leben SPIEL MIT DEM KRIEG
Kurz nach der Mittagspause bricht die Krise aus. Der Vertreter Chinas im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kritzelt gerade mit Bleistift eine Botschaft an seinen Kollegen aus dem Vereinigten Königreich, der norwegische Delegierte flirtet mit der russischen Abgesandten, da verkündet der Generalsekretär mit ernster Miene: Nordkorea hat unterirdisch eine Atombombe getestet.
Die Regierung in Pjöngjang habe die Meldung bestätigt und ziehe zugleich ihre Truppen in der demilitarisierten Zone zu Südkorea zusammen. Steht die Welt vor einem Atomkrieg? Wohl kaum, dafür hält sich die Aufregung im Sicherheitsrat zu sehr in Grenzen. Schließlich ist klar, dies ist nur ein Spiel - aber ziemlich nahe an der Wirklichkeit.
Die Delegierten sind Studenten, und die spielen Uno. Über 600 akademische Nachwuchsdiplomaten aus aller Welt, aus Indien, Brasilien, Australien, Malaysia, China, dazu rund 200 Studenten aus Deutschland, sind Ende März zur »Harvard World Model United Nations«-Konferenz, kurz WorldMUN, nach Heidelberg gekommen. Das renommierte Uno-Planspiel, das seit zwölf Jahren von der US-amerikanischen Elite-Uni Harvard organisiert und von den Vereinten Nationen anerkannt wird, findet in diesem Jahr zum ersten Mal an einer deutschen Hochschule statt.
In parallel tagenden Komitees simulieren die Studenten die Arbeit der Völkergemeinschaft und anderer internationaler Organisationen wie etwa der Weltbank oder des Nato-Russland-Rates. In den Sitzungen, die streng nach dem komplizierten Regelwerk der Uno ablaufen (selbst der Gang zur Toilette ist festgelegt), übernimmt jeder Teilnehmer die Rolle eines Botschafters, der die Interessen des ihm zugeteilten Landes glaubhaft vertreten soll.
Der Zeitpunkt für die WorldMUN könnte aktueller nicht sein. Selten zuvor hat die Studentenkonferenz vor einem vergleichbar brisanten weltpolitischen Hintergrund stattgefunden. Seit Tagen fallen Bomben auf Bagdad, die internationale Diplomatie ist geschei-
tert, die Uno von der Supermacht Amerika dreist vorgeführt worden. Doch in der Heidelberger Uni sitzen die Studenten, beschwören den Geist der Völkergemeinschaft, debattieren über Diamantenhandel und Drogenmafia - und reden nicht über den Krieg, nicht über die Rolle der Uno.
Zumindest nicht nach der offiziellen Tagesordnung. »Das ist total absurd«, sagt Karla Kiy, 25, Politikstudentin aus Hannover, »da draußen findet ein Krieg statt, und hier drinnen diskutieren wir über afrikanische Blutdiamanten.« Ihre Kommilitonin Emine Öztürk, 21, ist richtig »enttäuscht«, dass der Krieg auf der Konferenz nur am Rande eine Rolle spielt. Stattdessen wird in ihrem Komitee zur Abrüstung und Internationalen Sicherheit neun Stunden lang über eine Definition von Terrorismus diskutiert.
Kein einziges der 16 Komitees beschäftigt sich mit dem Irak. Das Thema werde »totgeschwiegen«, sagt der Freiburger Anglistikstudent Thomas Büttner, 25, der stellvertretend die Sitzungen des Sicherheitsrates leitet. Gerade die amerikanischen Studenten vermeiden es, darüber zu reden. Sie wollen keinen Konflikt in die Konferenz hereintragen, mutmaßt Büttner, der schon an drei WorldMUNs teilgenommen hat.
Da wurden selbst die Fahnen in der Aula der Uni bei der Eröffnungsfeier zum Politikum. Aus unterschiedlichen Gründen hatten sich Studenten daran gestoßen, dass ausgerechnet die amerikanischen Stars and Stripes neben der Flagge der Vereinten Nationen platziert wurden, wo sich doch gerade die Vereinigten Staaten nicht eben als Fürsprecher der Uno erwiesen hätten. So wurde das blau-weißrote Tuch dann wieder eingeholt und neben das Banner der Europäischen Union gehängt, und die deutsche Fahne kam neben die der Uno. Als sich die lokale Tageszeitung erdreistete, über das »Flaggen-Spektakel« zu berichten, waren die Harvard-Leute etwas pikiert. Tags darauf gab es eine Richtigstellung.
Der Einfluss von Harvard auf die Konferenz ist deutlich spürbar: Die Amerikaner geben die Themen vor, teilen den Delegationen die Länder zu, stellen in allen Komitees die »Chairs«, die Vorsitzenden. Und sie haben die Konferenz und alle Themenvorschläge für die Sitzungen bereits zehn Monate vor Beginn geplant und festgelegt.
Dass der Irak auf der Tagesordnung fehlt, liegt wohl auch daran, dass die Uni das Thema bewusst vermeiden wollte, damit der Konflikt nicht alle anderen Themen überlagert, meint Denis Schweder, 21, Politikstudent aus Harvard. Er leitet den Sicherheitsrat und erklärt: »Das Thema würde nur zu Konfrontation führen. Und überhaupt: Was sollen wir da noch entscheiden?«
Alle Teilnehmer wissen um das ohnmächtige Agieren der Uno im Vorfeld des Krieges. Das wurmt einige hier schon, manche wollen es auch nicht wahrhaben. Sie versuchen, den Idealismus zu pflegen, genießen das internationale Flair und leben die Völkerverständigung wenigstens für einen Augenblick.
Die größte Sorge der Heidelberger Organisatoren war, »dass der Krieg ausbricht und die amerikanischen Delegationen zu Hause bleiben«, sagt deren Sprecher Nick Schneider. Schon im Vorfeld habe es Anfragen aus den USA zur Sicherheitslage gegeben, und man habe sich mit dem baden-württembergischen Innenministerium und der örtlichen Polizei abgesprochen. Letztlich haben dann aber nur sieben Gruppen abgesagt und lediglich eine davon offiziell aus Sicherheitsgründen. Das elitäre amerikanische College of William and Mary, das ausgerechnet die USA vertreten sollte, stornierte gleich mit Kriegsausbruch seine Reise und sorgte damit für reichlich Hektik und Probleme.
Für die Kollegen sprangen die Studenten der Florida State University ein. Deren Delegierte treten dann doch so auf, wie man es von ihnen offenbar erwartet: Sie spielen die Hardliner in den Komitees. Ob im Sicherheitsrat, wo der US-Gesandte als Einziger mehr Druck auf Nordkorea ausüben will, oder im Komitee für Abrüstung und Internationale Sicherheit, wo die amerikanische Teilnehmerin dermaßen arrogant auftritt, dass sich Emine Öztürk schon fragt, »ob die das wirklich nur spielt«.
Einige deutsche Studenten beklagen sich dann auch, dass sie von den amerikanischen Kommilitonen an die Wand geredet würden. Emine etwa traut sich in der Sitzung schon gar nicht mehr, das Wort zu ergreifen. Dabei hätte sie wohl viel zu sagen, denn sie repräsentiert wie acht weitere Studenten aus Hannover das Königreich Saudi-Arabien, das nicht zuletzt seit dem 11. September als Hort von Terroristen gilt.
Die Studenten haben sich im Wintersemester in einem Seminar extra für die WorldMUN präpariert. Sie machten sich mit der Politik, Geschichte und Kultur des von ihnen vertretenen Landes vertraut und erarbeiteten sich ihre eigene Position, um möglichst wirklichkeitsgetreu aufzutreten. Außerdem ließen sie sich im Berliner Auswärtigen Amt von einem Mitarbeiter, der lange Zeit in der deutschen Botschaft in Riad gearbeitet hat, mit Informationen versorgen.
Auch die Studenten der amerikanischen Militärakademie West Point haben auf ihrem Weg nach Heidelberg vorher noch einen Stopp in Paris eingelegt, um sich auf die Rolle Frankreichs vorzubereiten. Das Land sei tatsächlich ihre erste Wahl gewesen, erklärt Seth Johnston, 21, auf die Nachfrage, wieso ausgerechnet die strammen Kadetten einen erklärten Kriegsgegner wie Frankreich vertreten.
»Ich finde es spannend, ein Land zu repräsentieren, das eine andere Meinung hat«, sagt der Offiziersanwärter, der Europäische Politik studiert, »man lernt so sehr viel über andere Länder und kann dann auch besser ihre Argumente verstehen.« Bei einer Konferenz in Kanada vergangenes Jahr hätten sie gar den Irak dargestellt.
Der Geschichtsstudent Phil Woods, 22, der Frankreich im Sicherheitsrat vertritt, liegt dort ganz auf der eher moderaten außenpolitischen Linie Frankreichs. In der Nordkorea-Krise mahnt er zur Ruhe und spricht sich klar für multilaterale Verhandlungen aus - eine Position ganz im Gegensatz zu den USA. Als Amerikas Vertreter darauf beharrt, Pjöngjang sämtliche Wirtschaftshilfe zu streichen, wenn das Land nicht abrüstet, droht Phil gar mit einem Veto. »Das ist zwar nicht meine persönliche Meinung, aber schließlich ist das ganze ja auch nur ein Spiel.«
Marion Schmidt
* Mit den Flaggen von Saudi-Arabien, Frankreich.