Die Dinge des Lebens V-Ausschnitt
Moderner V-Ausschnitt
Foto: Flavio Lo Scalzo/ dpaSeine Eltern sucht man sich nicht aus. In diesem Satz, der nur im ersten Moment wie eine Plattitüde klingt, steckt eine Tragweite, die einem zu schaffen machen kann. Die Eltern bestimmen nämlich den Ort, an dem man seine Jugend verbringen muss, und sie sind verantwortlich dafür, in welche Dekade diese Jugend fällt. Mir ist schon klar, dass meine Eltern sich nichts Böses dachten. Trotzdem: Ich wuchs in den frühen Achtzigern im Hamburger Nordosten auf.
Hier gedieh zu dieser Zeit die Popper-Bewegung: Teenager, die sich in taillenhohe Karottenhosen kleideten, denen die Stirnhaare in einer langen Tolle ins Gesicht fielen und die sich überhaupt ständig Gedanken darüber machten, wie sie aussahen. Ich gehörte dazu. Besser gesagt, ich strengte mich an dazuzugehören. Seitenlange Magazinartikel setzten sich mit dem Phänomen auseinander, Journalisten staunten, wie angepasst und konsumgierig diese Schülergeneration war, dass sie mit abgespreiztem Finger rauchte und ein eigenes Mofa als höchstes Ziel betrachtete.
Leider kann ich nicht behaupten, das Schnöselige und Unsympathische an der "Jugendbewegung" - die heute einen Wikipedia-Eintrag hat! - damals durchschaut zu haben. "Sehen und gesehen werden ist des Poppers Glück auf Erden", lautete der Leitspruch, und er wurde von uns völlig ironiefrei befolgt. Also stand man am Samstagabend um elf Uhr vor der Tenne (einer Diskothek im Hamburger Stadtteil Alsterdorf) und versuchte - den Pullover mit V-Ausschnitt in die Hose gesteckt, an den Füßen ein Paar Loafers - so auszusehen, als sei man das Kind reicher Eltern. Das war der Code, den es zu erfüllen galt.
Dresscode: Kind reicher Eltern
Das Nicken des Türstehers segnete den gelungenen Look ab, die Disco stand einem für diesen Abend offen. Montags in der Schule gehörte man zu denen, die dabei gewesen waren. Eine furchtbar enge Welt. Schon damals, daran erinnere ich mich, habe ich darüber gestaunt, wieso das, was in unserem Vorort als angesagt galt, plötzlich überall in Mode kam. Von Plakatwänden schauten Models in die Welt, die aussahen wie die Jungs auf meinem Gymnasium.
Ausgabe 3/2018
New Codes
Wie Mode und Stil den Weg in eine offenere Gesellschaft weisen
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Von heute aus betrachtet, lag der wahre Stilbruch der Popper nicht in ihrem langweiligen Kleidergeschmack, sondern in ihrer Weigerung, gegen die Generation der Eltern zu rebellieren. Bis dahin war es üblich, dass Teenager mindestens augenrollend, wenn nicht verächtlich auf ihr Zuhause reagierten. Egal ob Hippies oder Punks, darin waren sich alle weitgehend einig.
Nicht so die Popper. Sie imitierten das Leben von gut situierten Vierzigjährigen. Vielleicht bezahlten Mutti und Vati deshalb so bereitwillig die teuren Kleiderwünsche der Kinder - keine Elterngeneration in der BRD war bis dahin so glimpflich davongekommen. Wenn etwas von den Poppern geblieben ist, dachte ich in den vergangenen Jahren manchmal, dann ist es dieser stupide Nachahmungswille. Mütter und Teenagertöchter laufen oft wie Klone herum, in den gleichen Jeans, den gleichen Turnschuhen, die Haare offen und gleich lang.
Die Generationen haben sich in einem fernsehserienhaften Miteinander eingerichtet. Dazu tauchen nun auch die Klamotten der Popper wieder auf. Es begann vor ein, zwei Jahren damit, dass Gucci Loafers wie aus den Achtzigern anbot. Seitdem sehe ich überall: hüfthohe Hosen, Poloshirts mit hochgestelltem Kragen, Daunenmäntel, in die Hosen gesteckte V-Pullover. Ich warte auf Perlenketten, Seidentücher.
Zum ersten Mal mache ich die Erfahrung, wie abgeklärt man wird, wenn etwas in Mode kommt, das man so ähnlich selbst schon getragen hat. Natürlich beneide ich die jungen Frauen in ihren Achtziger-Looks auch, alles liegt noch vor ihnen. Dazu wird allerdings auch gehören, dass sie später Fotos von heute angucken und erkennen: Ich war jung - aber wie alt sah ich bitte schön aus?