Fahrradsättel von Brooks: Glückliches Sitzen
Britische Fahrradsattel von Brooks Hart am Hintern
SPIEGEL ONLINE: Es gäbe heute keine Fahrradsättel von Brooks, wenn das Pferd von John Boultbee Brooks nicht im Jahr 1878 unter ihm zusammengebrochen wäre, als er damit zur Arbeit ritt.
Green: Das Pferd ist nach dem Zusammenbruch gestorben. Brooks konnte sich kein neues leisten, also lieh er sich das Fahrrad von einem Freund. Der Sattel war damals nicht viel mehr als ein Stück Holz. Brooks fand ihn schrecklich unbequem. Da dachte er sich: "Das kann ich besser!" Brooks hatte damals ja ein Geschäft für Reitsättel und Lederwaren.
SPIEGEL ONLINE: Das Geschäft war viele Jahre lang ein Familienbetrieb, seit 1962 gehört es zum Radkonzern Raleigh. Nun exportiert Brooks seine Produkte in mehr als 30 Länder. Haben wir derzeit goldene Jahre für Fahrradfahrer?
Green: Ja, in der Tat. Viele Menschen wollen gesund leben und sich bewegen. Außerdem gibt es mittlerweile viel mehr Radwege, die Städte werden fahrradfreundlicher. Auch der Tourismus hat sich verändert, heute fahren viele Urlauber lange Touren mit dem Rad und laden alles in Fahrradtaschen, was sie für ihre Reise brauchen. Die Route von London nach Paris ist zum Beispiel sehr beliebt.
SPIEGEL ONLINE: Um einen Brooks-Sattel bequem zu finden, sollte man auch regelmäßig auf sein Rad steigen. Wer nur einmal in der Woche eine kurze Strecke fährt, bekommt auf dem harten Ledersattel eher Schmerzen.
Green: Das hängt sehr vom Model ab. Und wer längere Strecken fährt hat den Vorteil, dass das Leder nach einer Weile unter dem Gesäß wärmer wird und sich besser formt. Die meisten unserer Kunden fahren längere Touren.
SPIEGEL ONLINE: Das Leder, das bei Brooks verarbeitet wird, kommt ausschließlich von britischen Kühen. Warum?
Green: Das hängt mit dem Klima zusammen. Das Wetter bei uns in England ist ja nicht so gut. Die Kühe stehen viel bei Wind und Regen draußen und haben deshalb eine feste, kräftige Haut. Dieses Leder ist genau, was wir für unsere Sättel brauchen. Irische Rinder sind auch geeignet, dort ist das Wetter ja so ähnlich wie in Großbritannien. Im Rest von Europa stehen die Kühe oft im Stall und haben eine weichere Haut.
SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihren Kunden besonders wichtig?
Green: Gerade neulich hat ein Kunde auf unseren Blog geschrieben, dass er seinen Sattel seit 68 Jahren hat, pflegt und die Qualität immer noch die gleiche ist. Manche kaufen die traditionellen Modelle, aber wir verkaufen auch moderne Sättel. Ich glaube, unsere Kunden schätzen, dass sie ein handgefertigtes, individuelles Produkt haben. Jeder Sattel sieht ja ein kleines bisschen anders aus - je nachdem, welcher Handwerker ihn fertigt.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben 35 Mitarbeiter. Einer davon, Eric Murray, genannt "The Chamferer" (Der Abkanter), ist in der New Yorker Bike-Szene mittlerweile eine Legende.
Green: Ja, das ist wunderbar. Eric ist schon im Rentenalter, und er macht immer noch einen sehr verantwortungsvollen Job, der sehr wichtig ist. Er schneidet mit einem speziellen Messer Kerben in die Sättel. Das erfordert Konzentration und Detailgenauigkeit. In New York feiern sie ihn auf Fahrradblogs sogar schon als Idol. Die Hipster lieben ihn, auch ein Radmagazin hat ihn schon porträtiert.
SPIEGEL ONLINE: Welchen Arbeitsschritt macht Eric genau?
Green: Er schlägt Kupfernieten in die Sättel, um das Leder mit dem Stahlrahmen zu verbinden. Die Köpfe der Nieten rundet er ab, damit sie nicht an den Beinen reiben.
SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Kunden auch Sonderwünsche?
Green: Wenn jemand etwas Spezielles will, wie eine besondere Farbe oder eine Gravur, dann machen wir das in unserem Laden zu einem Aufpreis.
SPIEGEL ONLINE: Ein Sattel von Brooks kann schon mal mehr kosten, als manche für ein ganzes Fahrrad ausgeben.
Green: Ein Sattel mit einem Gestell aus Titan kostet 330 Euro. Es ist der teuerste, den wir haben. Unsere Kunden besitzen meistens mehrere Räder mit verschiedenen Sätteln.
SPIEGEL ONLINE: In Großstädten werden immer mehr Fahrräder geklaut, aber auch Einzelteile wie Räder oder Sättel abmontiert. Wie schützt man einen Sattel, der mehr als 300 Euro kostet?
Green: Wir arbeiten seit Jahren an einem diebstahlsicheren Sattel. Mitte nächsten Jahres werden wir endlich etwa anbieten können. Mit einer englischen Firma zusammen haben wir ein Sicherungssystem entwickelt, mit dem man den Sattel diebstahlsicher auf sein Fahrrad bauen kann.