Neunziger-Comeback: So geht die Mode von gestern heute
Comeback der Neunzigermode Hauptsache Hoodie
Modisch waren die Neunziger wie kaum ein anderes Jahrzehnt mit der Popkultur verknüpft. MTV und Viva beherrschten die Musikszene, der Stil von Rappern und Grunge-Bands die Kleidung. Jeans waren zerrissen, Hosen weit und tiefsitzend, T-Shirts mindestens zwei Nummern zu groß. Diese Stilelemente, die voluminösen Silhouetten und knallige Farben, finden sich wieder in aktuellen Kollektion - und stehen für eine gewisse Coolness. Das Konzept funktioniert noch, aber es wird neu interpretiert.
"Das Comeback der Neunziger definiert sich über eine radikale Veränderung der Silhouette - von ganz eng zu ganz weit", erklärt Carl Tillessen vom Deutschen Modeinstitut in Köln. Neben dem Faible für übergroße Formen gab es vor 30 Jahren auch hautenge, freizügige Entwürfe von Designern wie Tom Ford oder Helmut Lang.
Nach der Jahrtausendwende setzte sich diese Übersexualisierung endgültig durch, die voluminösen Silhouetten verschwanden. Mittlerweile aber haben sich die Körperbilder gewandelt, es muss nicht mehr figurbetont sein. Also werden die altbekannten Stücke wieder hervorgekramt - monochrome Stile und Regeln aber in der Vergangenheit gelassen.
"Junge Leute besorgen sich auf dem Flohmarkt gezielt Sachen, die einen geschmacklichen Tabubruch bedeuten", sagt Tillessen. Das können Sneakers mit klobiger Sohle sein, die dann zur Anzughose kombiniert werden, oder Kapuzenpullover, die man über den Plisseerock zieht, erklärt Charlotte Schnitzspahn vom Fachmagazin "Textilwirtschaft".
Lässige Kleidung für lässiges Rumhängen
Diese Ungezwungenheit bestimmt nicht nur die Kleidung, sondern auch die Inspiration der Designer: Viele Modemacher, die mit ihren Entwürfen aktuell an die Neunziger anknüpfen, haben das Jahrzehnt als Kinder oder Jugendliche erlebt. Durch ihre Kollektionen holen sie sich ein Stück sorgenfreie Zeit zurück. Virgil Abloh, 1980 geboren, setzt bei Off-White schon länger auf weite Hosen und Hemden. Der nur ein Jahr jüngere Demna Gvasalia entwirft für Balenciaga Kapuzenpullover und Turnschuhe mit dicken Sohlen. An Lässigkeit soll der Trend erinnern - und an lässiges Rumhängen vor dem Fernseher.
Getragen aber wird der Trend vor allem von den noch Jüngeren, "für die der Look etwas Neues ist", sagt Schnitzspahn. Die Kleidungsstücke sind plakativ, machen sich ganz hervorragend auf Instagram - und demonstrieren zudem politisches Bewusstsein. Oft sehen sie nicht nur nach Vorgestern aus, sondern wurden als Zeichen für nachhaltigen Konsum auch bewusst im Secondhandladen oder auf dem Flohmarkt gekauft.
Durch diesen Ansatz passt der Trend auch nahtlos in die eigene Garderobe. Es muss nicht neu gekauft, nur neu zusammengestellt werden. Über die enge Jeans aus den vergangenen Jahren kommt einfach ein großes Oberteil. Oder eben andersrum: oben eng und unten weit. Den Reiz machen die Gegensätze aus - ob zwischen Schnitten oder Jahrzehnten.