Design aus dem Alpenraum: Massivbauweise - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Entdeckungen und Innovationen: Die Welt des norditalienischen Designs

Foto: Erich Dapunt/ Scheidegger & Spiess

Designobjekte aus dem Alpenraum Massivbauweise

Design aus den Bergen ist rustikal und besteht aus Holzschnitzereien und Enzianmustern? Nicht ganz. Ein neuer Bildband versammelt Designer und Produkte aus dem Alpenraum, von findig bis futuristisch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pultdach, eine nach innen geschwungene Fassade, kühne Schwünge auch im Inneren, kreisrunde Fenster: Was der Mailänder Stararchitekt Gio Ponti von 1933 bis 1935 im Auftrag Mussolinis in den Talschluss des Martelltales baute, war den Einheimischen von Anfang an suspekt. Die dort lebenden Bergbauern waren den Tiroler- und Habsburgerstil gewohnt, keine futuristischen von der Bauhausidee geprägten Bauten. Für sie war das Berghotel Paradiso del Cevedale ein faschistischer Fremdkörper vor dem Ortlermassiv. Heute ist es einer der schönsten Beweise dafür, dass alpines Design längst nicht so rustikal sein muss, wie viele glauben.

Das Hotel sollte den Alpintourismus in Südtirol voranbringen und bot jeden nur denkbaren Luxus, einen Lesesaal mit englischem Kamin, Friseur- und Massagesalons, eine Sauna und sogar ein eigenes Postamt warteten in 2160 Metern Höhe auf die reichen Hotelgäste. Hauptsächlich übernachteten hier aber Mussolinis Günstlinge und italienische Industrielle. Nach der italienischen Kapitulation benutzte es die SS als Spionageschule und Urlaubsstützpunkt, 1946 ging es in Konkurs. Heute winkt die Herberge verlassen und halb verfallen ins Tal.

Die einstige Pracht des Luxushotels ist nur noch auf Bildern zu bestaunen, zum Beispiel in dem prächtigen Bildband "Design From The Alps 1920-2020". Sechs Seiten widmen Claudio Larcher, Massimo Martignoni und Ursula Schnitzer, Kuratoren einer gleichnamigen Ausstellung in Meran, allein der nicht mehr existenten Inneneinrichtung des Hotels. Wir sehen Wanddesigns und Möblierungen, die dem oft als wenig anheimelnd verschrienen Rationalismus eine gute Portion Rundungen und Wärme mitgeben. Gio Ponti hatte für jedes Zimmer individuelles Mobiliar entworfen.

Fotostrecke

Entdeckungen und Innovationen: Die Welt des norditalienischen Designs

Foto: Erich Dapunt/ Scheidegger & Spiess

Auf 450 großformatigen Seiten liefern Larcher, Martignoni und Schnitzer eine sinnvolle Zusammenfassung der gestalterischen Entwicklungen in jenem Gebiet, das vor 1918 als Tirol bezeichnet und dann von den politischen Entwicklungen auseinandergerissen wurde. Das österreichische Tirol sowie Südtirol und Trentino in Italien. "Ein Gebiet, das zwischen zwei unterschiedlichen, aber miteinander kommunizierenden Kulturen eingebettet ist und somit eine natürliche Brücke zwischen dem germanischen Norden und dem mediterranen Süden Europas bildet", schreibt Martignoni in seinem Vorwort.

Diese Gegend erfasst das Buch, indem es zwei Prinzipien folgt. Einmal geht es um Designer aus der Region. Manchmal führt das zu Überraschungen wie im Falle Ettore Sottsass'. Den großen italienischen Designer verorten die meisten aufgrund seiner Arbeiten mit der Gruppe Memphis eher in der Designwelt Mailands - er stammt aber aus Innsbruck. Im Buch vertreten ist er mit seiner Olivetti Valentine, jene ikonische, ebenso mondäne wie quietschrote Reiseschreibmaschine aus dem Jahr 1969. Zusätzlich werden Unternehmen vorgestellt, die in dem Landstrich fertigen. Konstantin Grcics preisgekrönte "Miura"-Hocker? Ein Produkt des Möbelherstellers Plank, der nahe Bozen sitzt.

So entsteht ein historisch akkurates Panorama, das viel von Zusammenhängen erzählt, aber stets nach Ankern in die Gegenwart sucht. Vor allem aber umfasst es ein breites Spektrum an Objekten. Es beginnt beim Industriedesign und zieht sich über klassisches Möbeldesign bis hin zu Sport und Tourismus und bildet dabei die großen Designzeitströme der vergangenen hundert Jahre ab.

Vieles dürfte nur Spezialisten bekannt sein. Zum Beispiel Siegfrid Mazaggs 1929 entworfener Armlehnsessel für das Hotel Berghof in Seefeld: ein Traum aus wuchtigen Holzplanken, extrabreit und extratief. Oder die ersten Stofftiere der Gebrüder Broschek aus Fieberbrunn in Tirol. In den materialknappen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hergestellt aus Wehrmachtsdecken, Fallschirmseide und Uniformknöpfen. Aus dem Jahr 1972 stammt die Wohnwagenlinie "Serie Blu" von Laverda Spa Trento, hellblaue Kästen, deren Form auf Tand verzichtet und die bis auf ihre Panoramascheibe aus rechten Winkeln zu bestehen scheinen.

Anzeige

Design from the Alps 1920–2020: Tirol Südtirol Trentino

Verlag: Scheidegger & Spiess
Seitenzahl: 460
Für 48,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

17.10.2026 14.40 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Das Rustikale, das dem Begriff "alpines Design" anhaftet, fehlt übrigens nicht völlig. Es taucht manchmal als Zitat auf, gerade bei Designern der vergangenen Jahrzehnte. Das führt bisweilen zu verblüffenden Ergebnissen, etwa bei einem Schrank aus der "Edition Tirol" von der Firma Wetscher im Zillertal: Filigrane Kerbholzschnitzereien nach jahrhundertealter Tradition treffen auf eine schnörkellose Kubusform. Ein Wohntraum erster Klasse.

Das dachten sich wohl auch die Bergbauern aus der Gegend des Paradiso-Hotels irgendwann. Denn sobald es nicht mehr bewacht wurde, verschwanden die von Gio Ponti maßgefertigten Einbaumöbel Stück für Stück aus dem Hotel. Heute steht es komplett leer.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel