Soziale Arbeit: Sozialarbeiterin über den Berufseinstieg beim Jugendamt - DER SPIEGEL
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Berufseinstieg beim Jugendamt "Empathie lernt man nicht an der Uni"

Um Soziale Arbeit zu studieren, nahm Franca einen Kredit auf. Heute arbeitet sie beim Jugendamt und muss täglich mit schwierigen Schicksalen umgehen. Dabei helfen ihr auch Erfahrungen aus ihrer Kindheit.
Aufgezeichnet von Manuel Biallas
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Start ins Arbeitsleben ist aufregend, anstrengend - und oft anders als geplant. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" erzählen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger, wie sie diese Zeit erlebt haben. Diesmal: Franca*, 23. Sie arbeitet beim Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamts. 

"Ins Berufsleben bin ich mit knapp 20.000 Euro Schulden gestartet. So hoch waren die Gebühren für den Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit an meiner Privathochschule. Das praktisch orientierte Studium wird zwar auch von staatlichen Fachhochschulen angeboten ­- doch meine Abinote von 2,8 reichte dafür nicht aus. 

Mein erstes Jahr im Job

Alle bisherigen Folgen von »Mein erstes Jahr im Job« finden Sie auf unserer Serienseite. Sie haben Ihren Berufseinstieg selbst gerade hinter sich und möchten davon erzählen? Dann schreiben Sie uns an SPIEGEL-Start@spiegel.de .

Direkt nach dem Abitur bewarb ich mich deshalb zunächst gar nicht für einen Studienplatz, stattdessen absolvierte ich ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Jugendamt und stellte fest: Die Arbeit dort ist für mich die perfekte Kombination aus Recht, Psychologie und Sozialwissenschaften. Einerseits wird nach klaren juristischen Vorgaben entschieden, andererseits spielen Pädagogik und Empathie im Umgang mit den Familien eine wichtige Rolle. Nach dem Studium im Jugendamt zu arbeiten, das war fortan mein Traum.  

Studium an einer Privathochschule

Als der Numerus clausus im darauffolgenden Jahr an der staatlichen Hochschule wieder zu hoch war, entschied ich mich für das Studium an der Privatuni. Die hohen Studiengebühren betrachtete ich als Investition in meine Zukunft und nahm einen Kredit auf.

Seit November 2019 bin ich nun als staatlich anerkannte Sozialarbeiterin beim Jugendamt angestellt, dort arbeite ich für den Allgemeinen Sozialen Dienst oder ASD. Wir beraten Eltern in erzieherischen Fragen und helfen, Kinder vor Gefährdungen in der Familie zu schützen. Ich bekomme ein Tarifgehalt von 3300 Euro brutto pro Monat, rund 200 Euro davon gehen an die KfW-Bank - die monatliche Rate für meinen Studienkredit, inklusive Zinsen. 

"Ich komme selbst aus keinen guten Verhältnissen. Das härtet ab!"

Der Jobeinstieg fiel mir leicht. Während des Studiums hatte ich ein Praktikum bei einem anderen Jugendamt gemacht, war also schon mit den grundsätzlichen Arbeitsabläufen und Verwaltungsprogrammen vertraut. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind in meinem Alter, wir tauschen uns auf Augenhöhe aus. Außerdem gibt es - speziell für Berufseinsteiger wie mich - regelmäßige Gespräche mit den Vorgesetzten. Dort reflektieren wir gemeinsam meine Arbeit. 

Arbeitsalltag beim Jugendamt

Jede einzelne Geschichte, mit der ich durch meinen Beruf konfrontiert werde, geht mir nah. Dennoch habe ich nie ein Gefühl der emotionalen Überforderung. Ich komme selbst aus keinen guten Verhältnissen, meine Mutter ist psychisch krank. Ich musste früh lernen, dass ich für mich selbst verantwortlich bin. Das härtet ab!

Umgekehrt kann ich mich durch meine Familiengeschichte auch besser in einzelne Fälle hineinversetzen. Ich spüre, wenn ich eine psychisch erkrankte Mutter mit einer Beratung überfordere - aber auch, welche Maßnahmen ich ihr zumuten kann. Diese Empathie gegenüber Hilfsbedürftigen lernt man nicht an der Uni. 

Mehr Folgen von "Mein erstes Jahr im Job":

Trotzdem basiert meine Arbeit nicht auf einem Bauchgefühl, sondern auf Rechtsgrundlagen. Damit eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, muss die körperliche oder psychische Gesundheit akut in Gefahr sein - erst dann entscheide ich, ein Kind in Obhut zu nehmen. Bekommen wir von der Polizei, von Ärztinnen oder Lehrern Hinweise auf eine mögliche Kindesvernachlässigung, sammeln und protokollieren wir jeden dieser Vorfälle, um am Ende eine fundierte Entscheidung treffen zu können.  

Hohe Arbeitsbelastung, wenig Wertschätzung

Die Arbeitsbelastung im Jugendamt ist ziemlich hoch. Oft überlege ich mir stundenlang pädagogische Ansätze für komplizierte Fälle und suche passende Maßnahmen für Familien, um sie im Alltag zu entlasten. Es frustriert allerdings, wenn ich bemerke, dass meine Klientinnen und Klienten kaum mitarbeiten: Diesen Sommer zum Beispiel betreute ich eine schwangere Frau, die frisch aus der JVA entlassen worden war. Ihr Kind wurde schließlich viel zu früh im Krankenhaus geboren. Schon dort vernachlässigte sie jedoch das Baby, es hatte nicht einmal Kleider. Ich musste das Frühgeborene in Obhut nehmen . Auf Drängen der Mutter investierte ich aber viel Arbeit und Zeit in den Fall, damit sie ihr Kind zumindest besuchen darf. Als alle Anträge genehmigt waren, versuchte ich, Kontakt zu der Frau aufzunehmen, konnte sie allerdings nicht erreichen. Bis heute habe ich nichts von ihr gehört. 

Es fehlt einfach an Anerkennung für meine Arbeit. Das stört mich ziemlich an meinem Beruf. Momentan profitiere ich noch von den vielen unterschiedlichen Fällen im Jugendamt und der Erfahrung, die ich daraus ziehen kann - ein Leben lang ist der Allgemeine Soziale Dienst aber nichts für mich. Langfristig würde ich mich gern in Richtung Psychologie weiterbilden und mehr zu therapeutischen Ansätzen lernen. Erst mal bleibe ich aber in meinem sicheren Job beim Jugendamt - zumindest bis ich meinen Studienkredit abbezahlt habe." 

Soziale Arbeit studieren

Wer Soziale Arbeit studieren möchte, kann das in allen größeren und einigen kleineren Städten Deutschlands tun. Angeboten wird der Studiengang von Universitäten - wegen des hohen Praxisbezugs jedoch häufig von Fachhochschulen. Zugangsvoraussetzung ist entsprechend entweder die Allgemeine Hochschulreife oder die an der Fachoberschule erworbene Fachhochschulreife, oft gibt es einen Numerus Clausus (NC).

Das Studium der Sozialen Arbeit dauert in der Regel sechs bis sieben Fachsemester. Absolventinnen und Absolventen können beispielsweise bei öffentlichen Trägern wie den Kommunen, bei Kirchen und Wohlfahrtsverbänden, in Schulen oder bei privaten Anbietern arbeiten . Die studienspezifische Arbeitslosenquote ist laut Bundesagentur für Arbeit  mit 1,7 Prozent sehr niedrig.

Wer nicht gleich nach dem Abitur den gewünschten Studienplatz bekommt, für den bietet sich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an . Es gibt erste Einblicke in das Berufsfeld und die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Ein weiterer Vorteil: Die zwölf Monate zwischen Schulabschluss und Studienbeginn im FSJ können als Wartesemester angerechnet werden und somit die Chance auf einen Studienplatz erhöhen.

* Die Protagonistin möchte anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, die Protagonistin würde entscheiden, ob ein Kind in der Familie bleibt oder nicht. Außerdem stand im Text, sie hätte der jungen Mutter das Sorgerecht entzogen. Beides ist nicht korrekt, diese Entscheidungen fällt ein Gericht. Wir haben die Fehler korrigiert.

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