Anderson & Sheppard: Die coolsten Sakkos Britanniens
Londoner Edelschneider Im Zwirn von Picasso
Man muss nicht Marlene Dietrich sein, um sich einen Hosenanzug bei dem Londoner Ausstatter Anderson & Sheppard (A&S) nähen lassen zu können. Allerdings hilft es, Marlene Dietrich zu sein.
Als die Schauspielerin 1937 das Geschäft mit den dunklen Mahagoni-Möbeln in der Savile Row - schon damals die edelste Straße für Maßschneiderei im Stadtteil Mayfair - betrat, zögerte das Personal keine Sekunde, der berühmten deutschen Diva einen Hosenanzug zu schneidern. Bei anderen Damen hätten die Schneider das Maßband nicht so rasch zur Hand gehabt. Denn Anderson & Sheppard ist seit 1906 ein reiner Herrenausstatter. Auch heute, über hundert Jahre nach der Gründung des Geschäfts, hat sich an dieser Tradition nichts verändert.
A&S schneidern Hosen, Hemden und Hüte für Männer - und machen dabei nur ganz selten Ausnahmen. Es muss schon die Frau eines Stammkunden sein, die nach einer Jacke im Herrenschnitt fragt, damit der Wunsch erfüllt wird. Oder es ist Fran Lebowitz: Die amerikanische Schriftstellerin trägt, ähnlich wie Marlene Dietrich es zu ihrer Zeit tat, Hosenanzüge im männlichem Schnitt.
Wer A&S tragen will, braucht Zeit und Geld
Wenn man dem Geschäftsführer Colin Heywood beim Telefoninterview eine Weile zuhört, versteht man schnell, dass Tradition eine große Rolle in der Unternehmensgeschichte spielt. "Bei uns sind die Schneider heute noch wie früher nur für ein Kleidungsstück ausgebildet", sagt Heywood. "Entweder Jacken oder Hosen." Vier Jahre dauert die Ausbildung. "Andere unserer 40 Schneider wiederum sind ausschließlich auf Knöpfe spezialisiert", fügt er hinzu.
Was heute so britisch wirkt, fing recht unbritisch an: Der spätere Mitgründer der Firma, ein Schwede namens Per Anderson, lernte von seinem Mentor, einem Holländer namens Frederick Scholte, wie man den Drape Cut schneidert - ein bequemes, elegantes Jackett mit hohen Armlöchern, die viel Bewegungsfreiheit erlauben. Anderson gründete schließlich zusammen mit dem Hosenschneider Sidney Horatio Sheppard die Firma, die noch ein Jahrhundert später ihren Namen trägt.
Wer heute etwas von A&S besitzen will, muss Zeit und Geld mitbringen: Etwa 50 Stunden brauchen die Schneider für einen Anzug, dreimal soll der Kunde dafür zum Vermessen und Anprobieren vorbeikommen. Für einen Zweiteiler zahlt man 6300 Euro, für einen Dreiteiler 7200. Wie in jedem exklusiven Etablissement sind die Grenzen nach oben offen. Wer einen Anzug aus feiner Mikrofaserwolle, Kaschmir oder Kamelhaar tragen möchte, kann auch 12.000 Euro im Laden lassen.
Fast hundert Jahre ohne Werbung
Ein- oder zweimal im Jahr nähen die Handarbeiter einen Mantel aus Vikunja, einer der seltensten Wollsorten der Welt. Das Lama-ähnliche Vikunja-Kamel lebt in den Anden und darf nur alle drei Jahre geschoren werden. Der Mantel kostet seinen Besitzer dann gut 22.000 Euro. "Manche Männer sparen lange und kaufen nur einmal im Leben einen Anzug bei uns", sagt der Ladenchef Heywood. Viele der Kunden seien aber Geschäftsmänner in gehobenen Positionen und kämen regelmäßig in das Geschäft.
Fred Astaire ließ sich schon 1923 in der Savile Row 30 ausstatten, Gary Cooper bestellte einen cremefarbigen Zweireiher und auch Laurence Olivier, Pablo Picasso und der Modeschöpfer Calvin Klein trugen Kleidung von A&S. "Unsere Anzüge sind zeitlos", sagt Heywood, viele Kunden brächten ihre bis zu 40 Jahre alten Anzüge, um sie auf Vordermann bringen zu lassen. Dass Gutes nicht verjährt, wollte vielleicht auch Prinz Charles seiner Camilla bei ihrer Hochzeit im Jahr 2005 zu verstehen geben, als er sie in einem 13 Jahre alten A&S-Anzug ehelichte.
Doch wer stets auf Tradition achtet, läuft Gefahr, in der Zeit stecken zu bleiben. In eine Krise geriet die Marke, als in den Achtzigern günstig produzierte Mode von der Stange in den Läden hing und in den Neunzigern auch noch der casual friday in der Arbeitswelt Einzug hielt, an dem sich die Geschäftsmänner von ihren feinen Anzügen verabschiedeten.
Als A&S 2004 nach 78 Jahren auch noch die Savile Row 30 räumen und um die Ecke in einen kleineren Laden in der Old Burlington Street ziehen musste, hatten viele Angestellte die Hoffnung auf eine prosperierende Zukunft aufgegeben. Doch die Kunden hielten an der Marke fest und zogen bereitwillig nach. Damals stieg Anda Rowland, deren Vater in den Siebzigern den Großteil der Firma gekauft hatte, in die Leitung ein. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Geschäft weder eine Website noch eine moderne Buchhaltung, geschweige denn so etwas wie Marketing. Es verließ sich nur auf persönliche Empfehlungen, das hatte schließlich fast hundert Jahre funktioniert.
Heute will Anda Rowland A&S sanft in die Moderne führen. Bis zu fünf Neukunden pro Woche kämen mittlerweile vorbei, inzwischen gibt es rund hundert Aufträge pro Monat. 2016 soll es auf Werbetour nach Hamburg und Frankfurt gehen. Aber mehr Mode für Frauen wird es bei Anderson & Sheppard auch in Zukunft nicht geben, "Männerkleidung ist heute die heiße Ware in der Modewelt", sagt Anda Rowland, "die Herren geben mehr Geld für sich selbst aus als Frauen."
Horst A. Friedrichs, Simon Crompton, Toby Egelnick:
Best of British
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