Charles und Ray Eames: Ein geniales Paar - DER SPIEGEL
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Ausstellung über Charles und Ray Eames Ein geniales Paar

Charles und Ray Eames prägten das Design des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderes Paar. Eine Werkschau im Londoner Barbican Centre zeigt jetzt die gewaltige Komplexität ihres Schaffens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ausstellung beginnt nicht mit einem Stuhl. Sie beginnt auch nicht mit einer der revolutionären Schichtholz-Beinschienen, die Charles und Ray Eames ab 1942 für US-Soldaten anfertigen ließen, die verwundet aus dem Zweiten Weltkrieg kamen. Sie beginnt auch nicht mit dem Entwurf für das legendäre Eames House in Pacific Palisades.

Die Ausstellung im Londoner Museum Barbican beginnt mit einem Liebesbrief des Architekten an die Künstlerin und Grafikdesignerin, die er kurz zuvor an der Cranbrook Academy of Art in Michigan kennengelernt hatte. "I am 34 (almost) years old, single (again) and broke - I love you very much and would like to marry you very very soon", schreibt Charles Eames im Jahr 1941 an Ray Kaiser.

Dass sie diesen etwas flapsigen Antrag annahm, war ein Glücksfall. Nicht nur für Charles Eames, sondern auch für die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts, der ohne das Ehepaar einige ikonische Stücke fehlen würden.

Zum Beispiel gäbe es nicht den Lounge Chair aus dem Jahr 1956, der mit seiner Palisanderschale und den Lederpolstern als Inbegriff des luxuriösen, aber zwanglosen "California Modern"-Stils gilt. Aber auch der Side Chair würde fehlen, der zunächst aus fiberglasverstärktem Polyesterharz und später aus Polypropylen gefertigt wurde. Der Entwurf aus dem Jahr 1950 wurde an Schulen und Universitäten geliefert, in Flughäfen, U-Bahnstationen und Fußballstadien verbaut und millionenfach von Privathaushalten gekauft.

Zwanglose Bequemlichkeit

Die Ausstellung zeigt weniger die einzelnen Produkte, sondern vor allem den Einfluss des Eames'schen Wirkprinzips: In Sachen Architektur und Möbelgestaltung löste das Ehepaar vorhandene Statiken auf, verlagerte den Schwerpunkt des Wohnens von starrer Repräsentation auf zwanglose Bequemlichkeit. Ihr eigenes, 1949 errichtetes Haus mag da das beste Beispiel sein.

Denn auch, wenn die strenge Form des Gebäudes und die Verwendung industrieller Werkstoffe sich dezidiert auf das Bauhaus bezog: Die vor allem von dem legendären Architekturfotografen Julius Shulman aufgenommenen Bilder aus dem Inneren, die in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen bisweilen auch Unordnung, Kleinteiligkeit, kreatives Chaos. Sie machen deutlich, dass hier Gestaltungsregeln nicht wichtiger waren als die Menschen, für die sie aufgestellt wurden, und dass Veränderung nicht nur zugelassen, sondern erwünscht war - ein Satz, der sich auf die gesamte Arbeit des Ehepaars anwenden lässt.

Die wandelte sich mit den Jahren. Charles und Ray Eames und ihre Mitarbeiter folgten in erster Linie der eigenen Neugier. Sie arbeiteten interdisziplinär, verknüpften Design, Bildung, Natur- und Kommunikationswissenschaften, Informatik, Fotografie und etwas, das man heute wohl Public Relations nennen würde.

Sie waren Teil des amerikanischen Traums, entwarfen für zahlreiche Museen Ausstellungskonzepte und arbeiteten ab den späten Fünfzigerjahren für die amerikanische Regierung und Unternehmen wie Polaroid und IBM. Für die Computerfirma gestaltete Charles Eames gemeinsam mit dem finnisch-amerikanischen Architekten Eero Saarinen unter anderem deren gesamten Auftritt auf der Expo 1964 in New York. In einem eiförmigen Pavillon wurde auf 22 Leinwänden der Multimediafilm "Think" gezeigt, der in einer reduzierten Version auch im Barbican zu sehen ist.

Beyoncé und die Eames-Stühle

Die Zahl der Themengebiete, die dieses und ähnliche Projekte anreißen, ist immens. Sie reicht von der Mathematik über die Meteorologie bis hin zur Meeresforschung. Gemein ist ihnen die Herangehensweise: Charles und Ray Eames, das ist die wichtigste Erkenntnis dieser Ausstellung, versuchten, komplizierte Sachverhalte auf möglichst einfache Art und Weise zu erklären. Was auffällt: Jenseits einer natürlich in ihrer Zeit verhafteten Ästhetik funktionieren viele der Konzepte immer noch. So ist die erstmals 1961 gezeigte und - das war damals völlig neu - interaktive Ausstellung "Mathematica - A World of Numbers" auch aktuell in amerikanischen Museen zu sehen.

Gleiches gilt für die Gebrauchsgegenstände. Der in Deutschland von Vitra hergestellte Side Chair ist 65 Jahre nach seiner Einführung ein weit verbreitetes Alltagsmöbel, das sich sowohl in den Lofts hipper Start-up-Unternehmen als auch in McDonalds-Filialen gut macht. Das "House of Cards"-Steckspiel (1952) findet sich heute in Museumsshops auf der ganzen Welt; das 1974 gestaltete und auch heute noch produzierte Memoryspiel - die deutsche Version stammt von Ravensburger - in so manchem Kinderzimmer.

Auch die mediale Rezeption des Eames-Katalogs ist seit Jahren ungebrochen. Zahllose Blogs bilden die Arbeiten ab, im sozialen Netzwerk Instagram sind über 200.000 Fotos mit dem Namen verknüpft. Das legendäre Foto von Charles Eames, Pfeife rauchend in einem seiner Arm Chairs, wurde 2011 vom amerikanischen Rapper Ice Cube für die Ausstellung "Pacific Standard Time" in Los Angeles nachgestellt, und im Video zu ihrem Song "Countdown" räkelt sich R'n'B-Diva Beyoncé auf einem mehrerer scheinbar zufällig abgestellten Eames-Stühle. All das sind nicht nur Zitate, sondern durchaus gegenwärtige Bilder. Es ist lohnend, sich mit den vielen, vielen Geschichten dahinter zu beschäftigen.


The World of Charles and Ray Eames, bis zum 14. Februar, Barbican Art Gallery, London