Meisterfotograf André Kertész Der Gott der kleinen Dinge
Um ein Haar wäre André Kertész als unterforderter Haus- und Hoffotograf für eine Wohnzeitschrift geendet. Stattdessen wurde er einer der bedeutendsten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts.
Den Ruhm verdankte Kertész nicht nur seinem Talent, sondern auch John Szarowski. Der Kurator des New Yorker Museums of Modern Art erinnerte sich 1961 an frühe Aufnahmen des Ungarn und widmete ihm eine Einzelausstellung, die allerdings erst 1964 eröffnet wurde. Mehr als 70 Fotografien wählte Szarkowski für "Photographs of André Kertész" aus, darunter eines der ersten Bilder, die Kertész überhaupt in seinem Leben gemacht hatte: "Schlafender Junge" von 1912. Drei Ausstellungsmonate später war Kertész nicht länger auf seinen Brotjob bei "House and Garden" angewiesen. Damals war er bereits 60. Angefangen zu fotografieren hatte er allerdings drei Jahrzehnte zuvor.
Mit 18 Jahren und einer billigen Boxkamera streift Kertész durch Budapest, Heimatstadt seiner jüdischen Familie. Zwei Jahre später, 1915, zieht er als Soldat in den Ersten Weltkrieg, zunächst nach Italien, dann nach Bosnien, Albanien und Rumänien. Seine Kamera begleitet ihn. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen Alltagssituationen, meist Kameraden und Zivilisten, außerdem viele Eisenbahnstrecken - und bezeugen bereits Kertész' Talent für grafisch durchkomponierte Bilder. Zu diesem Zeitpunkt beginnt Kertész auch mit der Pressefotografie, mit mäßigem Erfolg. Davon leben kann er nach Kriegsende nicht, seine Familie ist inzwischen verarmt.
Dröger Brotjob
Also zieht es ihn nach Paris. Die florierenden Illustrierten versprechen ein gutes Auskommen. Doch der Einstieg gerät schwerer als gedacht, Kertész hat zu kämpfen. Freundschaftlichen Umgang pflegt er mit Künstlerkollegen wie Man Ray, Fernand Léger, Piet Mondrian oder Brassaï. Letzterer verdankt ihm viel und wird später nicht müde, das zu betonen.
Kertész' Bilder aus dieser Zeit sind düster, oft im Regen aufgenommen, aber auch immer wieder Straßenszenen und Schnappschüsse von Arbeitern und Nachtschwärmern; alltagsfotografische Arbeiten mit seinerzeit völlig überraschenden Perspektiven und Motiven, die derart einflussreich und stilbildend waren, das wir das Besondere an ihnen heute schon fast nicht mehr erkennen. 1930 bringen sie ihm eine Festanstellung als Reportagefotograf bei der Zeitschrift "VU" ein. Wenig später erscheinen die ersten Bildbände. Es geht aufwärts.
1936 flieht Kertész aus Europa nach New York. Außerdem lockt ihn die Agentur Keystone mit der Aussicht auf das große Geld. Mit seiner Frau siedelt er über. Doch statt aufregender Reportagereisen warten dröge Tage im Fotostudio auf ihn. Selbst organisierte Ausstellungen finden kaum Beachtung. Nach fast zehn Jahren Durststrecke und wenigen Achtungserfolgen heuert er schließlich bei "House and Garden" an. Und weitere fünf Jahre später kommt die Anfrage aus dem MoMA.
In einem Essay schreibt Fotokurator Szarowski später über André Kertész: "Seine Arbeit hat wahrscheinlich mehr als die irgendeines anderen Fotografen die Richtung festgelegt, in die sich die moderne europäische Fotografie entwickelte." Finanziell abgesichert kann sich André Kertész fortan bis zu seinem Tod 1985 voll und ganz seinem eigenen Werk widmen.
Das Museum Pfalzgalerie zeigt vom 15. April 2016 an mit der Ausstellung "André Kertész: Budapest - Paris - New York" das Werk dieses herausragenden Fotografen.