Modisches Accessoire im Supreme Court Der Tag der Spinne
Spinnen sind faszinierende Tiere. Raffinierte Jäger mit einem feinen Sensorium. Ihren acht (selten sechs) Augen entgeht so gut wie nichts. Außerdem verfügen sie über ein Organ, das Erschütterungen ihrer Umwelt wahrnimmt. Und sie sind meisterhafte Konstrukteure. Einzelne Fäden weben sie zu einem Netz, aus dem es kein Entrinnen gibt, sollte ihre Beute unachtsam gewesen sein und sich darin verfangen. Mit diesem Instrumentarium helfen Spinnen dabei, Ökosysteme im Gleichgewicht zu halten. Sie sind quasi ein natürliches Kontrollorgan.
Wer mag, kann also einiges hineininterpretieren in die Spinnenbrosche der Lady Brenda Hale. Als Präsidentin von Großbritanniens Oberstem Gerichtshof hatte sie mit ihren elf Richterkollegen - zwei Frauen und neun Männern - darüber zu entscheiden, ob die von Boris Johnson dem britischen Parlament auferlegte Zwangspause rechtens war oder nicht. War sie nicht, lautete das einstimmige Urteil. Es ist eine historische Entscheidung und eine Katastrophe für Johnson.
Gut möglich also, dass sich Brenda Hale heute Morgen etwas dabei dachte, als sie die große Spinnenbrosche an ihr Kleid heftete. Immerhin ist der britische Premier nicht gerade bekannt für umsichtiges Vorgehen. Sein Modus Operandi lässt sich mit "wie von der Tarantel gestochen" ganz treffend bezeichnen, Erschütterungen sind seine Spezialität. Hale und ihre Kollegen haben darauf reagiert und ein reißfestes Sicherheitsnetz gesponnen für den demokratischen Prozess.
Vielleicht war die Spinne, wie sie da so prangt ganz auf Schwarz, aber auch eine Botschaft in Richtung der nun siegreichen Hauptklägerin Gina Miller. Die dunkelhäutige britische Investmentfondsmanagerin mit südamerikanischen Wurzeln ist die Hassfigur vieler Brexiteers und wurde in Anspielung auf die gefährliche Spinnenart rassistisch als "schwarze Witwe" verhöhnt.
Sicher wissen können wir es jedoch nicht.
Fest steht aber, Hale hätte aus einem kleinen Zoo wählen können, denn die Juristin - Abschluss als Klassenbeste in Cambridge - besitzt eine bunte Sammlung tierischer Anstecknadeln. In ihrer Schmuckschatulle liegen auch zwei Frösche, ein Schmetterling, ein Tausendfüßer, eine Libelle, ein Käfer, etwas, das aussieht wie eine Motte, ein Fuchs. Sie hätte sich auch für den Lebkuchenmann entscheiden können, das Spinnennetz oder die silberne Flamme.
Heute, an diesem für die britische Demokratie so bedeutsamen Tag, sollte es aber die Spinne sein. Deswegen ist die britische Presse auch einigermaßen aus dem Häuschen. Der "Evening Standard" beschreibt die Brosche als "utterly badass" und die "Huffington Post" feiert Hale als "Queen of Justice". Der "Guardian" fühlt sich an die richtige Queen erinnert und den Moment, als sie zum Staatsbesuch Donald Trumps eine Brosche trug, die ihr sein Vorgänger Barack Obama geschenkt hatte.
Lady Hale demonstrating the potential for vast novelistic sub-narratives offered by a correctly chosen brooch. What a tangled web we weave, indeed. #Prorogation pic.twitter.com/BVmmm9i3Zc
— Anne Louise Avery (@AnneLouiseAvery) September 24, 2019
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Auch bei Twitter wird die 74-jährige Juristin gefeiert für ihren Auftritt. Findige Geschäftemacher haben inzwischen T-Shirts mit aufgedruckter Spinnenbrosche bei Ebay eingestellt. Zehn Pfund das Hemd , von denen ein Drittel an die Obdachlosenhilfe gespendet werden sollen.
Ob es nun eine "geheime Botschaft" ("Mirror") gegeben hat oder nicht, eines ist klar: Die höchstrangige Richterin in der Geschichte der britischen Justiz verfügt über einen ausgeprägten Geschmackssinn.