen und ihren Umgang damit.«
Auch Hollywood investiert jetzt in die erzählende Internet-Werbung. Für seinen Film »Artificial Intelligence« hat der Regisseur Steven Spielberg Seiten ins WWW setzen lassen, auf denen die User Klick für Klick die Geheimnisse der Roboter-Forschung erkunden konnten. Dabei wurden Homepages von echten Institutionen wie dem MIT genau so einbezogen wie die von erfundenen Firmen und Personen. Für Spielbergs neuen Film »Minority Report« gibt es jetzt ein ähnliches interaktives Verwirrspiel im weltweiten Cyberspace. Wer beim Surfen auf mysteriöse Werbebanner stößt, mit denen für neue Methoden der Verbrechensprävention geworben wird, der kann sich von dort aus über Umwege durch Authentisches und Gefälschtes zum Trailer des Films durchklicken.
Bis nach Hollywood wollen die Teilnehmer aus dem Tübinger Cyberprosa-Kurs von Odile Endres zwar nicht. »Aber man lernt beim Schreiben eine Menge über das Netz als Medium«, sagt Diana Porr, die jetzt ihre Magisterarbeit über Internet-Literatur schreibt und schon das nächste Online-Projekt plant. »Da soll es«, verrät sie, »um Techno gehen: Literatur zum Tanzen.«
Von der Internet-Branche fühlt sich Porr ebenso wenig angezogen wie Susanne Berkenheger, die 1997 mit ihrem Online-Text »Zeit für die Bombe« den von der »Zeit« und IBM ausgeschriebenen Internet-Literaturwettbewerb gewonnen hat. Damals arbeitete sie noch als Journalistin für die »Süddeutsche Zeitung«. Jetzt aber konzentriert sie sich ganz auf das Entwerfen ihrer Texte für das Netz. Ihr Text »Die Schwimmmeisterin« ist derzeit im Münchner Haus der Kunst bei der Ausstellung »Stories« auf dem Bildschirm zu betrachten. Ein weiteres Projekt wird vom Deutschen Literaturfonds gefördert. Die Netzautorin ist dafür schon dankbar: »Denn die wissen eigentlich noch gar nicht richtig, wie sie mit so einer Form der Literatur umgehen sollen.«
LINKS ZUR NETZ-LITERATUR:Der Wettbewerbstext des Tübinger »Cyberprosa«-Seminars:http://tiss.zdv.unituebingen.de/webroot/np/endres/zukunft/index.htmlRoberto Simanowskis Online-Zeitschrift für Netzliteratur:www.dichtung-digital.deSusanne Berkenhegers Homepage:http://ourworld.compuserve.com/homepages/berkenheger/home.htmDer amerikanische Verlag für »digital storytelling":www.eastgate.comwww.t-online.de/literaturpreis(Einsendeschluss ist der 15. August 2002). Die besten Beiträgevom letzten Jahr und Essays von Theoretikern und Praktikern derNetzliteratur gibt es als Buch mit CD-Rom: »Literatur.digital.Formen und Wege einer neuen Literatur«, Herausgeber: RobertoSimanowski; Dtv, München; 200 Seiten; 14,50 Euro.