Bild und Idee: Grafikdesign aus sechs Jahrzehnten
Geschichte des Grafikdesigns Alles Logos
"Betrat man Mitte der 1980er-Jahre ein Designbüro und dann erst wieder zehn Jahre später, erhielt man beim zweiten Besuch den Eindruck eines völlig neuen Berufs." Mit diesem Satz beginnt Grafiker Jens Müller den zweiten Teil seiner "Geschichte des Grafikdesigns". Im ersten Band ging es um die Zeit zwischen 1890 und 1959, also die Epoche, in der Designer überhaupt erst zum Beruf wurde. Der zweite Teil erklärt das Grafikdesign von 1960 bis heute: sechs Jahrzehnte, in denen sich der Beruf grundlegend gewandelt hat.
Wo in den Achtzigern noch von Hand geklebt, markiert, fixiert, geschnitten wurde, fand spätestens ab den Neunzigern der Gestaltungsprozess in erster Linie am Computer statt. Schon weit vor dem Internet hatten sich in den Grafikbüros Soft- und Hardware-Lösungen etabliert, die Produktionsprozesse vereinfachten und beschleunigten. Die Digitalisierung sorgte schließlich dafür, dass sowohl der Begriff des Designs als auch der des Designers völlig neu besetzt wurden. Dieses Buch berichtet also von einem Strukturwandel, denn auch in der Wirtschaft änderte sich etwas: Konzerne wuchsen und suchten nach neuen, umfassenden Identitäten.
Ein weites Feld, das Müller sich vorgenommen hat. Am Ende füllt es rund 480 großformatige Seiten. Die braucht es auch. Der Bildatlas zeigt 3500 Entwürfe aus aller Welt, 80 Schlüsselwerke analysiert Müller ausführlich. Das Webdesign bleibt dabei eine Randnotiz. Müller entfernt sich nur selten vom klassischen, also gedruckten Grafikdesign.
Bild und Idee: Grafikdesign aus sechs Jahrzehnten
Seine visuelle Reise durch die Ästhetik beginnt chronologisch mit modernistischen Designs und oft reduzierten, bisweilen rein typografischen Arbeiten. Designs wie sie in den Sechzigerjahren gefragt waren, zum Beispiel Karl Gerstners Arbeiten für die Möbelfirma Holzäpfel oder Otl Aichers Lufthansa-Neugestaltung. Eine Bild- und Formsprache, die interessanterweise dieser Tage in den Arbeiten junger Grafikdesigner oft Nachhall findet.
Später sorgten zunächst die Flower-Power und dann der Punk ästhetisch für Erschütterungen, bevor in den Achtzigern schließlich neue technische Möglichkeiten Experimentierfreude entfachten. Die Plakate wurden wilder, eskapistischer, eklektischer, das Spiel mit Farben gewagter. Die recht starren Regeln der großen Nachkriegsdesigner wurden aufgebrochen. Wo zuvor eine der Faustformeln noch lautete "Don't Play With The Logo", tat etwa der Musiksender MTV genau das Gegenteil. Das Markenzeichen des Musiksenders, das große M mit dem scheinbar flüchtig hineingekritzelten TV, bewegte sich plötzlich, wurde zu einem animierten Käsebrot, zu einem gelben Smiley oder - vielleicht am schönsten - einem Bild von Bob Ross.
Marken, Marken, Marken
Dieses Buch berichtet nicht nur von einer Kunstdisziplin, sondern ist auch ein neuerlicher Hinweis darauf, dass alles um uns herum gestaltet ist. Tausende Werbebotschaften erreichen jeden von uns täglich. Aber auch Kultur und Aktivismus kommen nicht ohne Gestaltung aus: Neben vielen Plattencovern und Filmplakaten zeigt Müller auch französische Poster der 68er-Bewegung oder das längst ikonisch gewordene "Atomkraft? Nein Danke!"-Logo der Schwedin Anne Lundt.
Preisabfragezeitpunkt
17.10.2026 15.16 Uhr
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Seitenstränge und Einschübe sorgen dafür, dass es trotz der Bildfülle nie zum sensorischen Overkill kommt. Die strenge zeitliche Ordnung bricht Müller immer wieder durch Fußnoten auf. Wenn wir uns etwa durch 1972 blättern, sehen wir nicht nur die in jenem Jahr zum ersten Mal veröffentlichten bunten Buchcover von Willy Fleckhaus für die Edition Suhrkamp, oder die damals enthüllten Logos von Adidas, Atari und Citroën. Es wird auch das im selben Jahr gegründete Londoner Büro Pentagram vorgestellt. Als eines der einflussreichsten Designbüros bestimmt die Firma bis heute, wie ein Teil der Welt aussieht - von der CD-Hülle der Pet Shop Boys über das Logo der britischen Fast-Food-Kette EAT bis hin zu Postern von Amnesty International.
Trump-Illustrator Edel Rodriguez: "Dem Wahnsinn einfach etwas entgegensetzen"
Müller nimmt sich auch Zeit, einzelne grafische Bewegungen und Strömungen vorzustellen. Er erklärt, dass die Disco-Zeit mit ihrer Neonröhrenästhetik durchaus in das Grafikdesign hineinsickerte, zeigt den enormen Einfluss, den Magazin-Cover von Blättern wie dem deutschen "Twen" in den 60er-Jahren oder der britischen "The Face" zwei Dekaden später besaßen.
Beendet wird das Buch mit den so charakteristischen Zeichnungen des kubanisch-amerikanischen Illustrators Edel Rodriguez. Gezeigt werden nicht nur seine "Time"-Entwürfe, sondern auch jene, die er für den "Spiegel" anfertigte: Aufsehen erregende Kommentare zum politischen Geschehen, "visuelle Waffen" (Rodriguez), die Teil der Kollektion vom Smithsonian Museum sind und etliche Preise gewonnen haben.