Fotostrecke: "Designed in the USSR"
Bildband "Designed in the USSR" Blick hinter den Eisernen Vorhang
Der Eiserne Vorhang machte seinem Namen vielfach Ehre, aber alles konnte er dann doch nicht abschirmen: "Design war in der UdSSR das zweite Loch im Eisernen Vorhang", erklärt Dmitry Azrikan. "Das erste war Jazz." So wie die Jugend zu Westmusik tanzen wollte, wünschten sich die Apparatschiks die tollen Dinge, die sie auf ihren Auslandsmissionen kennengelernt hatten. Nur besser. Immerhin war der Westen dekadent und deshalb nicht für die Ewigkeit gemacht.
Der Job von Leuten wie Azrikan, der 15 Jahre lang das Designlabor in der Forschungsanstalt Vniite leitete, war zweigeteilt: Sie sollten den Look für das Lebensgefühl der Sowjetunion prägen, und außerdem Westprodukte für Mütterchen Russland nachbauen. Die Parteibonzen und ihre Untertanen in den Designfabriken der Sowjetunion sind der Grund, warum beispielsweise der Schreibtischventilator VN10 UP4 so verdächtig nach dem HL1 von Braun kommt. Mit einem Unterschied: Die russischen Ingenieure brauchten 17 Jahre für den Nachbau.
Größtenteils entwarfen die Ostblock-Designer Alltagsprodukte - nicht selten mit einem Hauch Propaganda verfeinert. Schließlich mussten die Menschen nicht nur bei Laune, sondern vor allem auf Linie gehalten werden. Hin und wieder ging es auch um Sonderwünsche. Prestigeobjekte, die zeigen sollten, dass der Kommunismus dem Kapitalismus mindestens ebenbürtig war.
Bescheidene Ausstattung, minimales Know-how
So erhielten Azrikan und sein Team 1987 den Auftrag, einen "revolutionären Computer" zu bauen. Ihr "Sphinx"-System war eine Mischung aus Laptop, Telefon, Fernseher und Stereoanlage mit Fernbedienung. Ein Unterhaltungssystem, so futuristisch designt, dass es noch heute jedes Sideboard schmücken würde. Wie viele Ost-Upgrades kam es aber nie zu Serienreife.
Entdecken kann man diese Arbeiten in "Designed in the USSR 1950-1989", einer Materialsammlung zusammengestellt aus der Kollektion des erst 2012 eröffneten Moscow Design Museum. Am Schluss des Buchs werden Azrikan und zwei Dutzend weitere Designer kurz vorgestellt. Eine späte Ehre. Als Dienstleister für den kommunistischen Staat tauchten sie dort kaum mit ihrem Namen auf. Der Begriff "Design" war aus dem Wortschatz gestrichen.
Auch sonst bot das sowjetische System, zentralistisch und bürokratisch bis ins Mark, nicht den besten Nährboden für eine reiche visuelle Kultur. Aber entsteht Kreativität nicht sowieso aus Mangel? Dieses Best-of sowjetischer Gestaltungskunst legt das nahe. Mit bescheidener Ausstattung und anfangs auch noch minimalem Know-how ("wie blinde Menschen im Dunkeln", so Grafikdesignerin Valeri Akopov) schufen die Design-Arbeiter quasi die Corporate Identity des Mega-Staats.
Symbole, die ab 1989 nach und nach aus dem öffentlichen Leben verschwanden: "Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden all diese Dinge schnell weggeschmissen, niemand wollte sie mehr haben, weil sie alle gleich aussahen", sagt Alexandra Sankova, die Direktorin des Moscow Design Museum. Irgendwann wurde die einstige Massenware zur Rarität.
Fotostrecke: "Designed in the USSR"
Sankova und ihre Mitstreiter wollen das visuelle Erbe aus dieser Zeit bewahren und erforschen - ein Unterfangen, an dem anfangs auch die öffentliche Hand wenig Interesse zeigte. Was als privates Projekt eines jungen Teams begann, das im Bus von Ort zu Ort zog, hat sich zu einer sorgfältig archivierten und dokumentierten Sammlung entwickelt. Die erste Ausstellung im Jahr 2012 lockte 160.000 Besucher an.
Im Buch kann man nun nachsehen, was vor sechs Jahren den Besucherstrom antrieb: Kinderspielzeug und Gesichtspuderdosen, grotesk geformte E-Gitarren, die berühmten Volga-Gaz-Autos oder Mischa, der Bär - eines der wohl bis heute wenigen unvergessenen Olympia-Maskottchen. Milch in Glasflaschen oder im pyramidenförmigen Karton mit blau-roter Grafik im Stile des russischen Konstruktivismus.
Anders als es ein Einheitsstaat vermuten lässt, war sowjetisches Design vielfältig und wandlungsfähig. So wie die kyrillische Schrift, die in beide Richtungen funktionierte: in beeindruckenden Klotz-Lettern auf den Polet-Zigarettenpackungen oder als romantische Schreibschrift auf den Etiketten georgischer Weine.
Designed in the USSR: 1950-1989: Moscow Design Museum
Moscow Design Museum"Designed in the USSR" ist nicht bloß ein weiterer Ostalgie-Aufschlag, sondern eine kluge Huldigung an eine gestalterische Kultur und ihre Schöpfer, die von Einkaufsnetzen und Olympia-Bären bis zum seiner Zeit weit voraus gedachten Anruf-Sammeltaxi sehr viel mehr zu bieten hatte als die gängigen Sowjet-Klischees.
Aus der Situation, die jene Produkte erzwang, machen die Buchautoren kein Geheimnis: Gestaltet wurde, wie es der Staat befahl; Luxus und Hightech waren den Eliten vorbehalten. Den Produktionsbedingungen kann Alexandra Sankova heute noch einiges abgewinnen: Langlebigkeit, Multifunktionalität und Nachhaltigkeit seien typische Aushängeschilder des sowjetischen Designs gewesen.
Die Recycling-Milchflaschen mit den Aludeckeln stehen längst wieder in den Läden und landen womöglich in der Awoschka. Die Einkaufstasche aus Netzstoff erlebt gerade ein Revival.